Die Sonne scheint fast ununterbrochen. Es ist Sommer in Berlin, die Tage sind lang, das Licht hellt noch um zehn Uhr abends den Tiergarten auf. Der schöne Tag, von dem Thomas Arslans neuer Film erzählt, ist ein Tag im Leben der 21-jährigen Deniz. Am frühen Morgen verlässt sie das Bett ihres Freundes, dann ist sie viel unterwegs, trifft Bekannte und Unbekannte, trennt sich wie nebenbei von ihrem Freund und ist am nächsten Morgen um mindestens eine Ungewissheit reicher. Sie wirkt weich, ein wenig schlafwandlerisch, trotzdem tritt sie fest auf; aber dann misstraut sie ihrer Selbstsicherheit. War es richtig, sich vom Freund zu trennen? Soll sie den eigenen, wechselhaften Gefühlen trauen?

War das wirklich ein schöner Tag? Vielleicht nicht für Deniz, doch für Thomas Arslan bestimmt. Im Fragebogen des FAZ-Magazins hat der Regisseur Klaus Lemke die Frage nach seinem Traum vom Glück einmal beantwortet mit: "Hin und her fahren". Der schöne Tag sieht aus, als hätte Arslan den Traum seines Kollegen mit dem eigenen Traum vom Kino kurzgeschlossen und aus beidem einen Film gemacht. Deniz fährt S- und U-Bahn, Taxi, und immer wieder geht sie zu Fuß durch die Stadt, durchquert Parks, wartet auf Bahnsteigen, läuft Straßen entlang und auf einen See zu. Sie hat immer ein Ziel und scheint doch zu flanieren. Es kommt Arslan auf die Bewegung an, auf den zwanglosen Ortswechsel, der weder Flucht noch bloßes Fortkommen ist, sondern allmählich zu einer Haltung wird, zu einem Bleiben im Aufbruch. Die Wege strahlen in mildem Licht mit kräftigen Farben; selbst die U-Bahn-Stationen durchquert man plötzlich gern mit den Augen.

Der schöne Tag ist ein Film, durch den sich leicht hindurchsehen lässt, nur den Alltag, die beiläufigen Gespräche und das Sommerlicht im Blick. Wenn man aber den Gesprächen folgt bis hin zu den Sätzen, die Deniz in ihrem Job als Synchronsprecherin aufsagt, dann sieht man einen Film, der die offenen Großstadt-Bewohner nach ihren Bindungen und deren Kraft befragt, der seine Hauptfigur über einen luftigen Parcours navigiert, auf dem die gleichen Motive immer wiederkehren. Und wenn man dann jenseits der Gespräche wieder auf die Bilder sieht, kann man in ihnen einen Vorschein des Glücks erkennen. Arslan inszeniert die Offenheit, die Angst machen könnte, als heitere Passage. Deniz mag gerade eine neue Unruhe in sich entdecken. Der Film bringt sie zur Ruhe. In den Gesprächen geht es um Sackgassen und Irrläufe des Gefühls. Aber in den Gängen durch die Stadt gibt es nichts Stockendes mehr, alles fließt. So begegnet die Kamera den vergitterten Gedanken und bietet ihnen Auslauf.

Deniz synchronisiert Eric Rohmers Film Sommer. Arslan macht aus seinen Vorbildern kein Hehl; seine Produktionsfirma heißt Pickpocket, nach dem gleichnamigen Film von Robert Bresson. Dessen geistige Strenge war vor allem in Arslans letztem, großartigem Film Dealer zu spüren. Der schöne Tag enthält, an Bresson gemessen, zu viel "Atmosphäre", und doch bewegt sich die Hauptdarstellerin Serpil Turhan wie eine Bresson-Figur von Station zu Station, leicht abwesend, als ein Mensch, dessen Wege kaum vom eigenen Willen abhängen. Rohmers Kino, Welten von Bressons Werk entfernt, sickert eher thematisch in Arslans Arbeit ein. Der schöne Tag handelt, wie viele Rohmer-Filme, von der Flatterhaftigkeit des Gefühls. Arslan jongliert allerdings nicht mit einzelnen Beziehungsbedenklichkeiten, sondern meditiert eher indirekt über den Rohmerschen Paradiesgarten aus wuchernden Mutmaßungen und Paarkombinationen. Rohmers innere Beweglichkeit übersetzt er in äußere Bewegung. Deniz soll nicht durch Rede und Gegenrede, sondern auf ihren eigenen Füßen etwas über das zauberhafte Hin und Her des Lebens lernen.