S P O R T Der Bub ist nicht normal
Wie wächst einer auf, der 20 Millionen wert ist? Spurensuche in Sebastian Deislers Heimat
In der hinteren Reihe, der Dritte von rechts: Ist er das?
»Das ist er«, sagt Klaus Rau, dem das Foto gehört und damit auch ein Stück der Karriere des Dritten von rechts in der hinteren Reihe, der heute einen Namen hat, von dem Rau vor zehn Jahren auch nicht ahnte, dass der einmal einen Klang annehmen würde wie »Matthäus«.
Deisler.
Klaus Rau war der Trainer, als es gegen Wittlingen, Haltingen und Huttingen ging und »der Bub«, wie Rau sagt, in seiner ersten Saison beim FV gleich 99 Tore schoss. Rau bewahrt die Statistik bei sich zu Hause in einer gelben Mappe auf, alles andere hat er im Kopf. »Der hat hinten den Ball geholt und vorn das Tor gemacht und alles, was dazwischen war.«
Auf dem Foto ist der Bub der Kleinste. Links überragt ihn der Torwart, und dort, wo der Bub steht, ist erst einmal eine Lücke mit Himmel und Schwarzwald im Hintergrund und darunter dann ein zartes Gesicht mit einem hasenzahnigen Lächeln, das noch heute im Fernsehen zu sehen ist, wenn der Bub einen feinen Pass gespielt hat, was er häufig tut. Deshalb wird er im nächsten Sommer zum FC Bayern wechseln. Ruhm, Reichtum und einen Mercedes hat er schon.
Ob dies das Glück ist, von dem er träumte?
Und könnte der Bub diese Frage beantworten, wenn er denn noch mit den Medien spräche? Er hatte ja keine Gelegenheit zu Diskussionen unter Abiturienten, zum Philosophieren beim Milchkaffee. Vielleicht würde er nur sagen: »Ja gut, ich sag mal: Ich sag nichts dazu«, weil er gar nicht so viele Antworten kennen kann, wie es Fragen gibt, seit bekannt ist, dass er für seinen Wechsel von Hertha BSC Berlin nach München eine Anzahlung von 20 Millionen Mark erhalten hat. Der Fußball-Bund ermittelt, ob das legal war. Und Bild hat sofort ausgerechnet: Nach Steuern bleiben 9,2 Millionen, die bringen bei konservativer Anlage 600 000 Mark Zinsen im Jahr, also 50 000 Mark im Monat.
War es das, was er wollte?
Im Grüttpark-Stadion gibt es keine Antwort. Es ist eine sterile Sportanlage, in der der Bub als Kind Karriere machte. Der FV hat ein paar Räume in einem weiß verputzten Mehrzweckbau, in dem es keine Rentner gibt, die beim Bier Legenden voller Fallrückzieher stricken würden, niemanden, der es nachher natürlich schon vorher gewusst hat. Es gibt nur den Platzwart, der sagt, dass er Günter heißt, »wie Netzer«.
Heimweh zwischen Rübenfeldern
Vielleicht aber wissen ein paar 21-Jährige aus Lörrach eine Antwort auf die Frage nach dem Glück. Jene, die mit dem Buben in einer Mannschaft spielten, die ihn kannten, bevor sein Leben öffentlich wurde: mit 15 ins Fußballinternat von Borussia Mönchengladbach, feste Größe in allen Jugendnationalmannschaften, als bestes Talent seit Franz Beckenbauer gepriesen, mit 18 erster Einsatz in der Bundesliga, mit 19 zu Hertha, auf Anhieb Stammkraft, jüngster Nationalspieler seit Matthäus und nun Spielmacher der Nationalelf - wenn er nicht wieder verletzt wäre und bis ins nächste Jahr pausieren müsste.
Lörrach also. Unmittelbar an der Grenze zur Schweiz, 45 000 Einwohner, eine Stadt, in der die Geschäfte mittags noch Mittagspause machen, die Fenster noch Fensterläden haben und wo Deutschland gern Italien wäre, weshalb vor dem Bahnhof Palmen in Kübeln wachsen. Der Bub muss diese Palmen sehr vermisst haben, als er in Gladbach in seinem Zimmer hockte und heulte, dort im Norden, zwischen den Rübenfeldern, wo aus Heimweh ein bockiges Prinzip wurde: Ein Jahr lang weigerte er sich, bei der Meldestelle seinen Wohnortswechsel anzuzeigen.
