A F G H A N I S T A N Das umstellte Land
Fremde Eroberer, die Einmischung der Nachbarn und die eigenen Clans ließen Afghanistan ausbluten. Auch wenn die Taliban stürzen, gibt es wenig Hoffnung auf Frieden
Mit der Einladung an die Hand voll verbliebener Journalisten signalisierte das afghanische Regime seine Bereitschaft zum Einlenken. Aus Kabul rumpelte der winzige Pressekarren in Richtung pakistanischer Grenze. Von der feldgrauen, endlosen Ebene trieb der Wind Wolken trockenen Staubes zwischen die verfallenden Lehmhütten. Zusammengekauerte Gestalten, die Frauen unter Burkas, hockten an Mauernischen und Telegrafenmasten aus dürren, krummen Stämmen. Die Gräber unter unbehauenen Felssteinen, die ab und an die Piste säumten, verrieten nicht mehr, ob Kugeln oder Krankheiten den Menschen hier draußen den Tod gebracht hatten.
Plötzlich tauchte aus der bleiernen Wüste am Fuße des Hindukusch eine Festung mit gewaltigen Türmen und kahlen Mauern auf. Die Piste endete. Kein Leben rührte sich mehr in der Landschaft ringsum. Wozu auch - wer in die Festung Pulischari kam, in das politische Gefängnis östlich von Kabul, verließ die Welt auf Jahre. Oder für immer.
Doch an diesem Tage sollte alles anders werden. Die "Politischen" durften Pulischari verlassen. Transparente vor der Bastion verkündeten: "Die nationale Versöhnung wird siegen". So hatte es die große ausländische Interventionsmacht angeordnet. Die Claqueure des Regimes bildeten Spalier. Die Überlebenden wankten heraus mit Metallkoffern, Matratzen, rostigen Klappbetten, zerbeulten Thermoskannen, Plastikgeschirr.
Es war ein endloser Zug: Paschtunen mit gewaltigen Schnauzbärten, persischstämmige Tadschiken mit fein geschnittenen Gesichtern, Hazara mit mongolischen Zügen, Nuristaner der ostafghanischen Bergzonen mit Turbanen, halbnomadische Aimaken mit Mützen aus Wolfsfell, Usbeken mit ihren eckigen Tubifekas. Keine Koalition wäre je imstande, so viele der 55 Ethnien Afghanistans zu vereinen wie in diesem Pulk, der sich aus Pulischari schleppte.
Das war vor fast 15 Jahren. Mit der Amnestie begann Anfang 1987 der Versuch, eine Regierung auf breiter Basis zu bilden. Sie sollte an die Stelle der von Michail Gorbatschow zurückgerufenen sowjetischen Truppen treten. Die "gemäßigten" Kommunisten um den Präsidenten, den Paschtunen Nadschibullah, waren dazu ausersehen, weiterzumachen. Sie sollten bürgerliche Minister, ehemalige Beamte der alten Monarchie Zahir Schahs, islamische Würdenträger und private Geschäftsleute einbinden.
Wohin das führte, ist bekannt. Afghanistan, in dem Loyalitäten der Stämme so schnell welken wie die Blüten des Schlafmohns, brach in die Territorien der warlords auseinander. Die USA und Afghanistans engster Nachbar Pakistan förderten zunächst die Mudschahidin, die Glaubenskrieger, gegen die Sowjetunion. Als diese Kabul zerstörten und sich in den Trümmern gegenseitig bekriegten, baute der pakistanische Geheimdienst ISI mithilfe der CIA das Regime der Taliban auf. Der ISI setzte die in Pakistan aufgezogenen, radikalen Koranschüler aus den afghanisch-paschtunischen Flüchtlingslagern als Statthalter in Kabul ein, um den afghanischen Hinterhof für Pakistans Konflikt mit Indien zu sichern. Die Amerikaner wollten mithilfe der Taliban den Bürgerkrieg der Mudschahidin beenden. Ihr Ziel war es, die Pipelines von den mittelasiatischen Gas- und Ölfeldern am feindlichen Iran vorbei durch ein befriedetes Afghanistan zu führen. Doch das neue große Spiel zur Eindämmung Russlands und Indiens ging nicht auf. Die Zauberlehrlinge aus den Koranschulen setzten sich bald über ihre Meister hinweg. Sie zersetzten Pakistan mit Schmuggel, Drogen und Fanatismus. Sie kehrten sich unter dem Einfluss des Osama bin Laden gegen die Amerikaner.
