G E I S T I G E F O L G E N Arbeit am neuen Weltbild
Der 11. September und seine geistigen Folgen: Deutsche Intellektuelle räsonieren über Staat, Religion und das Undenkbare - um am Ende bei ihren Lieblingsideen zu landen. Zusammenfassung einer oft thesenhaft und zuweilen ideologisch geführten Debatte
Die deutschen Intellektuellen waren, wie die Bundesrepublik überhaupt, von den Attentaten und ihren Folgen weniger direkt berührt als die Amerikaner oder die muslimische und nahöstliche Welt. Noch kämpfen keine deutschen Soldaten, und noch haben hierzulande keine Terrorakte stattgefunden. Es gibt daher auch nicht jene Äußerungen unmittelbarer Zeugenschaft: das trauernde, präzise und ganz und gar nicht leitartikelnde Hinsehen und Mitschreiben, das etwa das nachtschwarze New Yorker-Heft vom 24. September mit den Texten von John Updike, Denis Johnson oder Jonathan Franzen zu einem so eindrucksvollen Dokument macht. Die deutschen Wortmeldungen sind immer räsonierend, thesenhaft, oft genug auch ideologisch. Trotzdem sind sie keineswegs uninteressant oder irrelevant. Mag die Bundesrepublik vom Epizentrum des Erdbebens weit entfernt sein - ihr Selbstverständnis und ihre Identität sind stärker erschüttert als etwa die Frankreichs oder Großbritanniens: Die Veränderung der Weltlage betrifft alle, das "Erwachsenwerden" dagegen, das Hinausfahren auf die hohe See der internationalen Politik und in die Kältezone des Militärischen, ist ein spezifisch deutsches Thema.
Zum Charakteristikum der deutschen Diskussion gehörte allerdings, dass sie auf merkwürdige Weise um sich selbst kreiste: Es wurde nicht einfach reagiert, es wurde auf Reaktionen reagiert, auf wirkliche, vorweggenommene oder unterstellte. "Jetzt warte ich nur noch darauf", bemerkte Henryk Broder schon am 15. September im Spiegel, "dass irgendeine edle Seele aufsteht und sagt, die Anschläge von New York und Washington müssten im Zusammenhang mit dem Kampf der Dritten Welt gegen die Erste gesehen werden. Wetten, dass es im Laufe der nächsten Tage passieren wird, sobald sich der Trümmerrauch über Manhattan gelegt hat?" Die Wette war schnell gewonnen.
Es ist seither eine Menge Papier und Leidenschaft auf das Zensurenverteilen verwendet worden, auf die Unterscheidung von erlaubten und unstatthaften Gedanken, auf die Frage, ob die Geistesmenschen "ihrer Verantwortung gerecht werden" oder ob sie es an Ernst, Westlichkeit, Bündnissolidarität fehlen lassen. Den diesbezüglichen Höhepunkt im Debattengeschehen markierte ohne Zweifel die Aufregung über Ulrich Wickerts (in der Tat törichten) Vergleich zwischen dem amerikanischen Präsidenten und Osama bin Laden in der Zeitschrift Max: "Bush ist kein Mörder und Terrorist. Aber die Denkstrukturen sind die gleichen." Der Streit über die korrekte Sicht der Dinge erreichte damit die Bild-Zeitung und die CDU/CSU, aus der Wickerts Absetzung gefordert wurde, als habe er ein öffentliches Amt inne. Von Staats wegen hat dann jüngst Innenminister Otto Schily festgestellt: "Für verheerend halte ich die Behauptung, die Amerikaner hätten es als Repräsentanten eines globalisierten Kapitalismus gar nicht besser verdient. Das ist eine wirklich schlimme Entgleisung, die leider in gewissen intellektuellen Kreisen gegenwärtig zu hören ist" (Märkische Allgemeine). Schily wurde dafür wahlweise als neuer McCarthy (so Peter Sloterdijk) oder als neuer Franz Josef Strauß (Goethe-Institut-Präsident Hilmar Hoffmann) angegangen, was vielleicht auch wieder ein bisschen übertrieben war. Insgesamt zählt dieses ganze Hin und Her zwischen Abbürsten und Aufmucken zu den unerfreulichen und unfruchtbaren Elementen der Diskussion, wie sie sich seit dem 11. September in Deutschland entwickelt hat. Um die interessanten Fragen und Gedanken in den Blick zu bekommen, muss man das alles beiseite schieben.
