Es gehört zur Magie des Erfolgs, zumal des wirklich großen, dass nicht gänzlich aufzuklären ist, worauf er eigentlich beruht. Als Umberto Eco mit dem Namen der Rose den Superhit landete, einigten sich die Auguren letztlich darauf, er habe doch irgendwie etwas Neues, vorher so noch nicht Dagewesenes kreiert, nennen wir es den semiotisch gestützten intertextuellen Mittelalterpalimpsestkrimi. Innovation also. Dass Henning Mankell mit seinen Romanen um Kommissar Kurt Wallander aus dem schonischen Ystad etwas nie Dagewesenes produziert, wird niemand behaupten. Und doch werden dieser Tage auf einen Schlag 250 000 Exemplare seines neuen, auszugsweise bereits im stern vorabgedruckten Romans Die Brandmauer ausgeliefert

allein Mankells deutsche Gesamtauflage soll bei fünf Millionen Medieneinheiten liegen. Wenn das kein Erfolg ist. Doch worauf beruht Mankells Faszination, wenn nicht auf Innovation?

Die Brandmauer eignet sich hervorragend, um das Mankell-Phänomen zu verstehen. Der Roman ist vor allem im ersten Teil so spannend, dass einem gar nicht auffällt, was man alles vermissen würde, wenn er nicht so spannend wäre. So bemerkt man zum Beispiel kaum, dass Mankell ungefähr so viel Humor besitzt wie ein Stück Knäckebrot. Die Leser erfrischende Lust vieler Autoren, sich durch Anspielungen und Erzählvarianten auf andere Texte des Genres zu beziehen, geht ihm ab. Mankell schreibt, als gäbe es keine anderen Krimis auf der Welt. Auch ist die Zeichnung von Figuren oder gar die Entwicklung von Charakteren seine Sache nicht. Von den Menschen, mit denen Wallander es zu tun hat, bekommen wir Leser kaum mehr mit, als Wallander wahrnimmt: ihren Namen, den Platz, wo sie sitzen, einige Bemerkungen, einige Handlungen. Die einzige Figur, an deren Innenleben wir teilhaben, ist Wallander.

Obwohl er als Kommissar der Ystader Polizei verwickelt ist in den Alltag einer Behörde, abhängig von Stimmungen und Intrigen seiner Kollegen - in der Brandmauer wird gegen ihn wegen Polizeiwillkür ermittelt, er wird gemobbt - verkörpert Wallander geradezu die Einsamkeit des Mannes um die 50. Wieder ist er ein Stück älter geworden, er kränkelt, und Diabetes hat er nun auch.

(Übrigens: der, nicht die Diabetes, liebe Lektoren!) Wie schon in den sieben Romanen davor denkt Wallander ans Aufhören. Im Unterschied zu einfach gestrickten Charakteren ist er jemand, der jeden Morgen beim Aufstehen fragt, ob das Leben einen Sinn hat. Nicht sein Leben, sondern das Leben überhaupt, in diesem hoch technisierten Sozialstaat, in dieser globalisierten Welt. Wie alle Melancholiker vergrößert Wallander sein persönliches Leid ins Unendliche.

Mankells große Suggestion besteht nun darin, diesen eigentlich ungenießbaren narzisstischen Misanthropen liebenswert zu machen, indem er uns, exklusiv nur uns Leser, teilhaben lässt an seinem Innenleben. Nur wir wissen, dass Wallander ein guter Mensch ist. Wallander hat ein schlechtes Gewissen, weil er seine Tochter zu selten anruft, er ist schüchtern und sehnt sich nach einer Frau, die ihn versteht (was ihm in diesem Fall übrigens beinahe das Genick brechen wird). Kein Kollege - andere Mitmenschen hat er nicht - erfährt von seinen Ängsten. Nur wenn er aufbraust, wütend um sich schlägt oder einen seiner impulsiven Alleingänge startet, denken sie sich ihr Teil, während wir Leser jede Regung dieses hilfsbedürftigen und bemitleidenswerten Kindes genau kennen dürfen, das in dem plumpen Mann steckt. Wir können gar nicht anders, als Wallander zu mögen.

Doch das Kind ist zugleich ein Held, und zwar ein Held unserer Zeit. Die Identifikation mit Wallander fällt so überaus leicht, weil er die Rolle in einem Traum besetzt, den man nur zu gern teilen möchte. In dieser Welt, die undurchschaubar, unbeeinflussbar, unregierbar und unrevolutionierbar ist, führt er leidend, aber zäh durchhaltend vor, dass der Einzelne doch immer noch Gutes für die Allgemeinheit tun kann, indem er seinen Beruf gut ausübt.