Nun soll nicht nur bin Laden, sondern auch das Regime der Taliban zur Strecke gebracht und wieder eine allumfassende Regierung der Versöhnung eingesetzt werden. Sie müsse eine "breite Basis" haben, mit "repräsentativer ethnischer Zusammensetzung", heißt es in einem Papier des Auswärtigen Amts. Die Absprachen über die Machtverteilung unter dem greisen Exkönig Zahir Schah laufen auf Hochtouren. Er soll nach fast dreißig Jahren im Exil nicht nur das Herrschaftsvolk der Paschtunen - bisherige Emigranten und gemäßigte Taliban - wieder einen, sondern auch die Nordallianz gebührend berücksichtigen. Im Norden, auf einem Zehntel des Territoriums, hatten sich die übrigen Ethnien, Mudschahidin und regionalen warlords zur letzten Bürgerkriegsfront gegen die Kabuler Koranschüler zusammengerauft.
Mangels Alternative wird die Koalition unter dem 87-jährigen Monarchen als Königsweg zum eiligen Wiederaufbau eines Staatswesens propagiert. Das klingt, als ob es in diesem geschundenen Land der fremden Einmischungen und der selbstzerstörerischen Stammesfehden je die Wahl zwischen Clanstrukturen und Bürgerrechten, fundamentalistischen Lebensregeln und Säkularisierung im Sinne von Habermas' Frankfurter Dankrede gegeben hätte.
Doch alles muss jetzt schnell gehen. Mitte November kommt der Schnee, beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. Schon triumphiert US-Generalstabschef Richard Myers für die Öffentlichkeit: "Wir haben praktisch Bewegungsfreiheit über Afghanistan." Doch welche Bewegungsfreiheit in Afghanistan kann es geben? Die USA tasten sich in einen Bodenkrieg wie seit Vietnam nicht mehr. Mit einer veränderten Bombenstrategie scheinen sie dem Kriegshaufen der Nordallianz nun doch den Weg bahnen zu wollen. Und wenn der "Sieg" Kabul erreicht, bevor er mit politischen Mitteln fortgesetzt werden kann? Wer soll dann, falls die Taliban noch vor dem Winter weichen, Afghanistan an "unsere Zivilisation" binden? Die Amerikaner wollen das höchstens für kurze Dauer übernehmen. Die Europäer mit den in Kabul traditionell beliebten Deutschen können es nicht. Und die von Präsident George W. Bush eingeladenen Vereinten Nationen würden es am liebsten nicht wollen können.
Der Literaturnobelpreisträger von 1907, Rudyard Kipling, dem die Kolonialherrschaft noch als Erziehungsmission des weißen Mannes galt, hat das verlustreiche Duell des britischen Empire und des zaristischen Russlands um Afghanistan als das "große Spiel" des 19. Jahrhunderts romantisiert. Der neue Friedensnobelpreisträger, UN-Generalsekretär Kofi Annan, hat vergangene Woche wesentlich prosaischer an den Sicherheitsrat appelliert: Ohne die gemeinsame Unterstützung der sechs Nachbarländer Afghanistans könne es überhaupt keine Lösung geben. Da aber fünf der sechs Anrainerstaaten ethnische Verwandte unter den Völkern Afghanistans haben, sieht das neue great game nach einem schwachen Spiel mit wenig Trümpfen aus - dramatisch zwar, aber alles andere als romantisch.
Pakistan und die Paschtunen. Grob gesagt ist Afghanistan je zur Hälfte zwischen den Paschtunen im Südosten und den anderen Ethnien im Nordwesten geteilt. Das Siedlungsgebiet der Paschtunen wiederum liegt zu einer Hälfte in Afghanistan, zur anderen in Pakistan. Dort macht das Grenzvolk zwar nur ein Fünftel der 150 Millionen Einwohner aus. Dennoch liegt in der alten Teilung der Paschtunen - die Durand-Linie zwischen Britisch-Indien und Afghanistan hatte ihr Gebiet vor über hundert Jahren zerschnitten - ein Kern der heutigen Tragödie am Hindukusch.