Die meisten deutschen Beobachter und Kommentatoren konzentrierten sich auf das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Westen, auf das Fundamentalismusproblem oder die internationale Rolle der Vereinigten Staaten. Weniger war vom Terrorismus und von der Figur des Terroristen die Rede, jenem Phänomen, das eigentlich in erster Linie erklärungsbedürftig gewesen wäre. Der Terror und seine Akteure sind hierzulande offenbar nach dem Ende der RAF kaum ein Thema mehr; es gibt keine Publizisten wie Walter Laqueur, die den Gegenstand seit den siebziger Jahren kontinuierlich und in allen Facetten verfolgt hätten, von der linksrevolutionären Gewalt über die nationalen Befreiungsbewegungen bis hin zu den neuerdings drohenden Massenverbrechen mit ABC-Waffen.
Hans Magnus Enzensberger war einer der wenigen, die sich nicht auf polemische oder wohlmeinende Kulturkunde einließen, sondern den idealtypischen Täter und dessen durchaus moderne, nicht etwa mittelalterliche Existenzbedingungen ins Auge fassten: "Die mörderischen Energien der Gegenwart lassen sich keineswegs auf irgendwelche Traditionen zurückführen. Gleichgültig, ob es sich um die Bürgerkriege auf dem Balkan, in Afrika, Asien oder Lateinamerika handelt, um die Diktaturen des Nahen Ostens oder um die zahllosen ,Bewegungen' unter der Fahne des Islam - in all diesen Fällen hat man es nicht mit archaischen Überresten, sondern mit absolut zeitgenössischen Erscheinungen zu tun, nämlich mit Reaktionsbildungen auf den gegenwärtigen Zustand der Weltgesellschaft" (FAZ). Diese sind freilich nicht revolutionär, sondern im Kern willkürlich und unproduktiv, Ausdruck einer stets mobilisierbaren Zerstörungs- und Selbstzerstörungsbereitschaft, die sich ihre Anlässe und Gegenstände nach Belieben sucht. "Natürlich", so Enzensberger weiter, "ist die Motivforschung für die Ermittler und die Geheimdienste von höchstem Interesse, weil sie auf die Spur der Täter führen kann. Auf die Frage, woher die psychische Energie stammt, die den Terror speist, kann die ideologische Analyse jedoch keine Antwort geben. Vorgaben wie links oder rechts, Nation oder Sekte, Religion oder Befreiung führen zu genau denselben Handlungsmustern. Der gemeinsame Nenner ist die Paranoia. Auch im Fall des New Yorker Massenmordes wird man sich fragen müssen, wie weit das islamistische Motiv trägt; jede beliebige andere Begründung hätte es auch getan."
Wirklich? Es irritiert ein wenig, wie dauerhaft und vielseitig verwendbar Enzensbergers These von der Inhaltslosigkeit der Gewalt ist; in einem kurzen Essay aus dem Jahr 1986 (Die Leere im Zentrum des Terrors) war ihm zu den Politkriminellen von damals schon dasselbe eingefallen wie heute zu den Verbrechern im Namen des Glaubens. Und der berühmt-berüchtigte Vergleich zwischen Saddam und Hitler, mit dem Enzensberger 1991 während des Golfkriegs an die Öffentlichkeit trat, beruhte bereits auf jener Diagnose von Todes- und Tötungsverlangen, die jetzt den Attas dieser Welt gestellt wird.
Nun mag das alles sogar stimmen; die ewige Wiederkehr des Gleichen ist ja gerade Enzensbergers These. Trotzdem gehört zum Bild der Diskussion seit dem 11. September auch ihr Selbstbestätigungsmoment, die Beobachtung, dass das angeblich nie Dagewesene und Unausdenkliche erstaunlich zuverlässig die eigenen Lieblingsideen bekräftigt: Christen erkennen wieder einmal die Vorzüge ihrer vertrauten Religion, liberale Agnostiker haben immer schon gewusst, dass Dogma und Jenseitssehnsucht zu blutiger Intoleranz führen. Konservativen Politikern ist vorgeworfen worden, dass sie die Terrorgefahr zum Anlass nehmen, um uralte Law-and-order-Wunschlisten abzuarbeiten, mit denen sie bislang nicht durchkamen. Diese Neigung zur Rechthaberei gibt es auch unter Intellektuellen.
