Jenny Erpenbeck, Jahrgang 1967, stammt aus einer traditionsreichen Künstler- und Literatenfamilie, was ihrer Sprache deutlich anzuhören ist. Erpenbecks ellipsenreiche Geschichten wandeln behutsam zwischen pittoresken Beschreibungen und alptraumhaften Visionen, in denen sie sich immer wieder an Kleinigkeiten festbeißt. Da schmoren die nebensächlichsten Dinge so lange im Fokus der Erzählung, bis sie zu einem Wunder der Natur werden; oder auch zur furchterregenden Zeichnung einer düsteren Kehrseite. Während ihres Vortrags - einem Bericht über den Verfall des Körpers ihrer Großmutter - stockte Erpenbeck mehrmals, unterbrach dann ganz und erkundigte sich, wer denn da eigentlich die ganze Zeit lache. Fortan war aus der abgemahnten Ecke des Raumes kein freudiger Laut mehr zu vernehmen. Eines zumindest wurde an diesem Vorfall klar: Egal, wer da gerade auf der Bühne saß, das Publikum war ins Literaturhaus gekommen, um Pop zu erleben - dass es dann noch nicht einmal leise kichern durfte, sprach für die Ambivalenz des hochkulturellen Ortes und der Autorenauswahl. Nein, Pop war das nun wirklich nicht, was Jenny Erpenbeck den Poetry Slam-gewohnten Zuhörern bieten wollte, weder sprachlich, noch inhaltlich, noch in der Art ihres Vortrags; und ihren Texten ein albernes Vergnügen abzuringen, das setzte schon ein gerüttelt Maß an Abstraktionsvermögen und gutem Willen voraus. Da wirkte es fast wie der Auftritt einer Hauptband, als Tanja Dückers das Wort erteilt wurde, denn die Literaturhoffnung vom Prenzlauer Berg ist tatsächlich witzig. Bei Dückers fließen Schrift und Performance locker ineinander - nicht zu Unrecht wurde sie neulich von der Berliner Morgenpost zur "Chronistin der Berliner Subkultur" gekürt. Einen wie auch immer gearteten Überbau braucht es für ihre geschmeidige Prosa nicht, denn die Oberfläche glitzert schön genug. Dückers las einen, aus männlicher Perspektive geschriebenen Text über die absurden Obsessionen, die eine Trennung so mit sich bringen kann. Das Publikum war begeistert und hatte keine weiteren Fragen.

Im Anschluss an die Lesungen wurde klar, dass es für eine Diskussion um den Sinn und Unsinn der "Popliteratur" keine wirkliche Grundlage gibt. Es fehlte das umkämpfte Thema, die überzeugten und überzeugenden Positionen - so blieb bezeichnender Weise auch die Diskussion an der Oberfläche. Trotz der offensichtlichen Unterschiedlichkeit ihrer literarischen Ansätze verweigerten sich die Nachwuchsautorinnen der oppositionellen Grundidee des Abends und machten stattdessen darauf aufmerksam, dass es sich doch bei den meisten Dingen eh um Geschmackssachen handele und einem der eigene Ansatz "halt so gefällt" (Erpenbeck). Dem Hinweis der Moderation, dass auch ein Blick über den Tellerrand der persönlichen kleinen Welt bisweilen eine nützliche Sache sein könne, wurde bedenkenlos zugestimmt, gleichzeitig auf die Relevanz der eigenen Ausgangspunkte hingewiesen. Zudem, erklärte Tanja Dückers, handele es sich bei den Personen in den Geschichten "ja auch immer um Repräsentanten". Beide Autorinnen scheuten die Limitierung durch die Schublade, hielten aber auf Nachfrage mit keiner autobiografischen Erläuterung hinter dem Berg. Ein Publikumseinwand, dass es sich bei "Pop" doch ursprünglich um die Überhöhung des Banalen gehandelt habe, während es dieser Literatur vielleicht doch an ein wenig Geheimnis fehle, blieb im Raum stehen, als sei seine Wahrheit einen Deut zu schmerzhaft - er traf sowohl Erpenbecks sprödes Fabulieren als auch die überschäumenden Anekdoten von Tanja Dückers.

Die Frage danach, ob und wie es nach Terroranschlägen und Kriegsbeginn mit der "Popliteratur" weitergehen könne, wurde übrigens, nach einer kurzen Erwähnung während der Einführung, nicht einmal mehr im Halbsatz angesprochen. - Vielleicht zu Recht, denn diese Literatur - wie auch immer man sie nennen mag - lebt ihr abgeschirmtes Leben vor sich hin, in einer Gesellschaft eigenen Rechts und eigener Moral. Das aber ist schlimmstenfalls "beneidenswert" zu nennen.