1979 zogen die blutigen Rivalitäten der Clans in der afghanischen KP die Sowjets ins Land: Indiens Verbündeter besetzte den pakistanischen Hinterhof. Klar, dass die Waffen und Dollar-Milliarden des Westens gegen die russischen Invasoren über Pakistans Paschtunengürtel flossen. Klar auch, dass Islamabads autoritäre Herrscher, die zwischen westlichem Modernisierungsdruck und Scharia-Populismus schwankten, immer wieder von einem sunnitisch-islamischen Block gegen Hindus, orthodoxe Russen und schiitische Iraner träumten. Die Realität aber, vor der sie nach dem Sieg der Taliban die Augen verschlossen, war der Paschtunengürtel auf pakistanischer Seite. Über ihn zerstörten die Koranschüler die Gesellschaft, die sie genährt hatte.
Seit dem 11. September aber hat Präsident Pervez Musharraf die größte aller Wenden vollzogen und Pakistan zum wichtigsten Verbündeten der USA gegen die Taliban gemacht. Sein Hauptziel - neben der Hoffnung auf schnelle Finanzspritzen für das fast bankrotte Land - ist es jetzt, die paschtunischen Exilgruppen in den Grenzorten zusammenzuschmieden. Damit will er erreichen, dass die Beteiligung der übrigen Ethnien an Afghanistans künftiger Regierung auf ein Mindestmaß reduziert bleibt. Doch Armee und Geheimdienst, die das Taliban-Regime hochgezogen haben, sind nach dem Kurswechsel des Präsidenten gespalten. Falls die Taliban vollends aus Afghanistan zurückweichen, werden sie den pakistanischen Paschtunengürtel und die muslimische Bevölkerungsmehrheit in Kaschmir weiter aufwiegeln. Schlüge Indien zurück, könnte sich Muscharraf nicht länger an der Seite der USA halten.
Flugzeugträger Usbekistan
Die Nordallianz. Mazar-i-Sharif, die Hauptstadt der Provinz Balch, in der einst Zarathustra predigte, ist zum wichtigsten geostrategischen Punkt geworden. Sie liegt nur 60 Kilometer von der Grenze zu Usbekistan entfernt, das sich jetzt freiwillig zu einem amerikanischen Flugzeugträger umrüsten lässt. Wenn Mazar-i-Sharif an die Nordallianz fällt, stehen die Nachschubwege offen. Bevor Kommunisten, Mudschahidin und Taliban diese Stadt jahrelang umkämpften, besaß sie eine vergleichsweise offene Gemeinschaft. Wenn morgens die Esel- und Kamelkarawanen von den Bergen heranzogen, dann erschien dieses Handelszentrum für Karakulfelle wie eine Fata Morgana des fernen Friedens. Im Basar türmten sich Berge von Reis. Usbeken, Tadschiken, Turkmenen mahlten Hülsenfrüchte mit den Steinmühlen aus der Vorväterzeit. Das Salz aus dem Hindukusch wurde in grauen Blöcken wie aus einem Steinbruch von Transportern geladen. Die im Rheinland ausgemusterten Lkw warben weiter für Kölsch, was damals noch kein Getränk des Satans war.
Die Nordallianz, verwegen und militärisch verwendbar wie ein mittelalterlicheer Räuberhaufen, repräsentiert mit 12 000 Mann die nichtpaschtunischen Minderheiten. Am stärksten sind jene ethnischen Gruppen vertreten, deren Stammländer jenseits der Nordgrenze liegen: Tadschiken, Usbeken, Turkmenen, dazu noch die besonders grausam verfolgten "Ketzer", die schiitischen Hazara aus Zentralafghanistan. So wie Pakistan und die Paschtunen keine nordischen Vertreter in der Kabuler Regierung sehen möchten, so entschieden lehnt die Nordallianz alle Taliban ab. "Es gibt keine gemäßigten Taliban", hat Außenminister Abdullah Abdullah dem pakistanischen Präsidenten entgegengehalten. Es mag in der Tat nur opportunistische Taliban geben. Doch gleiches hat auch immer für die jetzt wieder aufsteigenden Kriegsfürsten der Nordallianz gegolten. Ihr usbekischer General Dostum zum Beispiel wechselte mehrfach die Fronten und war auf allen Seiten für Massenexekutionen und Folterungen verantwortlich.