Ausgiebiger als das Phänomen des Terrorismus und die Gestalt des Terroristen sind die weltanschaulichen Implikationen des 11. September behandelt worden. Ob Huntington hier nun seinen clash of civilizations am Werk sah oder nicht - irgendeine Art Kulturkampf war es auf jeden Fall. Aber was für einer? Zwischen Islam und Christentum doch offenbar nicht - weder will sich der Westen eine Religion zum Feind machen, noch ist er, in Europa zumindest, selbst von starken religiösen Motiven bewegt. Als Silvio Berlusconi von der Überlegenheit des Abendlandes über den Islam gesprochen hatte, sah sich Kardinal Ratzinger, der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, zur interreligiösen Schadensbegrenzung veranlasst. Er unterschied die eigentliche Glaubenssubstanz von ihren historischen, soziokulturellen Manifestationen - und nicht einmal dort, in der theologisch weniger heiklen Tatsachensphäre, mochte Ratzinger die islamische Welt als rückständig bezeichnen. Nein, das Christentum will sich nicht als Alternative und Gegenmacht zum Islam empfehlen. Allein Otto Schily hat sich getraut, etwas mehr Bekenntniseifer anzumahnen, im selben Interview, in dem er auch den intellektuellen Antiamerikanismus geißelte: "Vielleicht hat unsere Gesellschaft nicht immer die geistige Widerstands- und Offensivkraft, die in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus notwendig wäre. So scheinen mir auch die Kirchen als Verwalter von Glaubensinhalten nicht immer die Kraft zu haben, die geistige Auseinandersetzung mit dem Islam zu bestehen."
Wenn es aber nicht um Islam und Christentum geht, dann müssen es Fanatismus und Aufklärung sein, die hier im Streit liegen, Dunkelmännerei und Moderne. Nur am Rande kommen die Geschichtskategorien des 20. Jahrhunderts noch einmal ins Spiel, die im Kosovo-Krieg gegen den großserbischen Nationalismus so prominent figurierten. Immerhin hat Außenminister Joschka Fischer die Anschläge vom 11. September als "totalitäre Herausforderung" bezeichnet, die er "unserer Generation" gern erspart gesehen hätte - also offenbar das Pendant zur Niederringung Hitlers (taz). Und Daniel Cohn-Bendit hält die Taliban für "faschistoid", meint aber zugleich, "der radikale Islamismus surft auf dem Unglück der arabischen Massen wie einst der Bolschewismus auf dem Unglück des Proletariats" (taz).
Im allgemeinen denkt man bei bin Laden und den Seinen nicht an die Schrecken des 20. Jahrhunderts, sondern an "die Rückkehr des Mittelalters" (Spiegel). Der Fundamentalist als Angstgegner unserer Gesellschaft und Lebensform hat durchaus das Zeug, die Nachfolge des Revolutionärs, des Kommunisten, des Verfassungsfeindes anzutreten; seit Wochen blickt uns das bärtige oder verschleierte Grauen von den Titelseiten entgegen. Es ist nicht nur der Islam, der verstört, es ist das Wiedererstarken der Glaubensmächte überhaupt - ein Prozess, der auch den Westen selbst berührt. Jürgen Habermas hat davon gesprochen, am 14. Oktober in der Frankfurter Paulskirche in seiner Dankrede für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. "Als hätte das verblendete Attentat", sagte er, "im Innersten der säkularen Gesellschaft eine religiöse Saite in Schwingung versetzt, füllten sich überall die Synagogen, die Kirchen und die Moscheen." Er erinnerte daran, dass Glaube nicht notwendig zum Fürchten ist, sondern zur Selbstkontrolle einer diesseitig-demokratischen Bürgerschaft hilfreich, wenn nicht unentbehrlich.
Habermas hatte die Bioethik im Blick und gab zu verstehen, dass in religiösen Überlieferungen wie dem Motiv der Gottebenbildlichkeit des Menschen Einsichten liegen, die auch eine weltliche Gesellschaft nur zu ihrem Schaden vernachlässigen kann. Die Rede war gleichsam Plädoyer und Angebot in zwei Richtungen: an den liberalen Westen mit dem Appell, die fromme Fortschrittsbedenklichkeit nicht als Obskurantismus abzutun, sondern ihr selbstkritisch Gehör zu schenken. Und an Fundamentalisten aller Couleur mit dem Rat, die kulturelle Einigelung aufzugeben und sich der Gesprächszivilisation der Gegenwart anzuvertrauen.
