Man soll nicht meinen, der Westen komme ohne Heilige Kriege aus. Der Fall, in dem der Dschihadist willkommen ist, tritt beispielsweise ein, wenn, wo immer, verzweifelt ein Kultursenator gesucht wird. Vom Kultursenator wird erwartet, ein bekennender Fundamentalist zu sein. Unerschütterlich sei sein Glaube an die Kunst: Kämpfen soll er dafür, nichts als kämpfen, und deswegen kommt er aus gegebenen Anlässen auch mit der Kalaschnikow ins Kabinett gestürmt, wo er dem Kollegen Finanzsenator schon mal ein rechter Terrorist sein darf - aber auch nicht zu sehr, denn dem Bürgermeister soll ja vor Ärger nicht die Milz schwellen.

In den allermeisten Fällen ist der zukünftige Kultursenator ein Schläfer. Als Professor, Journalist oder Regisseur murkelt er unerkannt vor sich hin. Doch irgendwann, keiner kennt den Zeitpunkt, weckt ihn der Muezzinruf einer neuen Regierung auf. Dann hat der Heilige Krieg an einem neuen Frontabschnitt begonnen. Von da an trägt er schwere Verantwortung. Er weiß, dass sein Dasein nun nicht mehr lange dauern - mit donnerndem Rücktritt oder nur einem feigen Anschlag aus der Fraktion enden wird. Wer aber kneift, wer sich wirklich tot zu stellen wagt, den führt die Walküre nie nach Walhall, geschweige denn in sonst ein Huri-Paradies. Er wird im Fall der Absage ein Leben in Schande führen, seinen Glaubensbrüdern in Staatstheatern, Opern- und Literaturhäusern hat er das Opfer verweigert: über ihm die Fatwa.

Sie leben in Wien, Berlin oder Freiburg. Keiner kennt ihre Namen, und selbst wenn sie dem Ruf der Bürgermeister folgen, vergisst man sofort wieder, was für ein Mensch sich unter dem Turban des Kriegers verbirgt. Endlos der Strom der Tapferen. Es heißt, es gebe geheime Schulen für blutjunge künftige Kultursenatoren, an ungekanntem Ort, alles sehr diskret. Dort lernten die Elevinnen und Eleven, eine zwölfstündige Peter-Stein-Aufführung zu überstehen, ohne aufzuwachen. Immer wieder und wieder würden die einpeitschenden Abschnitte aus des Propheten Hilmar al-Hoffmann Schrift Kultur für Allah rezitiert, bis zur Trance. Für diese jungen Menschen ist das Amt eines Kultursenators die einzige Möglichkeit, ein - kurzes - Leben in Würde zu führen und Ehre auf die Häupter ihrer Väter zu häufen.

Es gibt keinen Weg mehr zurück. Die meisten Experten beteuern zwar, Kultur sei im Grunde eine friedliche Religion, aber in Wahrheit ist sie zum verzweifelten Kriegsruf der Erniedrigten und Beleidigten geworden. Deren allerletzte Hoffnung sind nun die Kultursenatoren, die ihre Herkunft von einer adornitischen Sekte im Montparnassegebirge Westbürokratiens ableiten. Der Maler Delacroix, der es wissen musste, schrieb einmal, in der Liebe und wenn man einen Koch einstellt, sei alles erlaubt. Wenn man eine Koalition schmiedet und einen Kultursenator sucht, gilt das auch. Allah sei den Kultursenatoren gnädig.