Der Iran. Teheran beherbergt den einst von der CIA finanzierten Mudschahidin und Expremier Gulbuddin Hekmatyar. Er ruft jetzt alle Afghanen zum Kampf gegen die USA auf. Die iranische Führung unterstützt dennoch - und trotz ihres historisch begründeten Misstrauens gegen die Amerikaner - den Krieg gegen die Koranschüler. Dem schiitischen Gottesstaat gelten die sunnitischen Taliban als Destabilisierungsfaktor für die Region und als Schandfleck für die islamische Religion. Seine Solidarität gilt den schiitischen Hazara und den ethnisch verwandten Tadschiken der Nordallianz.
Die mittelasiatischen Nachbarn. Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan sind arme Despotenregime, geprägt von Vetternwirtschaft und unfähiger Verwaltung. Russland sieht in ihnen eine feste Mauer gegen den Islamismus. Nun muss Putin gute Miene dazu machen, dass sich die Amerikaner auf Flugplätzen einnisten, die das sowjetische Imperium einst baute. Die armen Potentaten rechnen sich guten Lohn aus und hätten nichts dagegen, wenn die USA Landebahnen und Luftkorridore längere Zeit benutzen würden.
Besonders weit hält der usbekische Präsident und frühere KP-Chef Islam Karimow seine Hand auf. Er führt seit Jahren einen brutalen Kampf gegen die islamische Bewegung Usbekistans, deren Führer ein Vertrauter bin Ladens ist. George Bush hat die Bewegung prompt auf die Terroristenliste gesetzt. Gleichzeitig will Karimow Usbekistan mit seinen 25 Millionen Menschen zur stärksten Militärmacht der Region machen. Die USA haben ihm bereits Millionen für neue Waffen und Milliarden an Finanzhilfen in Aussicht gestellt.
China. Nur 87 Kilometer lang ist der Wachkan-Korridor, der China und Afghanistan zu Nachbarn macht. Er entstand als Pufferzone, die England und Russland zum Ende ihres great game zwischen sich ließen. Dieser kleine historische Winkelzug hat jetzt, hundert Jahre später, große Folgen. Zum ersten Mal seit Beendigung des Kalten Krieges unterstützt China eine amerikanische Militäraktion. Als Gegenleistung erwartet Peking Schützenhilfe bei der Unterdrückung der Uiguren in Westchina. Sie sollen weltweit als Terroristen gebrandmarkt werden - wie es Putin für die Tschetschenen verlangt.
Die Uiguren, eine Minderheit von acht Millionen in der Provinz Xinjiang, sind in der Mehrheit gemäßigte, tolerante Muslime. Eine militante Minderheit ist allerdings durch die religiösen und militärischen Schulen der Talibanlager gegangen. Sie haben Bomben gelegt und chinesische Provinzpolitiker ermordet. Dennoch ist Pekings Sorge übertrieben, dass die Grenzprovinz zu einem zweiten Kaschmir werden könnte.
Selbst wenn die Amerikaner bin Laden bald aus einer seiner Höhlen holen sollten - wo ist der Faden, der dann aus dem afghanischen Labyrinth führt? Welche militärische Kraft kann einer Versöhnungskoalition unter Zahir Schah das Gewaltmonopol sichern? Soll die Regierung auf den Islam, die ethnische Vielfalt oder ein neues Nationalgefühl setzen? Eine nationale Identität haben die Untertanen der Clans nie zuvor herausgebildet. Als kleiner Lichtblick erscheint, dass die Koranschüler keinen der sechs Nachbarstaaten Afghanistans gegen einen anderen ausspielen konnten. Die Anrainer scheinen zumindest begriffen zu haben, wie ernst das große Spiel diesmal ist.
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