Dem Religionsproblem hat sich auch Botho Strauß zugewandt, in einer kurzen Meditation über den Augenblick, "als die Türme von Manhattan, diese Schwurfinger des Geldes, mit einem fürchterlichen Schlag abgehackt wurden" (Spiegel). "Ein Schlag", notiert Strauß, "der durch alle Köpfe, Kassen und Kanäle ging; wahrscheinlich am wenigsten durch gläubige Herzen. Wer von den Betroffenen und Betroffenheitsrepräsentanten hat einen Anschlag auf den eigenen Glauben empfunden ...?" Der Glaube des Westens "ist lediglich unser Pragmatismus. Er hat die Welt nachhaltiger missioniert als jede Religion." Trotzdem, scheint Strauß zu vermuten, ist diese globalisierte Diesseitigkeit mit ihrer ersatzreligiösen Vernunft- und Werterhethorik am Ende machtlos gegen den Angriff der Überzeugungstäter: "Auf die Blinden des Glaubenskriegs wird kein noch so pathetisches Selbstbekenntnis der Ungläubigen Eindruck machen. Die ganze große Kommunikationsmaschine wird von diesem einen Korn der Nichtverständigung gestört - und läuft in den Teilen, die für die Verständigung unter schon Verständigten sorgen, doppelt leer und heiß."
Die Bemerkungen von Botho Strauß sind vielfach als wickertartige Ungeheuerlichkeiten wahrgenommen worden, diesmal nicht getrieben von Dritte-Welt-Antiamerikanismus (den der Fernsehmoderator sich von der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy geborgt hatte), sondern von dunkeldeutschem Antiwestlertum. Strauß' Formulierung vom "Kampf der Bösen gegen die Bösen" schien in der Tat einen befremdlichen moralischen Gestus auszudrücken. Umgekehrt zeugte es allerdings von einigem Spießertum, die doch recht überdurchschnittliche Gedankendichte seines Textes zu verkennen. Es war ja nicht dumm, auf die durchaus vormoderne, religiöse Herkunft der Zivilisationswerte hinzuweisen, für die der fortschrittliche Westen jetzt ins Feld zog: "Stammen sie nicht aus einer ,Gesellschaft', die diesen Namen noch nicht benutzte und weit davon entfernt war, ,offen' zu sein?"
Wie bei Enzensberger (und anders als bei Habermas) verstimmte allerdings auch bei Botho Strauß der Recyclingcharakter der Thesen und Motive: Strauß lieferte exakt jene Liberalitäts- und Kulturkritik, die nach dem Anschwellenden Bocksgesang (1993) von ihm zu erwarten war: "Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben." Damals hatte der Dichter hauptsächlich an den Nationalismus gedacht. Nun ist es eben die Religion, die die Prophezeiung wahrgemacht hat; auch gut.
Eine Überlegung von Strauß ist als besonders bizarr wahrgenommen worden: "Es gibt keinen Krieg, wo ein Friedensschluss nicht verhandelbar ist. Nur einen langen Abtausch von Überfällen. Ein panislamisches Reich vom Sudan bis nach China: Hätten wir es schon! Ein kalter Krieg wäre wieder möglich. Bedrohungspotenziale. Waffenruhe." Das klingt einigermaßen verrückt. In Wahrheit illustriert es einen sehr wesentlichen Aspekt der gegenwärtigen Gefahr, mindestens ebenso wesentlich wie ihre religiöse Motivation: Es ist der ungreifbare, weil nichtstaatliche Charakter der neuartigen Bedrohung. Stünde man einer feindlichen Territorialherrschaft oder einem Machtblock gegenüber, so würde die Herausforderung konkret; es wäre ein völkerrechtlich oder geopolitisch geregelter Umgang damit möglich. In gewisser Weise ist der Krieg gegen Afghanistan der Versuch, dem Kampf mit dem Terror diesen vertrauten Charakter des Staatenkonflikts zurückzugeben.
