Seit seinen Anfängen, vielleicht seitdem die Brüder Lumière 1895 einen Zug auf die Kamera zufahren ließen, arbeitet das Kino nicht nur mit Bildern, sondern auch mit den Erwartungen des Publikums. Es baut sie auf, spielt mit ihnen, bricht oder erfüllt sie. Eines der buchstäblich größten Erwartungsdesaster der letzten Jahre, Roland Emmerichs todlangweiliges Monsterprojekt Godzilla, begann mit dem Motto size does matter und endete mit einem Absturz an der Kasse. Die Filmemacher durften sich leidvoll davon überzeugen, dass es nicht nur auf die Behauptung von Größe ankommt, sondern auch auf eine entsprechende Übersetzung, sozusagen auf "großes" Kino. Diese Größe misst sich nicht in Metern.

Mit Geschwindigkeit statt Größe werben jetzt zwei Hollywoodfilme, die aus der anhaltenden Hysterie um Motorsport, schnelle Wagen, Boxenluder und verwandte Testosteronfantasien Kapital schlagen wollen. Speed does matter: Illegale Straßenrennen und Diebstahl in Hochgeschwindigkeit sind das Terrain, auf dem sich Rob Cohens The Fast and the Furious bewegt. Renny Harlins Driven (ab 15. November) peilt direkt den "Formel-1-Zirkus" an und schickt neben Sylvester Stallone auch Til Schweiger als deutschen Weltmeister Beau Brandenburg ins Rennen (das dürften wir Michael Schumacher zu verdanken haben).

Flitzende Fahrzeuge zieren die Filmplakate, ein Slogan zu Driven heißt "In den Adern Adrenalin! Mit 380 Sachen zwischen dem Leben, der Angst und dem Aus!", ein Fernsehspot zu The Fast and the Furious wirbt mit dem Satz: "Hier zählt nicht, was du kannst, hier zählt nur, wie schnell du bist!" Aber wie wird Schnelligkeit dargestellt? In jüngeren Autowerbespots sieht man Zeitlupen von dahinrasenden Wagen, die durch Jumpcuts und beschleunigte Schnitte Kurven und Geraden zu durchfliegen scheinen. Die Bilder versuchen den Eindruck zu vermitteln, als ließen sich die Bewegungen vor der Kamera kaum festhalten. Weil diese Technik einerseits Tempo vorgibt und andererseits durch die Anleihen an ehemals avantgardistische Montageformen einen Hauch von Kunst verbreitet, wurde das Verfahren auch für inspirationslose Kinofilme wie den letzten Auto-Blockbuster Nur noch 60 Sekunden verwandt.

Driven und The Fast and the Furious pfeifen allerdings auf diese Form der Geschwindigkeitsästhetik, sie gehen traditioneller vor. Im Zentrum steht die rasende Subjektive, der Blick aus der Fahrerzelle, der möglichst rasch gegen Außenaufnahmen von rotierenden Reifen und vorbeihuschenden Wagen geschnitten wird. Ein Vibrieren des Bildes zeigt die Potenz des Motors an. Höhepunkt dieser kinematografischen Tempologie ist in Driven der Fahrerblick durch den strömenden Regen während des Weltmeisterschaftsrennens in Deutschland, eingeleitet mit der Formel: "Welcome to Germany, the home of beer, autobahn and Beau Brandenburg!" Wenn in The Fast and the Furious die Geheimwaffe gezündet wird (Lachgas im Motor!), jagt der Fensterblick durch Lichtreflexe, als würde die Enterprise auf Warp-Antrieb umgeschaltet.

Rückkehr der heißen Reifen

Der Umgang mit Geschwindigkeit ist in beiden Filmen ähnlich standardisiert wie die Story. The Fast and the Furious variiert das Motiv des Undercover-Polizisten, der wie Al Pacino in Cruising oder Keanu Reeves in Point Break eine subkulturelle Szene unterwandern soll. Brian (Paul Walker) schmuggelt sich als Fahrer in die illegalen Straßenrennen von L. A. Hier herrscht Dominic (Vin Diesel), der "im Blut Stickstoff und im Kopf einen Tank voll Benzin" hat. Wie der Cop in Point Break wird auch Brian so sehr Teil der Gemeinschaft, dass er zwischen die Fronten gerät. Sowohl die Liebe zu Dominics Schwester als auch wahre Männerfreundschaft binden ihn an die gesetzlose Clique.

Driven plündert das Genre der Rennfahrerfilme von Howard Hawks' Roter Linie 7000 (1965) über Grand Prix (1966) und Le Mans (1971) bis Tage des Donners (1990). Sylvester Stallone spielt den alten Kämpen Joe, der für seinen ehemaligen Rennstallchef (Burt Reynolds) dem jungen Hüpfer Jimmy Bly (Kip Pardue) mal zeigen soll, wie aus einem Talent ein Gewinner wird. Erzkontrahent ist der deutsche Fahrer Beau Brandenburg - in Le Mans hatte die entsprechende Figur ähnlich vielsagend Erich Stahler geheißen. Irgendjemand hat in dieser Art Filmen immer einen toten oder schwer verletzten Kollegen auf dem Gewissen, hier ist es Stallone, und wie so oft winkt am Ende nicht nur der Formel-1-Titel, sondern auch eine Spur Selbsterkenntnis. "You will know", verspricht Stallone seinem jungen Kameraden, "what Jimmy Bly is really made of!"