Die beste Enzyklopädie der Welt, die Britannica, wird nur noch als Online-Version erscheinen; zu teuer wurde der Druck wegen des rapiden Wissenszuwachses. Wie viele der neuen Informationen bedeuten aber wirklich einen Erkenntnisfortschritt? Wie lange werden sie Bestand haben? "Wissen" klingt nach gesicherten, harten Fakten, doch warum wird Jahr für Jahr so viel davon als falsch entlarvt?

Wie der britische Historiker Peter Burke, der in Cambridge lehrt, in Papier und Marktgeschrei schlagend nachweist, hat auch das Wissen sein Schicksal: Es entwickelt sich in Abhängigkeit von geografischen Faktoren wie Verkehrsanbindung, Lage und Besiedelung, es wird verändert durch Ordnungssysteme, Bildungsinstitutionen und natürlich technische Gegebenheiten. Vor allem hängt Wissen ab von kulturellen Faktoren - so erschien im Mittelalter ein Atheist undenkbar, Menschen fressende Kopffüßler dagegen nicht.

Für Forscher war es entscheidend, ob sie auf dem Dorf oder in einer Residenzstadt lebten, Kenntnisse von Frauen beurteilte man anders als die von Männern, und natürliche oder politische Barrieren bildeten häufig auch Wissensbarrieren. Schon Blaise Pascal wusste von der Abhängigkeit des Wissens vom geografischen und politischen Ort: Sein treffendes Diktum "Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits" gilt freilich nicht nur für die von Burke untersuchte Epoche von der Frühen Neuzeit bis zur Aufklärung; auch in den Zeiten des Kalten Krieges entschied der Wohnort diesseits oder jenseits des Eisernen Vorhangs darüber, was einer für wahr hielt.

Mit gewohnt luzider Lakonie beschreibt Burke nicht nur die Wirkung des Buchdrucks, durch den Wissen standardisiert, leichter verbreitet und schwerer kontrolliert werden konnte. Er beschäftigt sich mit dem Übergang von den Kategorien der Tradition und Autorität zu denen der Forschung und Empirie oder mit der folgenreichen Behandlung von Wissen als Ware. Er weist nach, wie seit der Renaissance allein der äußerlich scheinende Übergang von naturimitierender Ordnung der Information in Bibliotheken oder Enzyklopädien zu einem alphabetischen System die fragmentarische Weltsicht förderte, eine Weltsicht, die bereits in der Frühen Neuzeit zu Bürokratie, Datensammelwut, Statistikwahn und Fragebögen tendierte. Abgesehen von der etwas schwerfälligen Einleitung und dem abrupten Schluss begeistert Burkes kompakte und intelligente Wissenssoziologie, die gerade in ihren Exkursen nach China und in die islamische Welt die Bedingtheit von Wissen höchst augenfällig macht.

Peter Burke:Papier und Marktgeschrei Die Geburt der Wissensgesellschaft; aus dem Englischen von Matthias Wolf; Wagenbach Verlag, Berlin 2001; 320 S., 48,- DM