Als er dies sagte, saßen wir freilich in Islamabad, im Garten eines schönen Restaurants. Es war ein klarer Oktoberabend. Frische Luft wehte durch umstehende Baumwipfel. Am Nachthimmel stand der Mond. Auf unserem Tellern duftete gutes Essen. Rechts von uns schimmerte ein Swimmingpool, links ein Reihe gedeckter Tische. Das Licht der Gartenlampen wirkte ein wenig wie Kerzenlicht: flackernd, weich, heimelig. Kellner huschten eilfertig und schweigsam hin und her. Es ging recht kolonial zu. "Ich weiß nicht, ich mag Peshawar", wiederholte mein Kollege. Die Betonung lag auf "ICH" - was so viel bedeuten mochte: "Du bist aber komisch! Dass Du diese Atmosphäre Peshawars nicht erfassen kannst! Ein eigenartiger Mensch bist du!" Ich widersprach nicht.

Aber genau das ist einer der Beweise, dass es den Peshawarblues gibt: Wenn man darüber spricht, nimmt das keiner ernst. Vielmehr, man fühlt sich ausgeschlossen, in ein Ecke gedrängt - als wäre man ein Kleinbürger mit Reihenhaussehnsüchten und Samstags-Autowasch-Gelüsten, ohne Verständnis für den lebensprallen, tosenden Orient. Angesichts dieses unausgesprochenen Vorwurfs falle ich ins Schweigen. Ich bleibe allein mit dem Peshawarblues. Trotzdem, ich muss es wiederholen: Es gibt ihn.

Wer vom Peshawarblues befallen ist, den drängt es immer wieder zu sagen, dass es diese Krankheit wahrhaftig gibt. Auch dieses ist nichts als ein Beleg für seine Existenz. Es ist wie mit Geistern. Sie drängen sich in das Leben eines Menschen. Sie machen sich breit, bis dieser arme Mensch fast platzt, wenn er nicht schnell mit jemandem über die Geister sprechen kann. Er geht zu Grunde, wenn er nicht mitteilen kann, was ihn plagt. Mit dem unvermeidlichen Ergebnis, dass ihm keiner glaubt. Er wird an einen dunklen Ort zurückgestoßen an dem ihn niemand besucht - außer die Plagegeister, die unaufhörlich flüstern: "Sag ihnen doch, dass wir da sind! Erzähl ihnen von uns!" Und dann ihr Kichern.

Wie also sprechen über den Peshawarblues? Am besten, indem ich über die Stadt Peshawar rede.

Die kommende Katastrophe kündigt sich schon am Stadtrand an, wobei schwer zu sagen ist, wo denn der Rand der Stadt liegt. Beim Hinweisschild "Peshawar", das ich noch nie gesehen habe? Ein paar Kilometer vorher, beim ersten Stau, dem ersten Gewühl aus Autos, Lastwagen, Bussen und Menschen? Aber dieses Getümmel findet sich schon ein paar Kilometer außerhalb Islamabads, noch gute zwei Stunden Autofahrt vom eigentlichen Peshawar entfernt.

Eine Grenze der Stadt ist also schwer festzumachen, und doch dringt der Peshawarblues mit einem Knall in mich, gleich einem physischen Schock. Um genauer zu sein: mit einem Bus. Er fährt in einem Affentempo vor mir her. Er bricht sich fauchend, brüllend und kreischend Bahn. Menschen, Eselskarren, Fahrradfahrer, Pferdetaxen, Traktoren - alles, was sich auf der Strasse bewegt, stiebt vor dem Bus auseinander wie umfallende Kegel. Er stößt dabei schwarze Wolken aus wie sie nicht einmal Höllenfeuer produzieren könnte. Auf dem Dach dieses Gefährts sitzen Menschen dicht aneinander. Ihre Decken, Schals, Kleider flattern im Fahrtwind. Die Passagiere schaukeln und schlingern. Sie klammern und krallen. Sie strengen sich an, damit sie nicht abgeworfen werden. Aber das stelle ich mir nur vor, denn in den Gesichtern der Passagiere spiegelt sich nichts als Gleichmut; die ruhige Gelassenheit von Menschen, die sich einem anderen völlig ausliefern müssen: Dem Fahrer.
Er sitzt in seiner Kabine, rauchend, über ihm eine Lampe, die sein Gesicht blutrot färbt. Ornamente, Devotionalien, Medaillen, Talismane pendeln über seinem Kopf. Er hockt da wie eine kleine Götterstatue in ihrem Heiligenschrein. Dabei drückt er so heftig aufs Gas, als wolle er seine Unverwundbarkeit beweisen.

Im Inneren des Busses herrscht dieselbe drangvolle Enge wie auf dem Dach. Sämtliche Fenster sind geöffnet. Der Gestank der Strasse dringt ungehindert in den Bus. Dort sind Menschen längst zu einem Ganzen zusammengewachsen; bewegt sich ein Teil, müssen sich alle mitbewegen. Aber auf ihren Gesichtern spiegelt sich nichts wider, keine Regung, keine Verzweiflung, kein Aufstand - alles ruhig, alles normal.