Mohammed hatte hier sieben Jahre lang ein Internat irischer Nonnen besucht.
"Wir mussten immer kurze Hosen tragen, auch winters. Gott, war das kalt! Selbst in den Klassenräumen war es kalt. Nichts half."
"Die Nonnen waren offensichtlich sehr streng."
"Oh ja", antwortete Mohammed, "aber sie waren ausgezeichnete Lehrerinnen. Ausgezeichnet!"
"Und die Schüler waren alle Moslems?"
"Ja. Das Internat hat einen guten Ruf, bis heute. Wer es sich leisten kann, schickt die Kinder zu den Nonnen"
"Die Nonnen haben nie versucht, euch zu bekehren?"
"Nein, nein. Sie haben uns nur in weltlichen Dingen unterrichtet."

Wir waren auf der Rückseite der Kirche angekommen. Das Getrappel der Passanten an der Mall, die Schreie der Verkäufer, die Klänge orientalischer Musik, der Geruch nach gebratenem Fleisch hüllten die Kirche völlig ein. Mohammed wies mir den Weg über eine steile Seitenstrasse. Sie war mit Kopfsteinpflaster belegt, große unebene Steine. Er lief neben mir her. Seine Cowboystiefel knallten schwer und dumpf auf die Steine.
"In Venedig gibt es auch Kopfsteinpflaster, nicht wahr?"
Ich stutzte einen Augenblick. Wie kam Mohammed auf Venedig? Wir hatten eben von irischen Nonnen gesprochen, wir befanden uns in Muree, einem Stück bergigen, zerrupften Pakistan, und ihm fiel bei dem Blick auf Kopfsteinpflaster Venedig ein!? Aber wahrscheinlich ist das so, wenn man sich kaum kennt und aus zwei unterschiedlichen Welten kommt; man sucht Gesprächsstoff, hangelt sich von Satz zu Satz - wie eine Affe von Liane zu Liane, immer in Sorge, man könnte abstürzen.
"Ja", sagte ich ratlos, "in Venedig sind die Straßen auch mit Kopfsteinpflaster belegt." Ich war mir nicht mehr ganz sicher, ob das stimmt, und lenkte vom Thema ab. "Vor allem gibt es unzählige Brücken, Kanäle und Gondeln. Hast du schon einmal von Gondeln gehört?" Mohammed murmelte etwas, das ich nicht verstand. Ich ließ es bleiben, was sollte ich auch über Gondeln reden, während wir in die Mall einbogen, in das Summen, Brummen und Rauschen Pakistans.

Wir kauften uns ein Eis und setzten uns in das Auto. Die Türen ließen wir offen stehen, weil die Sonne brannte. Frische Bergluft füllte den Wagen und unsere Lungen. Wir aßen Eis und schwiegen.

Dem Auto gegenüber, auf der anderen Seite des Bürgersteiges, lag ein Fotogeschäft. Es war unübersehbar. Über dem Auslagenfenster war eine Art Holzkasten befestigt, der mit knallroter Farbe bemalt war: "Fotoshop!"
Ein junges Paar kam aus dem Geschäft und blieb davor stehen. Sie war in prächtigen Stoff gehüllt, an ihren Unterarmen pendelten ein gutes halbes Dutzend goldener Reifen, das Haar fiel ihr tief in den Rücken. Der Mann war schlank. Er trug ein blütenweißes Hemd und einen auffallenden Gürtel. Beide mochten Mitte Zwanzig sein. Sie standen sich in einem Abstand von gut einem Meter gegenüber und diskutierten über etwas. Sie sprachen nicht heftig miteinander, aber doch gab es scheinbar ein Missverständnis zwischen ihnen.

"Ich wette", sagte Mohammed, "die beiden sind frisch verheiratet." Er warf den Eisbecher aus dem Auto.
"Warum glaubst du das?"
"Viele Frischverheiratete kommen nach Muree, für ein paar Tage, ein paar Nächte!"
"Ist das Tradition?"
"Bei vielen Familien der Mittelklasse, ja."
"Murree ist also ein bisschen wie unser Venedig!? Ein Venedig in den Bergen!" Ich dachte ich sollte auf das Thema von vorhin zurückkommen. Mohammed aber antwortete nicht. Er schaute weiter unverwandt auf das Paar. Es schien ihn wirklich zu interessieren. Der Mann redete auf die Frau ein, dabei gestikulierte er mit dem Arm. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Haar wog hin und her.

"Vielleicht sind sie Bruder und Schwester", bemerkte ich, "oder sie sind einfach nur Freunde!"
"Nein, nein", sagte Mohammend bestimmt, "die kennen sich nicht so gut!"
"Und das ist ein Zeichen, dass sie verheiratet sein sollen?" "Du weißt ja, dass wir zwischen den Familien arrangierte Hochzeiten haben?"
"Das ist mir bekannt!"
"Und das ist das Ergebnis", sagte Mohammed und wies auf die beiden.

Inzwischen sprachen sie heftig aufeinander ein, beide gleichzeitig, keiner schien dem anderen zuzuhören. Die Frau wandte sich ruckartig ab. Der Mann ging ihr nach, immer noch laut sprechend.
"Siehst Du?", sagte Mohammed. Er schloss die Autotür und fuhr mit der Hand an den Zündschlüssel. "Fahren wir?"
"Ja, fahren wir."