Das Individuum ist Schauplatz eines ständigen Prozesses der Umfüllung aus dem Gefäß, das die träge fließende, blasse, einfarbige Flüssigkeit der Zukunft enthält, in das Gefäß, das die Flüssigkeit der Vergangenheit enthält, die bewegt und buntgefärbt wird durch die Phänomene ihrer Stunden."

Diese Passage findet sich im berühmten Proust-Essay des jungen Samuel Beckett, der damals noch recht lange Sätze brauchte, um vom Nichts zu berichten. Der Rezensent entdeckte sie beim Lesen im Zug, unterwegs zwischen den Städten der großen Entscheidungen, zwischen München (neues Stadion) und Berlin (neue Regierung). Beide Städte haben am Wochenende viel Zukunftsflüssigkeit in ihre alten Gefäße gefüllt. Und München war natürlich mal wieder voraus. Um bei Beckett zu bleiben: In Berlin entschied man bloß über die Farbmischung der Flüssigkeit, in München aber über das Gefäß, in das sie gegossen werden soll.

Der Rezensent beschloss, Becketts Sätze anzuwenden auf die Inszenierungen, die er sah auf dieser Reise. Ist das Leben wirklich bloß ein Umfüllprozess bachabwärts? Und wenn ja, wie bewahrt man dabei seine Würde? Drei Strategien, drei Blickrichtungen sind ihm aufgefallen.

Strategie 1: Kampf um jede Sekunde oder der blick in den Spiegel -

Die beiden Männer, die in diesem Spiel gegeneinander stehen, haben den Prozess des Umfüllens fast hinter sich. Das Gefäß ihrer Zukunft ist leer, das Gefäß der Vergangenheit ist voller giftiger Ablagerungen: ein gekipptes Gewässer. Antonio, der Christ, und Shylock, der Jude, die Antipoden aus Shakespeares Kaufmann von Venedig, sind in Dieter Dorns Inszenierung am Münchner Residenztheater zwei Krieger, die sich nur noch beleben, wenn sie hassen können. Dazu brauchen sie einander. Haben sie einander im Blick, dann kämpfen sie um jeden Tropfen Zukunft. Zwei, die sich nicht ansehen, sondern mit scharfer Munition aufeinander zielen, wollüstig durchbebt von Rückstößen.

Antonio (Thomas Holtzmann) hat nichts mehr zu lieben. Sein junger, von ihm begehrter Freund Bassanio wird Portia heiraten, und so ist Antonio schon zu Beginn am Ende. Ab und zu wirft er einen Gewitterblick in die Umgebung. Meist aber geht sein Blick zu Boden, findet keinen Halt, leitet alle Lebensenergie grabwärts. Rolf Boysens Shylock ist nicht weniger zu bedauern: Jeder seiner Ausfälle hat eine Wunde als Grund. Unter seiner Haut, in seinem Fleisch eitern und schwären alle Pfeile, fiesen Blicke und Flüche, die ihn je trafen (man denkt an Gregor Samsa und den Apfel, der in seinem Insektenrücken fault). Bei seinem großen Monolog ("Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?") holt er die Worte von tief unten, sein Inneres ist ein Archiv der Demütigungen, er hat sie alle geordnet, und sein Atem verbindet sie und hält sie am Leben.

Shylock mästet seinen Hass und lässt alles Übrige verdörren. Er frisst die Flüche, die er auf der Zunge hat. Sein Spiel ist eine kulinarische Angelegenheit, er schmatzt vor Vergeltungshunger. Als er Antonio die Gemeinheiten aufrechnet, die dieser ihm zugefügt hat, wirkt Holtzmanns Antonio wie von den eigenen Sehnen, Nerven, Schluckreflexen eingeschnürt, der Mann ist gepeinigt von Gier und Widerwillen, er ist gefesselt an den Feind. Er lacht weit und hoch aus, als er hört, dass der andere sein Fleisch will als Pfand; es ist wie die Ankündigung einer unsittlichen Berührung, die den alten Antonio mehr erregt als empört. Der Jude will unter seine ledrige Drachenhaut? Hhhach, was für eine Idee!