Berlin, Potsdamer Platz, Wahlparty der SPD am vergangenen Sonntag im DaimlerChrysler-Gebäude. Siegerlaune, Sekt und Bier und rote Luftballons. Und viele kleine Explosionen: Mit Kugelschreibern bewaffnete Sicherheitsleute zerstachen mit großer Ernsthaftigkeit die Ballons, auf dass sie nicht womöglich die Sprinkleranlage auslösen könnten. "Sicherheitsstufe eins, schon seit einer Woche im ganzen Gebäude", erklärte einer von ihnen. Doch am Eingang begnügte man sich mit halbherzigen Kontrollen, ganz so, als bedürfe Berlins Regierender Bürgermeister dieser Tage keines besonderen Schutzes.

Deutschland im Herbst 2001 - wie ernst nimmt das Land den islamistischen Terror?

Ernst genug, einerseits, der grünen Bundestagsabgeordneten Katrin Göring-Eckardt ihre Nagelfeile wegzunehmen, ehe sie sich zu ihrem Parteifreund Joschka Fischer ins Flugzeug nach Islamabad setzen darf. Nicht so ernst, andererseits, dass jene vier alten Atomkraftwerke abgeschaltet würden, deren Reaktorkuppeln auch dem Aufschlag eines kleineren Flugzeugs kaum standhalten würden. Ernst genug, wiederum, vor der amerikanischen Botschaft in Berlin Sicherheitsleute mit Maschinengewehren aufzustellen. Aber doch nicht so ernst, dass man auch gleich die Zufahrt zu jener Tiefgarage überwacht hätte, die sich die US-Diplomaten mit dem Sprachenzentrum der Berliner Humboldt-Universität teilen. Seit kurzem erst kontrollieren Polizisten, wer dort ein- und ausfährt.

Deutschland im Herbst 2001. Während die Leibwächter der politischen Klasse Sicherheitsdienst nach Vorschrift leisten und die Union den Zivilschutz zum "Thema Numer eins" zu machen droht, herrscht draußen im Lande allenthalben Verwirrung. Was soll man auch tun? Auf die USA und ihre Verbündeten vertrauen? Schill wählen? Oder doch im Internet das "Anti-Terror-Security-Paket" für 289 Mark mit Gasmaske und Jodtabletten ordern?

Ein Werbebrief mit der Aufschrift "Wenn Sie diesen Brief öffnen, wird das ihr Leben verändern" löste in Berlin einen Großeinsatz für Polizei und Feuerwehr aus, ein Möbelhaus wurde komplett evakuiert. Verdächtig auch ein Häufchen Staub auf einem Türrahmen, über dem erst die eilig zu Hilfe gerufenen Polizeibeamten die zugehörigen Bohrlöcher entdeckten. Psychiater seien derzeit "verstärkt mit Panikattacken konfrontiert", heißt es aus der kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden.

"Wir haben nichts zu fürchten als unsere Furcht", mahnt die Deutsche Post in großen Zeitungsanzeigen. Eine verständliche Sorge. Mit weißem Pulver unterschiedlicher Zusammensetzung treiben Trittbrettfahrer der amerikanischen Milzbrandterroristen Deutschlands Briefzusteller zur Verzweiflung. Jede verdächtige Sendung müssen sie streng nach den Vorgaben des Berliner Robert Koch-Institutes behandeln: Nicht anfassen, nicht schütteln, nicht dran riechen, Behälter isolieren und in einen leeren Raum bringen. Manche Sendung wird aus Sicherheitsgründen gleich eingeschweißt und ins Labor gebracht, wo sie sich dann als, beispielsweise, Gelierzucker, Ostseesand, Tee-Extrakt oder Rinderfettpulver erweist.

Allein in Rheinland-Pfalz zählte das Landeskriminalamt bis Montag, zwölf Uhr, 74 Briefe und Pakete, aus denen "eine weiße, pulverförmige Substanz" rieselte. In Berlin wurden seit dem 10. Oktober 128 Verdachtsfälle registriert. In Brandenburg kam man bislang auf 57 Milzbranddrohungen, aufgeklärt wurde eine: ein Streit unter Nachbarn. Und all das, obwohl es in Deutschland bislang nicht einen ernst zu nehmenden Hinweis auf einen Anschlag mit biologischen Waffen gibt. Schon ein einziger echter Milzbrandbrief, warnt der Wiesbadener Kriminologe Rudolf Egg, werde "die Situation völlig verändern" - "noch mehr Fehlalarme und auch noch mehr Nachahmungstäter". Schöne Aussichten.