Begriffe sind eines, das, was sie bezeichnen, ein anderes. Eine Maschine funktioniert nur, wenn sie exakt konstruiert ist. Für den Begriff der Maschine gilt das allerdings nicht. Gerade deshalb funktioniert er aber bestens als Metapher. So wird die Maschine mit der Erfindung der Uhr im Mittelalter zum Modell für den Kosmos, im 17. Jahrhundert, mit Hobbes, zum Modell des Staates und zur selben Zeit, mit Descartes, auch zum Modell des Menschen. Dass der Mensch eine Maschine sei, gilt seither als anthropologische Norm, die mit einer anderen, erst von Goethe und der Romantik entwickelten Norm, der nämlich des Organismus, in einem andauernden Konflikt steht.

In jüngster Zeit mehren sich die Zeichen dafür, dass auch dieser Gegensatz sich abschleift. Mit den Cyborgs erscheinen im Science-Fiction-Medium schon länger Figuren, die die scheinbar starre Grenze zwischen Kultur und Natur durchlässig machen. Die medizinische und technologische Praxis folgt fleißig dieser Fiktion, bastelt an sich selbst generierenden Maschinen und entwirft den menschlichen Körper als Objekt von Implantationen im Mikrochip-Bereich. Auch in der Theorie wagen sich die Begeisterten zunehmend nach vorn und prophezeien, dass noch vor Ablauf des 21. Jahrhunderts der Mensch seine Stellung als intelligentestes und leistungsfähigstes Wesen verloren haben wird.

Angesichts dieser Tendenzen wäre es äußerst hilfreich, sich an der Metaphern- und Begriffsgeschichte der Maschine in ihrer anthropologischen Bedeutung abzuarbeiten. Da dies aber einstweilen ein kulturwissenschaftliches Großprojekt bleiben dürfte, verdient jedes Einzelprojekt, das sich in dieser Richtung bewegt, um so mehr Aufmerksamkeit. Reizbare Maschinen, die Habilitationsschrift von Philipp Sarasin, seit kurzem Professor für Geschichte in Zürich, wird deshalb gewiss die Kulturtheoretiker reizen, speziell aber die Historiker. Dass er eine Geschichte des Körpers anbietet, ist für die Geschichtswissenschaft nämlich beileibe keine Selbstverständlichkeit. Zwar ist der menschliche Körper seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts Objekt historischer Forschung, aber nur unter der Voraussetzung der ahistorischen Kategorien der Biologie. Die Annahme, es gebe den Körper, wird breitenwirksam erst durch die feministische Kritik aufgelöst, die ihrerseits aber wesentlich auf der singulären Leistung eines Denkers aufbauen kann, der sich selbst weniger als Philosoph denn als Historiker sah: Michel Foucault.

Auf ihn stützt sich, beinahe ganz und gar, auch Sarasin. Er legt damit im deutschsprachigen Raum die erste große historiografische Monografie im Geiste Foucaults vor, eine umfangreiche und detailliert argumentierende Arbeit, die die Stärken, aber am Ende auch die Grenzen des Foucaultschen Forschungsprogramms austestet. In der deutschen Geschichtswissenschaft ist das ein überfälliger, aber nach wie vor auch mutiger Schritt. Denn anders als in Frankreich und den Vereinigten Staaten wird Foucault bei uns, wenn überhaupt, dann als Provokateur und inkonsistenter Theoretiker der Macht wahrgenommen. Unverständnis und Polemik regieren die Debatte. Mit Sarasins Buch ist das nun nicht mehr möglich. Wenn es zu den wissenschaftlichen Standards gehört, die Erörterung ungelöster Probleme auf neuem Niveau voranzutreiben, kann die etablierte Geschichtswissenschaft diesem Buch nicht ausweichen. Jetzt könnte vielmehr die deutsche Debatte um den Historiker Foucault erst wirklich beginnen.

Gesund oder krank? Jeder wählt

Auf zwei Ebenen ist Sarasin seinem geistigen Lehrer verpflichtet. Zunächst methodisch mit dem Ansatz, Geschichte als Diskursgeschichte zu schreiben. Die Diskursgeschichte fragt danach, wann und wie über bestimmte Praktiken gesprochen wird. Denn die Art und Weise des Sprechens deutet auf das, was den Praktiken zugrunde liegt. Die Praxis, die Sarasin speziell interessiert, ist die Hygiene. Und hier kommt die zweite, inhaltliche Ebene ins Spiel. Sie steht unter jenem Begriff der "Sorge um sich", den Foucault in seinen letzten Schriften eingeführt hat, um ein Defizit seiner früheren Arbeiten, die fehlende Theorie des Subjekts, auszugleichen.

Weshalb dieses Interesse an der Hygiene? Während dieses Wort heute nur noch keimfreie Sauberkeit bedeutet, zeigt Sarasin nicht nur, dass diese Bedeutung im späten 18. und vor allem im 19. Jahrhundert vielfältiger ist und daher auch die Vorstellung vom Körper als einer Maschine vieles heißen kann. Sondern er zeigt auch, dass die moderne Art des Sprechens über den eigenen Körper in erster Linie im Rahmen des Hygienediskurses des 19. Jahrhunderts entwickelt worden ist. Im Zentrum dieses Diskurses steht dabei der Glaube, dass es der oder die Einzelne weitgehend selbst in der Hand habe, über Gesundheit und Krankheit zu bestimmen. Dieser Glaube gehört offensichtlich zum Allgemeingut der Aufklärung. Mit dem Erscheinen der letzten Bände der Encyclopédie 1765 lässt Sarasin seine Geschichte daher auch beginnen.