Sollte es je ein erotisches Vorspiel in der Musik gegeben haben, dann hier: Eng schmiegt sich der Bass ans elektrische Piano, sie bewegen sich im Gleichklang, während das Schlagzeug in ruhigen Wirbeln die Spannung in der Schwebe hält. And The Wind Cries Mary weht durchs offene Fenster herein, ein Hauch von Jimi Hendrix, doch noch immer lässt das Thema warten - jetzt! denkt man, wenn sie langsam im Blues schaukeln, und dann doch wieder die verzögernde Stille, noch einmal der vertraute Tonschritt, bis - jetzt! endlich nach drei Minuten jener Trompetenton einsetzt, der dieser Musik seinen Namen gibt: Miles Davis.

Das Schockierende an diesem Vorhalt: Alle berechtigten Einwände, jedes Stirnrunzeln und alle ästhetisch korrekten Zwischenrufe werden bestätigt und im gleichen Moment von der Musik weggetragen. "Wahrscheinlich wird Columbia diese Aufnahmen herausbringen, wenn sie am meisten Geld bringen - wenn ich tot bin", mutmaßte Miles Davis, und er hatte Recht. Nach den Luxusausgaben seiner Aufnahmen mit Gil Evans, dem Miles Davis Quartet der sechziger Jahre, den Live At the Plugged Nickel-Mitschnitten und Bitches Brew-Sessions veröffentlicht Sony/Columbia nun The Complete In A Silent Way Sessions. Es ist eine jener musikalischen Sensationen, die man eigentlich nicht suchen müsste, da sie auf der Straße liegen (Sony C3K 65 362).

Die Studioaufnahmen eines halben Jahres - vom 24. September 1968 bis zum 20. Februar 1969 - werden hier hervorragend editiert erfasst, die Zeit eines Umbruchs, der die alte melancholische Wut in neuen Farben aufleuchten lässt. Miles Davis verabschiedet sich von den vertrauten Standards, die er immer wieder spielen musste, von den Dogmen des akustischen Museums, wechselt vom Jazztum in die Rockmoderne. Und wie auf einer Bühne treten bekannte und neue Akteure auf, stehen kurze Zeit gemeinsam im Studio, verabschieden sich, gründen neue Formationen, die Stile der achtziger Jahre des Rockjazz werden in die Welt entlassen: Lifetime, Mahavishnu Orchestra, Weather Report.

Mademoiselle Mabry heißt jener anfangs erwähnte Titel, nach jener 23-jährigen Betty Mabry benannt, die für kurze Zeit zur Mrs. Betty Davis wurde, die das Ambiente der Rockmusik in die Welt des Miles Davis brachte. Die Alben Filles De Kilimanjaro und In A Silent Way wurden im Februar und August 1969 veröffentlicht, ein Schock für viele, die nach dem hoch verdichteten Quartett der sechziger Jahre plötzlich den schwebenden Klängen eines elektrischen Fender Rhodes Piano ausgesetzt wurden. Es klang verwirrend und war doch ganz einfach. Drei Pianisten übernahmen die Aufgabe, den Klangraum mit E-Pianos zu skizzieren: Chick Corea als rhythmisches Gitarren-Imitat, Herbie Hancock als Klangmaler und Joe Zawinul als Doppelgänger des Bassisten Dave Holland. Das befreite die Schlagzeuger, schuf offene Räume für die pointillistischen Melodiepartikel, die einfachen Tonschritte von Wayne Shorter und Miles Davis. Anstelle der Auflösung des Vertrauten in die unsicheren Gefilde des Free Jazz trat die Umgruppierung bekannter Versatzstücke über den beruhigenden Puls des Blues, der Rockmusik, des Funk eines Sly Stone und James Brown - eine tanzbare Avantgarde.

Die Verbindung aus Pop-Grammatik und Jazz-Semantik ließ jenes Zwischenreich entstehen, in der die Suche von Miles Davis zu ihrer Form fand: im Offenen, im Risiko einer Musik, die sich nicht vorab auf ein Ergebnis festlegen lässt. Da ist noch nichts von jenem dynamischen Jazzrock von Bitches Brew zu vernehmen, da treiben die Stimmen in einem endlos entspannten Zeitkontinuum. Ob das bisher unveröffentlichte The Ghetto Walk 26 Minuten dauert oder sich doppelt so lange im Kreis wieder schließen würde, es machte keinen Unterschied.

Oft wurden diese Sessions als Sündenfall des Jazz beschrieben, da Teo Macero, Vertrauter und Produzent von Miles Davis, die vorhandenen Aufnahmen umschnitt, zerstückelte, neu zusammenklebte und somit das Original zum Original dekonstruierte. Ein Kunststück der Verwandlung von Improvisation in Komposition, hört man jetzt die 46 Minuten verwendbarer Musik, von denen er 33 Minuten für In A Silent Way benutzte, um schließlich - durch Verdoppelung - ein Album mit 40 Minuten zu kreieren. "Ein Meilenstein in Minimalismus", schreibt der Musiker, Pianist und Arrangeur Bob Belden in seiner Analyse der Sessions im opulenten Beibuch. Bedauerlich übrigens, dass auf dem Altar des exquisiten Designs die Verständlichkeit geopfert wird: Auf gelben Seiten bleibt weiße Schrift unleserlich.

Macero zum Trotz, die Rohfassungen haben die gleiche Ausstrahlung wie das Endprodukt, da sie das Prinzip des Ganzen in jedem Segment enthalten: die Musik von jedem überflüssigen Ton zu entschlacken, die Töne im harmonisch Ungefähren zu belassen, jeden harmonischen Schritt schon als Offenbarung zu empfinden, voll vibrierender Aufmerksamkeit und zugleich hochgradig entspannt. Ob dies das bisher ungehörte Splashdown oder das makellose Early Minor betrifft. Miles Davis: "Das ist so, wie wenn man Fisch mit Zitrone beträufelt ... es hebt den Geschmack hervor."