Es war nass und kalt, als wir zum ersten Mal nach Grootbos kamen. Aus dem Südosten, vom Indischen Ozean her, blies ein kräftiger Wind, und die Walker Bay lag verschleiert im Nebel. Wir sahen nur braunen, eintönigen Busch, drahtiges Gestrüpp, das von den Sanddünen am Meeresufer hinaufwucherte bis zu den Kuppen namenloser Küstenberge. Düster wirkte diese Landschaft, verwunschen wie das irische Connaught. Das war im Mai, im südafrikanischen Spätherbst, und wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass es hier je eine andere Jahreszeit geben könnte.

Jetzt ist es Oktober, Frühling am Kap, und die Gegend ist nicht mehr wiederzuerkennen. God's Window, Gottesfenster, heißt der Berg, auf dem wir stehen. Über uns der Himmel so blau wie auf Delfter Kacheln, unter uns eine silbern schillernde Meeresbucht, ringsum Busch - jene bräunlich-graue Ödnis, verzaubert in einen blühenden Garten.

»Das ist Fynbos«, erklärt Sean Privett und fügt die deutsche Übersetzung gleich hinzu: feinblättriger Busch. Privett ist Botaniker und arbeitet im Naturreservat von Grootbos. »Dieses Biom gibt es nur in der Kapregion, nirgendwo sonst auf der Welt.« Es ist ein einzigartiger Naturraum mit sage und schreibe 8600 Pflanzenarten! Allein 300 verschiedene Proteen wachsen hier, darunter so wunderliche Exemplare wie die Nadelkissenprotea. »Oder hier, dieser Salbei, Salvia aurea ...« Privett öffnet den bronzefarbenen Kelch und demonstriert am Blütenstempel die Mechanik der Bestäubung, die durch den dünnen Schnabel des orangebrüstigen Sonnenvogels ausgelöst wird. Eine von tausend Beziehungsgeschichten in diesem hoch sensiblen Ökosystem.

Es blieb nahezu unberührt, weil es keinerlei Begehrlichkeit weckte. Khoikhoi und San, die Ureinwohner, durchwanderten den kahlen Küstenstreifen. Portugiesische Karavellen zogen vorbei und die Ochsengespanne der ersten Siedler aus Holland. Sie suchten nach fruchtbarer Erde. Wovon hätten sie in diesem unwirtlichen Winkel leben sollen? Weder Kartoffeln noch Getreide wären hier gediehen, der nährstoffarme Boden ist als Ackerland ungeeignet. Ein paar Kubikmeter Brennholz aus den windzerzausten Gehölzen, Winterweide für das Vieh, Marmelade aus der Sauerfeige, Wildblumen für den Wochenmarkt - keiner der Farmer, die das karge Land seit der Mitte des 17. Jahrhunderts bewirtschaftet hatten, ist reich geworden. Es sollten viele Sommer vergehen, ehe ein Pionier vorbeikam, der seine unsichtbaren Schätze ahnte.

Alles wispert, knarzt und sirrt

Er hieß Michael Lutzeyer, stammt aus Lüneburg und war damals noch Generalvertreter eines Maschinenherstellers aus Übersee. Mancher Freund mag ihn für verrückt gehalten haben, als er seinen Job aufgab und 1991 Grootbos kaufte. Ein paar baufällige Farmgebäude auf wertlosem Gelände - wie könnte daraus ein attraktives Naturreservat nebst Vier-Sterne-Lodge werden?

»Na ja, es war schon eine riskante Sache«, bekennt Lutzeyer. »Wer Afrika besucht, will Tiere sehen, exotische Tiere, Elefanten, Löwen, Krokodile. Das können wir hier nicht bieten.« Auf Grootbos gibt es nur kleine Antilopen, Klippspringer und Buschböcke, Paviane, Dachse, Luchse, Spinnen, Schlangen, Skorpione und dergleichen. Aber dafür reist niemand 10 000 Kilometer. Und für ein paar Blümchen schon gleich gar nicht. Mittlerweile läuft das Unternehmen im sechsten Jahr, und jeden Frühling sind die Chalets komplett ausgebucht. Das liegt am traumschönen Meerespanorama, an der vorzüglichen Küche, an den Unterkünften, die keinen Wunsch offen lassen, vor allem aber an der Art und Weise, wie dem Gast die Geheimnisse der Fauna enthüllt werden.