Saudi-Arabiens Hauptexportartikel, schreibt Newsweek-Kolumnist Fareed Zakaria, "sind Öl und religiöser Fanatismus". Beides hängt miteinander zusammen und erklärt außerdem das ohrenbetäubende Schweigen, mit dem Riad seit dem 7. Oktober das Bombardement Afghanistans durch die USA und England begleitet.

Eigentlich hätten die Saudis zumindest diskret jubeln müssen. Bin Laden, obwohl ein Landeskind, ist der Todfeind des Hauses Saud, der das Regime des Verrats am Islam bezichtigt. Amerika ist dessen Protektor - seit jenem Junitag des Jahres 1932, als das US-Unternehmen Arabian Standard Oil Company (später: Aramco) zum ersten Mal bei Dharan auf Öl stieß. Amerika hatte 1990/91 eine halbe Million Soldaten gegen Saddam aufgeboten, um ihm Kuwait zu entreißen und dessen Durchmarsch zu den saudischen, den größten Ölreserven der Welt zu vereiteln. Knapp 6000 US-Soldaten sind geblieben - zur Dauerabschreckung des Iraks. Und das ist das Problem.

Es ist 300 Jahre alt - seit sich die Familie Saud mit dem Radikalislamisten Abd al-Wahhab verbündete. Das Gegengeschäft: Die weltliche Macht sichert die Vorherrschaft des Wahhabismus, einer besonders puritanischen Version des sunnitischen Islam; im Gegenzug legitimiert die Geistlichkeit den Expansionismus der saudischen Staatsmacht - sozusagen Papst und Kaiser in einem Gespann, wobei sich der Herrscher explizit als Gehilfe der ihn segnenden Kirche sieht. Als König Fahd 1982 die Macht übernahm, verlieh er sich den Titel "Diener der beiden heiligen Stätten" Mekka und Medina.

Das Problem? Für die Wahhabiten sind Christen und Juden kuffar, Ungläubige, die den heiligen Boden des Islam nicht betreten dürfen. Unwillig, aber dem nationalen Interesse weichend, stimmte die Geistlichkeit zu, als die USA das Land 1990 zur Bastion gegen Saddam ausbauten. Seitdem knirscht es immer heftiger: zwischen Klerus und Königshaus, zwischen Riad und Washington.

Schon 1994 erklärte der Geistliche Safar al-Hawali: "Der wahre Feind ist nicht Irak, sondern der Westen." 1995 und 1996 erschütterten zwei spektakuläre Terrorangriffe das Regime: gegen die US-Militärmission in Riad, gegen die Unterkunft der U. S. Air Force in Dharan. Washington ist überzeugt davon, dass zumindest im ersten Fall Iran die Fäden gezogen hatte, doch inzwischen hatte sich das Königshaus längst mit den Extodfeinden in Bagdad und Teheran arrangiert. Als das FBI die vier Attentäter von Riad verhören wollte, wurde den Beamten nur deren Video-Geständnis gezeigt, wonach sie im Auftrag bin Ladens gehandelt hätten; kurz darauf wurden sie geköpft. Tote reden nicht.

Ebenfalls in den späten neunziger Jahren begann das innere Rapprochement. Die religiösen Gegner des Regimes wurden nach und nach aus den Gefängnissen entlassen. Das Signal: Die arabisch-islamischen Interessen sind uns näher als die Amerikaner. Doch sind die Anfänge der neuen Appeasement-Politik schon dreißig Jahre alt. Um Glaubenstreue zu demonstrieren und die Extremislamisten zu beschwichtigen, zahlt Riad buchstäblich Schutzgeld: durch reichliche Finanzierung jener Medressen, Religionsschulen, quer durch die islamische Welt, die den Wahhabismus predigen und als Kaderschmieden für just jene Terrortruppe gelten, deren sich bin Laden bedient. Der wird übrigens heute noch von reichen saudischen Privatleuten alimentiert.

Und jetzt schweigt das Königshaus, auch wenn der Tod bin Ladens ein Gottesgeschenk wäre. Es ist nicht nur die schiere Angst, die das Königshaus treibt. Denn der erzkonservative Islam der Wahhabiten steht dem der Taliban kulturell viel näher als die kuffar Amerikaner, die letzte Verteidigungslinie des Hauses Saud.