MERKEL:
Ich habe diesen Titel deshalb gewählt, weil ich der Meinung bin, dass man im 21. Jahrhundert über die Frage, was bedeutet soziale Marktwirtschaft heute, erneut nachdenken muss, denn unsere Wirtschaftsordnung – oder auch gesellschaftliche Ordnung - schafft nicht das, was die soziale Marktwirtschaft in ihren Gründungszeiten geschafft hat, nämlich allen Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Das war in den 50er und 60er Jahren in der Bundesrepublik normal. Sie schafft nicht - was damals in den Jahren des Anfangs in der Bundesrepublik Deutschland auch normal war - nämlich keine Neuverschuldung auf der Bundesebene zu haben. Auch die Frage nach ‚Wohlstand für alle’ ist so nicht mehr zu beantworten, sondern in der Gesellschaft von heute geht es um ‚Teilhabemöglichkeiten für alle’. Es ist eine Gesellschaft, die sehr viel stärker vom Wissen abhängt, eine Gesellschaft, die altert, und trotzdem wird unser Wohlstand davon abhängen, ob wir genügend Erneuerungskräfte haben in dieser Gesellschaft. Daher lohnt sich, aus meiner Sicht, ein grundsätzliches Nachdenken, wie in der Zeit der Globalisierung – in der auch nationalstaatliches wirtschaftliches Handeln überhaupt nicht mehr dominiert - die Grundzüge der sozialen Marktwirtschaft erhalten werden können, nämlich: auf der Ordnung von Freiheit und Wettbewerb etwas zu erwirtschaften, was dann auch wieder über soziale Verteilung möglich macht, dass alle Menschen ein vernünftigen Leben führen.

Gerade das haben natürlich Tony Blair und Gerhard Schröder in ihrem berühmten ‚Dritten Weg’ auch so benannt, teilweise sogar mit denselben Worten!

Tony Blair und Gerhard Schröder haben mit dem ‚Dritten Weg’ letztlich viele Grundgedanken adaptiert, die die Christdemokraten und die CDU insbesondere mit der Sozialen Marktwirtschaft gegangen sind. Sie hatten nicht das Urheberrecht an der Sozialen Marktwirtschaft und haben die Anpassung an die Realität dann mit diesem Dritten Weg benannt. Ich glaube, wir brauchen keinen Dritten Weg. Die eigentliche Frage ist heute für mich, wie kann ich es schaffen, die Starken im eigenen Land zu behalten, hier eine Wirtschaftsordnung mit den Starken zu organisieren, die letztlich Teilhabe für alle in der Gesellschaft ermöglicht - unter völlig veränderten Bedingungen der Wertschöpfung. Diese Frage wird dann in vielen kleinen Teilen sicherlich beantwortet, aber ich finde schon, dass es da um eine sehr grundsätzliche Frage geht: Wie soll die Gesellschaft in einer globalen Welt aussehen, in der wir leben wollen? Was sind die Wertegrundlagen dieser Gesellschaft? Können wir unser Wirtschaftsmodell, unser Gesellschaftsmodell erhalten, oder ist Globalisierung die Gleichmacherei aller Länder und nur der Wettlauf um den niedrigsten Steuersatz? Und das soll es nicht sein!

Ist da noch ein Unterschied erkennbar zu einer ‚vernünftigen’ sozialdemokratischen – also zu einer reformierten sozialdemokratischen - Politik heute?

Ich glaube, dass das gesamte Denken bei der Christlich Demokratischen Union aus einem anderen Menschenverständnis erwächst - und zwar aus einem individuellen, das die unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen nicht versucht zu nivellieren, sondern herauszubilden und diese Unterschiedlichkeit auch zu pflegen. Daraus kommt ein anderer Stellenwert der Familie - in der Wertebildung erfolgt - der kleinen Einheiten - also der Kommunen, der Lebensgemeinschaften, der ehrenamtlichen Tätigkeit, der Vereine - und ein anderes Verhältnis zur Tradition. Und daraus baut sich dann entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip schrittweise ein Gesellschaftsmodell auf. Und Sie können an vielen kleinen Vorschlägen, wie zum Beispiel die Sozialdemokraten private Rentenvorsorge organisieren und wie wir es machen würden, immer wieder erkennen, dass das sozialdemokratische Denken - so begegnet es mir jedenfalls – immer stärker auf Gruppen ausgerichtet ist, auf Umverteilung ausgerichtet ist und weniger stolz ist auf die ureigensten Fähigkeiten und Unterschiedlichkeiten jedes einzelnen Menschen.

Frau Merkel, die Anschläge vom 11. September, die jetzt die Diskussion und unser aller Nachdenken stark prägen, sind vom Bundeskanzler als Anschlag auf unsere Zivilisation bezeichnet worden – eine Charakterisierung, glaube ich, die den meisten einleuchtet und der die meisten zustimmen werden. Sie sind in einem Land groß geworden, in dem die individuelle Freiheit vom Staat stark beschnitten war. Haben Sie das Gefühl, dass Sie, aus Ihrer Erfahrung heraus, das, was da jetzt passiert ist und unsere Reaktion darauf, die Notwendigkeit die Freiheit zu verteidigen, noch in einer etwas anderen Weise wahrnehmen, als Sie das bei den meisten gelernten Altbundesbürgern feststellen?

Ich habe manchmal den Eindruck gehabt, dass Freiheit etwas sehr Selbstverständliches ist in der alten Bundesrepublik. Und wenn man mit etwas aufwächst, was man immer hat, kann man es ja auch nicht so schätzen. Und insofern finde ich, das Heilsame an diesem schrecklichen 11. September ist, dass wir uns miteinander wieder überlegen müssen, dass das Selbstverständliche gar nicht so selbstverständlich ist und auch der Verteidigung bedarf! Und das führt zu einem Nachdenken über die Grundlagen unserer Gesellschaft - was ich gut finde! – und auch über die Grundlagen menschlichen Lebens, über die Grundlagen dessen, was wir als unsere Zivilisation beschreiben. Auch da gibt es ja zum Teil ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit, Beliebigkeit und Unwissen. Wer zum Beispiel einen Dialog der Religionen haben möchte und führen möchte, muss ja über seine eigene erst einmal bescheid wissen! Die Sprachlosigkeit auf dem Gebiet und bei der Frage, was sind eigentlich unsere Traditionen, was macht die aus, was sind das für Einflüsse - die kennzeichnet dann auch den Eindruck, den vielleicht manch einer außerhalb Europas oder der westlichen Welt hat, dass wir sehr beliebig geworden sind, dass wir sehr oberflächlich geworden sind! Und das Nachdenken darüber findet jetzt statt. Aus der Situation der Unfreiheit in der früheren DDR haben wir sehr viel mehr über die Formen der Freiheit, über das Wünschbare der Freiheit nachgedacht. Wenn man dann in ihr lebt, wird es eben so selbstverständlich, dass man weniger darüber nachdenkt. Das ist vielleicht der Unterschied. Und deshalb würde ich für mich immer sagen, mir ist die Freiheit soviel wert, dass ich sie auch in einer wehrhaften Demokratie gerne verteidige!