Wenn die Fashion-Welt die achtziger Jahre entdeckt, dann hat sie nicht irgendein Jahrzehnt beim Wickel, sondern genau das, in dem man sich über die Wirkung und Funktion von Zeichen in Subkulturen zum ersten Mal auch intern Gedanken machte. Das Material, auf das heutige Modemacher zurückgreifen, ist also nicht nur ein irgendwie altes und nostalgiefähiges, sondern eines, das schon von seinem Originalgebrauch her sehr viel deutlicher kodiert und vorgeprägt war als anderes. Insbesondere im Zusammenhang mit der Popmusik jener Zeit.

Als die Popmusik noch viel selbstbezüglicher war als heute, nämlich genau in den späten Achtzigern, hatte sich das Tempo der rückwärtsgewandten Bezugnahmen schon deutlich erhöht. Der Abstand zwischen erstem Auftauchen und Revival schien sich langsam, aber sicher, wenn auch nie ganz, der Null zu nähern. Damals nannte sich eine Band fast ängstlich Pop Will Eat Itself.

Seit es in den Neunzigern mit Ravekultur und einer durch digitale Musiktechnologie runderneuerten Popmusik wieder etwas Neues gab, bekam die jeweils aktuelle Musik wieder ein wenig Luft und konnte sich die Vergangenheit eine Weile vom Hals halten. Nicht völlig, denn die übliche Nostalgiemaschine ging wie immer ihrem trüben Treiben nach, und Britpop-Bands verwechselten sich regelmäßig mit ihren Vorbildern aus diversen Epochen. Doch haben wir es erst seit kurzem mit Bezugnahmen zu tun, die etwa bei Projekten wie Zoot Woman, DJ Hell, Les Rythmes Digitales ganz präzise auf kurze Momente und Details der Achtziger-Popmusik abheben - weder auf eine ganze Stimmung, noch auf eine ferne, erstrebenswerte und nur sehr allgemein erahnte Epoche - wie man dies etwa aus den CD-Box-Dauerwerbesendungen auf werbeschwachen Kanälen kennt. Es geht also nicht um Nostalgie nach etwas Erlebtem, sondern um die Neuheit des Alten, das man, weil zu jung, noch nicht erlebt hat. Mit einer solchen ästhetisch ausgefuchsten Aufarbeitung der Eighties tauchen in der Modewelt gleichzeitig immer häufiger einzelne Accessoires, Merkmale und Elemente aus den Inszenierungen der Achtziger-Popmusik auf. Auch hier scheint oft zielgenau ein Einzelteil zitiert, ein bestimmter Moment gemeint.

Wenn man indes nachfragt, sind nicht nur den Designern, sondern auch Leuten, die ihre Produkte schön und interessant finden, gerade diese historischen Details ziemlich unbekannt und oft auch völlig egal. Stichwörter wie Wave, Gothic oder New Romantics kursieren, ohne allzu genau verstanden zu werden. Wobei die Unkenntnis gar nicht so sehr die historischen Momente betrifft, als diese Wörter tatsächlich in der Popmusik etwas zu sagen hatten - da sagt dann schon ein Älterer Kajagoogoo, wenn es um New Romantics geht oder erinnert sich an The Mission, wenn es um die Herkunft von Gothic-Accessoires geht. Was aber egal geworden ist, jedenfalls scheint das zunächst so, sind die Inhalte derer, auf die man sich bezieht. Worum ging es noch mal bei den New Romantics, und was für eine Welle ist das, die mit Wave gemeint ist?

Früher waren Stilscharmützel mit Inhalten verknüpft

Die um Popmusik herum entwickelten Lebensformen haben in den späten Siebzigern nicht nur einige musikalische Paradigmenwechsel durchgemacht, die allgemein am ehesten noch durch Begriffe wie Punk und kurz darauf New Wave bekannt wurden. Was damals anfing, hat heute noch nicht aufgehört und liegt strukturell eine Ebene tiefer. Bis zum Punk gab es eine mehr oder weniger einheitliche Jugendkultur. Es gab zwar Geschmacksdifferenzen, und die korrespondierten womöglich auch mit sozialen Realitäten: Wer auf Heavy Metal stand, war wohl auch schon damals anders sozialisiert als Folk-Fans. Aber nicht einmal das musste sein. Im Prinzip galt, dass man als Jugendlicher sich nur entscheiden musste, wie intensiv man jugendkulturelle und - damals damit noch verbundene - subkulturelle Orientierungen ernst nehmen und leben wollte, nicht so sehr, welche Orientierung man wählte.

Dies änderte sich mit Punk. Von nun an entschied man sich für eine Orientierung nicht nur, weil sie einen begeisterte, durch die Pubertät half oder aus welchem anderen guten Grund auch immer, sondern man entschloss sich gleichzeitig bei der Wahl für das eine auch zu einer Wahl gegen das andere: Wer Popper war, war dies auch, um kein Punk zu sein. Wer ein Ted war, war entschieden kein Skin, ein Rude Boy oder Girl hatte Style und wollte trotzdem als links und antirassistisch gelten