JENS JESSEN JUVANLISCH:
Umschichtungen im bürgerlichen Lager

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Eine unangenehme Meisterleistung


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JENS JESSEN JUVENALISCH: Umschichtungen im bürgerlichen Lager

Die Schwierigkeiten, in Hamburg einen Kultursenator zu finden, haben nichts damit zu tun, dass es sich etwa um ein besonders schwieriges Amt (wie in Berlin) handelte. Die Hamburger Kultur befindet sich in einer vergleichsweise komfortablen Lage; die Oper ist seit Jahrzehnten eine der besten Deutschlands, und das Schauspiel hat, von seiner großen Vergangenheit zehrend, die Abbruch-Intendanten der letzten Jahre gut überstanden - um nur zwei ermutigende Beispiele zu nennen.

Die gleichwohl vorhandenen Schwierigkeiten liegen vielmehr in dem Desinteresse, das der Kultur von den Siegern einer Wahl entgegengebracht wird, die sich nach Meinung des künftigen Bürgermeisters Ole von Beust (CDU) einer "Umschichtung im bürgerlichen Lager" verdankt. Dieses bürgerliche Lager, falls man Ole von Beust glauben mag, dass es sich um ein solches handelt, kann mit Kultur offenbar genauso viel anfangen wie mit den sozialen Problemen, die sich in der Drogen- und Obdachlosenstatistik niederschlagen.

Wir sind jedoch stark geneigt, das bürgerliche Prädikat der Hamburger Lage zu bestreiten; wie übrigens umgekehrt auch in Berlin der Wahlsieg der PDS und die Niederlage der CDU nicht unbedingt auf eine Schwäche des Bürgertums zurückgeführt werden können. Zwar ist das Berliner Bürgertum statistisch eine kleine Größe, es hat jedoch alle Kräfte gebündelt, um der CDU einer Niederlage und der PDS einen gewissen Erfolg auch in den Westbezirken zu bereiten. Denn spätestens seit der Regentschaft von Helmut Kohl hat die CDU deutlich gezeigt, dass sie keine bürgerliche, sondern eine Volkspartei im vollen Sinne des Wortes sein will; wem Erziehung, Herkunft und Bildung auch nur irgendetwas bedeuten, hat in dieser Partei der kleinbürgerlichen Beißreflexe nichts zu suchen. Wer dagegen in Sprache, Habitus und Auftreten unzweifelhaft den Bourgeois zeigt (immer an Kohl gemessen), ist Gregor Gysi. Mag seine politische Vergangenheit auch zu Misstrauen Anlass geben, wird doch jeder Dahlemer oder Grunewalder ihn eher zu einem Cocktail einladen wollen als irgendeine der Schnapsnasen aus der Union.

Gewiss wird man neben Gysi und den Bries nicht allzuviele echte Bürger in der PDS finden; aber in SPD und CDU findet man überhaupt keine. Die wahre bürgerliche Partei des alten West-Berlins sind die Grünen; hier fand man denn auch in den zurückliegenden Jahren die letzten kundigen Sachwalter der Kultur; sieht man einmal von dem kurzfristigen Kultursenator Christoph Stölzl ab, den ein bitteres Schicksal oder auch Missverständnis erst kürzlich in die CDU trieb. Bürgertum (wenn das Wort überhaupt noch etwas bedeutet), ist keine Frage der politischen Option, sondern der Werte und Kenntnisse. Der Beweis dafür ist gerade die Hamburger Wahl gewesen, die jenen Richter Schill triumphieren ließ, der für bürgerliche Freiheiten, für bürgerliche Toleranz, für bürgerliche Nachsicht und bürgerliche Contenance nicht den geringsten Sinn hat. Schill verkörpert die hysterische Angst der Emporgekommenen, die das mühsam errungene Reihenhaus von Obdachlosen bedroht sehen und deren Sorge um ihr Eigentum mit der Mühe wuchs, die nötig war, es endlich zu erringen.

Wir wollen über die Aufsteiger nicht spotten; aber bürgerlich sollte man sie erst nach einigen Generation nennen, in denen sie den Beweis erbringen können, dass ihnen über die Einbauküche hinaus noch anderes etwas bedeutet; zum Beispiel die Kultur. Bis dahin sollten wir mit der Anwendung des Begriffes vorsichtig sein oder aber den Mut aufbringen, rundheraus zu erklären, dass es in der politischen Landschaft der Bundesrepublik ein Bürgertum nicht mehr gibt.