Zu einiger Bekanntheit im Deutschland dieser Wochen ist der israelische Militärtheoretiker Martin van Creveld gelangt. Creveld predigt seit Jahren die Überholtheit des klassischen Krieges mit seinen regulären Truppen und hoch technologischen Waffensystemen; sein Buch Die Zukunft des Krieges ist eine mindestens so lehrreiche Lektüre wie der obligatorische Huntington. "Statt großer Einheiten uniformierter Soldaten mit ihren Flaggen und Paraden", so Creveld, "wird es Terroristen, Geheimagenten und Kommando-Gruppen geben. Statt riesiger Armeen, die gegeneinander kämpfen, wird es hin und wieder Explosionen geben, und wir werden wahrscheinlich zusehen müssen, wie heimtückische biologische und chemische Methoden der Zerstörung angewandt werden. Es wird keine Zeichen auf Landkarten mehr geben, die Vorrücken, Rückzug, Durchbrüche und Fronten markieren. Statt dessen wird es Symbole geben, die anzeigen, wo Schreckensereignisse stattfanden. Es wird Listen von Verdächtigen geben und dann und wann einen weißen Fleck für jemanden, der unbekannt ist oder eliminiert wurde" (Welt). Die Metamorphose des Krieges wirkt nach Creveld weit über das Militärische hinaus; mit ihr endet die ganze Epoche neuzeitlicher Staatlichkeit und wird von einer Art wiederkehrendem Feudalismus abgelöst - dezentral, mit privatisierter Gewalt und privater Sicherheitsversorgung. Ideologische Gewinnerin ist dabei die Religion, da sie im Angesicht des Todes Trost zu spenden vermag, wohingegen der Staat keinen Schutz vor der Tötung mehr garantieren kann.
Es hilft ihm, was ebenso fatal ist, im Angesicht der neuen Feinde auch nicht mehr viel, dass er seinerseits über Gewaltmittel verfügt. Der Philosoph Robert Spaemann hat kürzlich in einem Rundfunkinterview an einen Gedanken von Thomas Hobbes erinnert, dem Stammvater der politischen Theorie der Neuzeit. Hobbes, bemerkte Spaemann, "hat davon gesprochen, dass die Todesfurcht das Eigentliche ist, was die Menschen zur Vernunft bringt und was es dem Staat erlaubt, den inneren Frieden zu erzwingen, weil er über das größte Drohpotenzial verfügt. In dem Augenblick, da Menschen keine Todesfurcht haben, wirkt die staatliche Drohung nicht mehr und damit auch die friedenserzwingende Kraft des Staates. Und wenn wir es mit einer größeren Zahl von Menschen zu tun haben, denen ihr eigenes Leben entweder nichts wert ist oder die von ihren religiösen Führern versprochen bekommen, dass sie in einem anderen Leben unendlich belohnt werden dafür, dass sie das hiesige geopfert haben - dann greift die staatliche Abschreckung nicht mehr." Der Interviewer fragte nach, ob Spaemann die Figur des Selbstmordattentäters im Sinn habe. Darauf der Philosoph, unüberbietbar lapidar: "Ja. Denen bedeutet es nichts, wenn sie mit dem Tode bedroht werden. Und mit mehr als mit dem Tod kann der Staat nicht drohen" (Deutschlandfunk).
Von solchen beunruhigenden Fernperspektiven ist zumeist nicht die Rede, wenn "Antiterrorpakete" geschnürt werden. Das ist begreiflich, und es ist auch nicht ganz verkehrt, von einer "Renaissance des Staates" zu sprechen. Die Diskussion über Staat, Krieg und Feindschaft, auch über Politik und Religion hat in Deutschland unweigerlich und aufs Neue einen berühmt-berüchtigten Schatten aus dem Totenreich des Geistes aufsteigen lassen: den Juristen und Staatsrechtler Carl Schmitt, unzweifelhaft einer der anregendsten Köpfe des 20. Jahrhunderts, ebenso unzweifelhaft ein Spieler und Opportunist, der in der Weimarer Republik eine fragwürdige und in den ersten Jahren des Nationalsozialismus eine ausgesprochen widerwärtige Rolle gespielt hat. Als konservative Leitartikler und Feuilletonisten jetzt vom Ernstfall schrieben und davon, dass man sich wieder an Feindschaft gewöhnen müsse, war das schmittianische Rhetorik, inspiriert von seinem Klassiker Der Begriff des Politischen aus dem Jahr 1932.