Am 5. Januar 1980 wurde der Bub in Lörrach geboren, und sein Leben lebte er für den Sport. Auf der Realschule konnte er sofort jede Übung, daran erinnert sich der Sportlehrer. Fußball spielte er schon mit fünf, beim FV Tumringen, wo der Vater sein erster Trainer war. Dann ging der Bub zum TuS Stetten und von dort zum FV Lörrach, wo einst auch Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld spielte und wo Klaus Rau das Mannschaftsfoto machte, bei dem Dirk Dombrowski unter der Rubrik »Es fehlten ...« aufgeführt ist.
Der war damals einer der Torhüter und wohnt jetzt noch bei seinen Eltern am Stadtrand, wo sich abends der Geruch von Kaminfeuer in die Gärten senkt. Er hat sich das gleiche Foto zurechtgelegt wie Klaus Rau, zur Erinnerung, »ich habe ja nur eine Saison mit ihm gespielt«. Denn dann hat er sich für Tischtennis entschieden, während der Bub beim Fußball blieb und immer mit dem Fahrrad zu den Spielen kam, auch auswärts, auch wenn es zehn Kilometer waren, auch wenn es regnete. Zum Warmmachen. So versessen war er.
Was würde er dem Buben von sich erzählen? Er schweigt. Er schürzt die Lippen. Er sagt: »Nicht so leicht.« Nichts zum Angeben? »Wüsste nicht.« Gar nichts? »Doch, dass ich mal ein Bier über den Durst trinken kann.« Könnte den Buben irgendetwas richtig neidisch machen? »Vielleicht, dass mein Leben normal ist.«
Und es ist viel normales Leben um Dirk Dombrowski. Der Orientteppich im Wohnzimmer der Eltern. Der Ficus am Fenster. Das Sofa, das sich dem Fernseher zuwendet. Seine 1200 Mark Lehrlingsgeld von der Sparkasse. Sein kleiner Renault. Dirk Dombrowski sagt, das alles sei so etwas wie Glück.
Es ist ein Hinweis darauf, was aus dem Buben hätte werden können, wenn er nicht so gut am Ball gewesen wäre: ein junger Familienvater, der samstags den Kinderwagen durch die Fußgängerzone schiebt? Ein Lehrling beim Reifenservice Premio, bei Fliesen Theiss? Ein Lagerist in der Elmex-Fabrik? Oder ein gescheitelter Bankkaufmann?
Heute trägt der Bub die Haare gegelt, das gehört zur Uniform seiner Branche. Er hat sich nicht herausgeputzt, er hat sich angepasst. Lieber noch wäre er wohl verschwunden, denn als er nach Berlin kam, war sein Image schon da, das hatte es noch nie gegeben. »Basti fantasti« und »Beckham Berlins« schrieben die Zeitungen, bevor er gegen einen Ball getreten hatte. Nach einer miesen WM brauchte Fußball-Deutschland einfach einen Beckham, die Nation projizierte ihre Wünsche auf den Buben. Er musste der Heilbringer sein.
Deshalb hat es keiner so leicht und gleichzeitig so schwer gehabt wie er. Die Medien haben jede Kleinigkeit bejubelt, aber auch nach jeder Kleinigkeit gefragt. Anfangs hat der Bub noch geantwortet: Ich schwärme für dunkelhäutige Frauen. Ich stecke meine Hemden nicht in die Hose. Ich lebe allein. Ich sehne mich den Spieltagen entgegen, denn »wenn ich mit der Mannschaft reise, bekomme ich im Hotel geregeltes Essen«.
Das servieren ihm künftig die Münchner. In Berlin könnten die Fans deshalb enttäuscht seine Autogrammkarten zerreißen oder die Trikots mit der Nummer 26 verbrennen - doch die, die vormittags das Training ihrer Herthaner beobachten, sagen: »Mit den Bayern spielt er Champions League, da macht er einen Riesenschritt ... Er muss nehmen, was er kriegen kann ... In München ist ja nicht Schluss für ihn, 2006 kommt Real Madrid und bietet 100 Millionen. Da wär er blöd, wenn er die nicht nimmt.« Es sind Frührentner und Arbeitslose, die so reden. Ausgerechnet die Verlierer in der Marktwirtschaft beschwören die Zwangsläufigkeit der ökonomischen Gesetze, wenn es um den Buben geht. Man darf ja nicht schimpfen, der Bub darf keinen Schaden nehmen. Wenn nichts dazwischenkommt, hat die Nationalelf in ihm einen Spielmacher bis zur WM 2014. Dann wäre er 34. Spielte er so lange wie Matthäus, käme noch die WM 2018 in Betracht. Der Bub ist der Mann der Zukunft.
