D E U T S C H L A N D E I N S A T Z Ein Krieg wider Willen

Mit Amerika gegen den Terrorismus, aber nicht gegen den Irak: Die deutsche Bündnistreue hat ihre Grenzen

Deutschland kommt um den Krieg gegen den Terrorismus (und Afghanistan) nicht herum. Die Bundesregierung wird Fuchs-Panzereinheiten, Seestreitkräfte, vielleicht auch Elitesoldaten, Lufttransport- und Sanitätstruppen für mindestens ein Jahr "bereitstellen". Ob 3900 oder 4000 Mann - wir sind demnächst wieder im Krieg, und diesen wollte niemand. Außer den Terroristen. Wie viele der Gegner, getarnte Mitglieder des Al-Qaida-Netzwerks, bereits in Deutschland sind, weiß niemand.

Andere europäische Hilfeleistungen - von der Zusammenarbeit der Geheimdienste bei der Suche nach den Terroristen bis zur Vorbereitung einer posttalibanischen Regierung - können am Ende des Konflikts bilanziert werden. Doch das Ende liegt in weiter Ferne.

Der Bundeskanzler ist nicht zu beneiden. Das Militärische, man merkt es ihm an, ist Schröder fremd. Ein Salutierer wie Bush ist er nicht. Und doch muss er die Republik, auch die Soldaten und ihre Familien, davon überzeugen, dass seine Regierung das Richtige tut. Was aber das Richtige sei, bestimmt derzeit auf militärischem Gebiet das Weiße Haus. Über ein ernstes Mitspracherecht verfügen die europäischen Nato-Staaten (Ausnahme Großbritannien) bisher nicht. Die Erfahrungen aus dem Kosovo-Krieg, als Amerika wesentliche Entscheidungen, zum Beispiel die Auswahl von Bombenzielen, monopolisierte, lassen vermuten, dass die Europäer auch diesmal nur am Katzentisch der US-Strategen sitzen werden - aber nicht vor der Tür. "America calls the shots", wo's im Kriegsalltag langgeht, werden wir auch in Zukunft nicht bestimmen können. Immerhin können die Europäer die Grenzen ihres Engagements aufzeigen, wenn sie mitmachen.

Das ist Schröders Argumentation angesichts einer zum Teil skeptischen Regierungskoalition (und ihrer Wähler): Wer nicht mitziehen will in den Krieg, zerstört die Antiterrorallianz und gefährdet das Atlantische Bündnis. Den Pazifisten im Lande, denen das vielleicht egal ist, wird er erklären können, dass eine unilaterale, von Alliierten ungebremste amerikanische Eskalation die Stabilität der muslimischen Randstaaten des ehemaligen sowjetischen Imperiums beschädigen dürfte. Russland müsste das Bündnis verlassen, Putins Position wäre gefährdet. Die friedliche neue europäische Staatenordnung geriete ins Wanken. Alsbald befänden wir uns in jener spannungsgeladenen Welt wieder, die vor einem Jahrzehnt mitsamt der Mauer verschwunden zu sein schien. Über die Konjunktur müssten wir uns dann keine Sorgen mehr machen.

Anders als im Kosovo, als ein diktatorischer Gegner, Milocevic und seine marodierenden Soldaten, konventionelle Bombenziele darbot - von (gut getarnten) Panzern bis zur modernen Infrastruktur Serbiens -, droht im fernen Afghanistan ein längerer Konflikt. Die völkerrechtliche Legitimation des Kriegs steht kraft des UN-Mandats außer Frage. Gleichzeitig wachsen aber nicht nur in Europa die Zweifel an seiner strategischen Weisheit. Die Isolierung der Taliban in Berghöhlen und Ruinen hat propagandistische Wirkung allenfalls im Westen, nicht aber im islamischen Raum. Denn die politisch-religiöse Kriegsanschauung des Fundamentalismus folgt mythologischen Erzählmustern und nicht der martialischen Logik des body count. Wer stirbt, zieht als Sieger ins Paradies. Den Tod Osama bin Ladens würden seine Gefolgsleute zum heroischen Opfergang und heiligen Triumph verklären. In seinen Niederlagen blüht jeder Terrorismus neu auf, wie die Geschichte von Arafats PLO täglich neu belegt.

Derzeit führt Amerika noch einen symbolischen Krieg. Weder setzt George W. Bush alle ihm zur Verfügung stehenden konventionellen militärischen Mittel ein, noch signalisiert er den Gegnern Gesprächsbereitschaft. Kein Wunder - wie verhandelt man mit bewaffneten Abgesandten aus dem Mittelalter und selbstmordwilligen Wahnsinnigen? Symbolisch ist der Krieg außerdem, weil er der Beruhigung einer traumatisierten amerikanischen Öffentlichkeit dient - die jedoch andererseits ein Teppichbombardement mit ungezählten zivilen Opfern aus moralischen Gründen nicht lange hinnehmen würde.

Dass sich die Frustration des bisher besonnen agierenden Präsidenten nicht in einem militärischen Wutanfall (wie seinerzeit in Richard Nixons maßloser Zerstörung eines Teils von Kambodscha) lösen möge, dies sicherzustellen ist nicht nur die Aufgabe seiner Berater, sondern auch seiner Nato-Partner. Uneingeschränkte Solidarität bewährt sich nicht in politischem Gehorsam. Auch hier ist Schröder kein Salutierer.

Informationen aus Washington, dass der Irak mitsamt seinem biologischen Waffenarsenal als nächstes Ziel anvisiert sei, haben den Regierenden vorige Woche in Berlin, Paris und London den Atem verschlagen. Es drohte in diesem Falle ein Flächenbrand. Schon jetzt steht das Putschisten-Regime in Islamabad auf der Kippe. Ohnmächtig sieht es zu, wie pakistanische Paschtunen in Reih und Glied über die Bergpässe marschieren, um mit den Taliban zu kämpfen. Der königlich-saudischen Korruptionsoligarchie könnte das Ende drohen, das bin Laden ihm wünscht - zum Beispiel durch eine fundamentalistische Palast-Emeute. Israel, vor zehn Jahren Ziel irakischer Raketenangriffe, sähe sich gezwungen zu mobilisieren. Eine Kriegsausweitung in den Irak wäre das "Abenteuer", dem Gerhard Schröder sich verweigern müsste.

Doch stünde Deutschland jetzt nicht zu seinen Bündnisverpflichtungen, würde jeder spätere Berliner Protest gegen eine Eskalation ungehört verhallen und der Krieg ginge weiter - als es irgendeiner gewollt hat. Außer bin Laden.

 
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