Die eigentlich interessanten Schmitt-Ideen zur gegenwärtigen Lage finden sich aber anderswo, in der Theorie des Partisanen von 1963 etwa. Der Staatsdenker Schmitt hat darin selbst schon die Entstaatlichung von Krieg und Politik analysiert, am Beispiel der Guerilla, von den Befreiungskämpfen gegen Napoleon bis nach Indochina und Vietnam. Der neue Terrorist, so spann etwa Henning Ritter das Schmittsche Motiv fort (FAZ), "ist ein entwurzelter Partisan", ihm fehlt die Beziehung zu einem Territorium, die der Guerillero noch besaß, wenn er sein Land von fremden Armeen oder Kolonialmächten befreien wollte. Operierte der Partisan "wie ein Fisch im Wasser" seiner heimatlichen Umgebung, so taucht der Terrorist vom Typus Atta auch in der Fremde unerkannt unter, in der multikulturellen Gesellschaft, in der niemand auffällt.
Die Veränderung des Kriegsbegriffs, das Ineinander von Militärischem und Polizeilichem, von Feind und Verbrecher, die Moralisierung der Politik - das alles mag dazu führen, sich über die Maßen im Recht zu fühlen. Schmitt, der Antiliberale, wird gerade an den liberalen Westen mit seinen universalistischen Ansprüchen gedacht haben, wenn er am Schluss seiner Theorie des Partisanen die Kriege der Zukunft vorhersagte: "Die Vernichtung wird dann ganz abstrakt und ganz absolut. Sie richtet sich überhaupt nicht mehr gegen einen Feind, sondern dient nur noch einer angeblich objektiven Durchsetzung höchster Werte, für die bekanntlich kein Preis zu hoch ist."
Um das thematische Spektrum der deutschen Debatte zu fassen, ist es schließlich aufschlussreich, die Kurzformeln und Kernsätze zu mustern, mit denen die Zäsur des 11. September beschrieben wurde. Von der "Renaissance des Staates" und ihren wahrscheinlich recht engen Grenzen war die Rede, und viel hat man vom "Ende der Spaßgesellschaft" gehört; ein Gedanke, der, wie der Antiamerikanismusstreit, jedoch zu jenen Themen gehört, die man tunlichst meiden sollte: In unfruchtbarem Ideologiegerede stehen sich übellaunige Zivilisationskritiker und ebenso humorlose Heiterkeitsverfechter gegenüber, die entweder in irgendwelchen Fernsehsendungen ein Dekadenzphänomen oder umgekehrt in der "neuen Ernsthaftigkeit" eine Art Inquisitionsherrschaft sehen. Weitaus plausibler dagegen lassen sich konkretere Veränderungen machen: "Seit dem 11. September ist der Begriff der Menschenrechte politisch unbrauchbar geworden", hat Henning Ritter in der FAZ festgestellt; Terrorismusbekämpfung hat den Begriff der Menschenrechte als Argument für westliche Interventionen ersetzt. Der Soziologe Wolf Lepenies fand eine Formel, in der er die gewandelte Lage zusammenfasste: "Rückkehr von Krieg und Glauben" (Süddeutsche Zeitung).
Wenn von der jetzt eingetretenen Situation etwas für die deutsche Debatte zu erwarten und zu erhoffen ist, dann eine Horizonterweiterung. Ausländer- und Migrationsfragen werden nicht mehr allein als humanitäre, sozialökonomische oder demografische Angelegenheiten zu diskutieren sein; man wird sich mehr über die kulturelle Seite des Zusammenlebens Gedanken machen müssen, über Normen und Bräuche, über Familie, Schule und Moschee. Deutsche und Nichtdeutsche in der Bundesrepublik werden einander genauer ansehen, kritischer auch - aber, da gibt es bisher Grund zur Zuversicht, ohne übertriebenes Misstrauen. Zugleich kommt der Öffentlichkeit zu Bewusstsein, dass eine Welt jenseits von Brüssel existiert. Man ist auf einmal peinlich berührt, dass es hierzulande kaum Interesse und Expertise für etwas fernere Winkel der Erde gibt, keine weise ergrauten Exbotschafter, die auch im Fernsehen eine gute Figur machen, keine Orientalisten mit Zeitungskolumne und reicher Erfahrung als Regierungsberater. Das vielberufene "Erwachsenwerden" der Bundesrepublik hat nicht in erster Linie mit Wehr und Waffen zu tun - das ist, wie wichtig auch immer, ein Nebenaspekt. Vor allem anderen geht es um Entprovinzialisierung.
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