Allerdings gibt es kaum einen Mann der Zukunft, der schon so viel Vergangenheit hat. Drei Knieoperationen, eine Leistenoperation, Herzprobleme nach einem Wachstumsschub in Mönchengladbach. Wer die wenigen Interviews genau liest, spürt, wie sich von Jahr zu Jahr mehr Müdigkeit durch die Sprache drückt, wie sich Einschränkungen in die Sätze schleichen. »Ich habe nach wie vor einen Traumberuf.« Nach wie vor. »Ein Haus im Süden mit Blick aufs Meer, das wäre Glück für mich.« Wäre. Der Bub spricht vom Glück im Konjunktiv. Er ist 21 und sagt Rentnersätze. Vielleicht liegt das an dem weiten Weg, den er zurückgelegt hat.
In der Weiler Straße 22 war »Fußballspielen verboten«
Nicht die vielen Kilometer von Lörrach über Gladbach und Berlin nach München, sondern den Weg von unten nach oben. Die Geschichte vom Aufstieg des letzten Straßenfußballers ist nicht Legende, sondern wahr. Davon erzählt die Weiler Straße in Lörrach, ein karges Mietshausviertel zwischen Schlachthof und Getränkemarkt. Hier, wo Lörrach hässlich ist, stehen Teppichstangen, Wäschespinnen und kleine Autos mit großen Spoilern vor dem Haus Nummer 22. Und Garagen, auf die »Fußballspielen verboten« geschrieben ist. Die flüchtig angebrachten Klingelschilder berichten von stetem Wechsel in einem Viertel, in dem sich Aufsteiger und Absteiger begegnen. Der Bub hat lange hier gewohnt, mit seinem Vater Kilian, einem Elektriker, seiner Mutter Gabriele und Stefanie, der älteren Schwester. Die Nachbarn haben geschimpft, wenn er den Ball gegen die Garagen drosch. Heute sagen sie zärtlich: »Ah jo, der Baschdi, den hamwer spiele lasse, aus dem sollt ja was werde.« So haben alle ein bisschen Karriere gemacht. Und sind alle seine Freunde.
Andreas Berner ist es wirklich. Er wartet im K-two, einer schmucklosen Musikkneipe in der Innenstadt, in der der Bub sich manchmal noch mit seinen Kumpeln trifft. Hier will Andreas Berner, Facharbeiter für Lagerwirtschaft in der Vitra-Stuhlfabrik, die Frage nach dem Glück beantworten. Früher haben sie gespielt, bis es dunkel war und sie nichts mehr sehen konnten, »und einmal hatten wir ein Turnier, wir kontern, ich lauf mit dem Ball die rechte Seite lang und flank ihn rein, ganz hoch, ich weiß gar nicht, wie ich den Ball so hoch gekriegt habe, na ja, er nimmt ihn volley und macht ihn rein.« So ist Andreas Berner der, der dem Buben mal eine Flanke gab, und er erzählt das, als sei er verliebt in diese Flanke, und sagt, dass er sehr gern noch einmal mit seinem alten Freund Fußball spielen würde, sich zu zweit über die Wiese balgen, den Eifer spüren, »er hat ja sein Herz beim Fußball. Wenn er spielt, ist er glücklich. Das ist der Unterschied zu anderen Profis.« Dann lobt er den Buben noch eine halbe Stunde. Der sei er selbst geblieben, engagiert und bescheiden. Niemals würde der im K-two die Runde schmeißen, »das wäre ihm zu peinlich«.
Und niemals würde er über seine Familie reden. Das tun die Menschen in der Stadt, und sie tun es mit Zuneigung, nicht mit Neid. Denn der Vater des Buben, noch nicht alt, kann nicht mehr arbeiten: das Herz, die aufregenden Jahre. In Lörrach erzählen sie, er fahre morgens die Zeit mit dem Fahrrad tot, und nachmittags sitze er oft in der Gaststätte Zuem Alte Ofe am Thresen. Ihm gegenüber ein Bild vom eigenen Buben, mitten im Schuss, er passt den Ball zum Vater, dem einstigen Trainer, aber der spielt den Doppelpass nicht mehr.
Der Sohn hat den Eltern eine Wohnung gekauft, in besserer Lage, oben am Hang. Mit einem Klingelschild, bei dem der Name Deisler richtig eingraviert ist.
Vielleicht ist das Glück.
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