Im Frühjahr noch ließ Verteidigungsminister Rudolf Scharping verkünden, überschüssige Kleinwaffen würden künftig verschrottet. Seither wartet Dietrich Garlichs, Geschäftsführer des Kinderhilfswerk Unicef Deutschland, vergeblich auf eine "publikumswirksame Verschrottungsaktion auf irgendeinem Berliner Platz". Davon hatte Garlichs geträumt. Bei der Bundeswehr stehen fast eine halbe Million G-3-Gewehre zur Ausmusterung an. Eine öffentliche Vernichtung der auf den Gebrauchtwaffenmarkt begehrten Schusswaffe hätte aller Welt signalisiert, dass Deutschland die verhängnisvolle Weiterverbreitung einstellt. Der Verteidigungsminister hätte wirklich ein Zeichen setzen können.

Kleinwaffen wie das G-3-Gewehr oder die russische Kalaschnikow sind "die eigentlichen Massenvernichtungswaffen", wie der Geschäftsführer der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), Bernd Eisenblätter, das fatale Gemenge aus Sturmgewehren, Maschinenpistolen, Handgranaten, Personenminen oder tragbaren Abwehrraketen nennt. Dieses Arsenal ist vor allem in den ein bis zwei Dutzend "Bürgerkriegen" oder in anderen innerstaatlichen Gewaltkonflikten im Einsatz - mit fatalen Folgen für die Bewohner: 90 Prozent der drei Millionen Kriegstoten aus den vergangenen zehn Jahren waren Opfer von Kleinwaffen, dokumentiert eine Studie des Internationalen Konversionszentrums in Bonn (BICC).

Der Völkermord an einer Million Flüchtlingen im Ostkongo gehört ebenso dazu wie das Gemetzel des früheren Pol-Pot-Regimes in Kambodscha. Der afrikanische Warlord und heutige Präsident Liberias, Charles Taylor, zum Beispiel hat Anfang der neunziger Jahre mit ein paar hundert Söldnern einen verheerenden Kleinwaffenkrieg angezettelt und sich damit an die Macht geputscht. Als Präsident Liberias schürt er nun die Konflikte der Nachbarregion Sierra Leone. Zu beklagen ist nicht nur der Blutzoll des Kleinwaffeneinsatzes. Eine GTZ-Untersuchung zur Kleinwaffenproblematik in Entwicklungsländern unterstreicht, dass damit "jede nachhaltige politische und ökonomische Entwicklung wie auch der Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen" verhindert wird. Und die GTZ geht noch weiter: "Erfolge jahrzehntelanger Projekte werden durch die mit Kleinwaffen verübte Gewalt zunichte gemacht."

Kleinwaffen sind "perfektes" Kriegsgerät vor allem für Guerillas. Bei ihnen sind das deutsche G-3-Gewehr von Heckler & Koch und die russische Kalaschnikow sehr beliebt. Sie zeichnen sich durch lange Lebensdauer und einfache Bedienung aus, sind leicht zu transportieren und gut zu verstecken. Generell herrscht an Kleinwaffen kein Mangel: Während des Kalten Krieges haben die Großmächte ihre Verbündeten weltweit auf- und ausgerüstet.

Allein die USA haben zwischen 1950 und 1975 weit über zwei Millionen Gewehre an befreundete Länder in Europa und der Dritten Welt verschenkt. Während der achtziger Jahre hielt der Boom an. Der amerikanische Geheimdienst CIA hat an die Mudschahidin Waffen im Wert von neun Milliarden Dollar verteilt. Unter ihnen die Stinger-Raketen, die den Sowjets jene Niederlage bereitet haben, die sie zum Rückzug zwang. Viele der Krieger kämpfen heute für das Taliban-Regime gegen die Amerikaner.

Auch Deutschland hat mitgemischt. Auf der Liste der größten Waffenexporteure steht das Land aufgrund des verkauften oder verschenkten NVA-Arsenals der alten DDR auf einem vorderen Platz. Mit Exportgenehmigungen in Höhe von knapp sechs Milliarden Mark halten die Deutschen 1999 Platz drei.

Die hoch gespannten Erwartungen, das Ende des Kalten Krieges und die eingeleitete Abrüstung würden auch den Handel mit Waffen einschränken, haben sich nicht erfüllt. Er nahm zwar für ein paar Jahre ab, seit Mitte der neunziger Jahre aber wieder zu. Veronika Büttner von der Stiftung Wissenschaft und Politik: "Nachdem der Rüstungshandel 1992 bis 1994 auf das Niveau der frühen siebziger Jahre geschrumpft war, fand 1995 bis 1998 ein Zuwachs von mehr als einem Drittel statt."