F L Ü C H T L I N G S S T R Ö M E Tod in der Straße von Gibraltar

Jeden Tag fliehen Hunderte von Afrikanern über die Meerenge nach Europa. Marokko hindert sie nicht daran

Tanger/Tarifa

Auf dem Patio 2 des Friedhofs von Tarifa, linker Hand, trennt ein Seil notdürftig eine Begräbnisstätte für Namenlose ab. Es dient keinem anderen Zweck, als unachtsames Herumtrampeln auf den Gräbern, die nichts als solche zu erkennen sind, zu verhindern. Ein winziges Zeichen von Respekt für Tote, deren letzte Ruhestätte kein Grabstein und keine Inschrift markiert, denen niemand Blumen bringt. An diesem windzersausten Ort, von dem aus man einen freien Blick auf den Atlantik hat, deutet so gut wie nichts darauf hin, dass hier Menschen bestattet sind. Allein ein einziges umgefallenes Holzschild erinnert an einen Toten. Nur ein Name steht auf dem Brett, kein Datum, nur: Mohammed.

Wer hier begraben ist, war seinem Ziel schon ganz nahe. Erst der letzte Abschnitt einer oft Tausende Kilometer langen Reise wurde den Menschen zum Verhängnis. Die meisten kommen wohl aus dem Nordwesten Afrikas, aus dem Maghreb. Viele trekken aber auch zu Fuß durch die Sahara: Es sind Schwarzafrikaner aus Nigeria, Ghana, Sierra Leone - wo immer gerade Krieg herrscht oder wo einfach kein Vorankommen ist. Wieder andere stammen aus dem Irak, aus Afghanistan gar. Irgendwie, eingepfercht in Lkw, auf rostigen Frachtern, manche auch komfortabel in Flugzeugen, schaffen sie es nach Tanger. Die einst malerische Kulturhauptstadt Marokkos ist heute ein Durchgangslager für Migranten, die alles versuchen, um ins Europa der Schengen-Staaten zu kommen.

Von Tanger lässt sich über die Straße von Gibraltar hinüberblicken zum Südzipfel Spaniens. Nicht einmal 15 Kilometer breit ist der Estrecho, wie die Spanier die Passage vom Atlantik zum Mittelmeer nennen. Im Estrechofinden viele den Tod. Das Meer ist hier mindestens so trügerisch wie die Schlepper, die den Flüchtlingen eine sichere Überfahrt versprechen. Die meisten aber überleben auch diesen Teil der Wanderung nach Europa. Die Straße von Gibraltar hat sich als eine jener Öffnungen der Festung Schengen erwiesen, die einfach nicht zu schließen sind. Das liegt zum großen Teil auch am Unwillen des Nachbarlandes Marokko, das durchaus imstande wäre, den Flüchtlingsstrom zu bremsen.

Die "moros" werden gebraucht

An einem einzigen Tag setzte unlängst die spanische Nationalpolizei Guardia Civil 567 sinpapeles, Menschen ohne Dokumente, an den Küsten fest. 64 von ihnen hatten eine längere, noch viel gefährlichere Passage gewagt. Sie wurden auf der Kanareninsel Fuerteventura am Strand Las Salinas del Carmen aufgegriffen. Sie schienen sämtlich aus Sierra Leone zu stammen - bis auf die sechs Finsterlinge, vermutlich Marokkaner, die sie in drei winzigen Booten dorthin geschippert hatten. Die übrigen Aufgegriffenen waren über den Estrecho gesetzt, 448 von ihnen direkt nach Tarifa. An den Stränden dieses südlichsten Ortes auf dem spanischen Festland können Surfer, wenn sie auf kräftigere Winde warten, immer wieder erleben, was bei Flaute in der Meerenge passiert. Kurz vor dem Strand, mitunter nur wenige Meter, setzen die Bootsführer ihre Fracht ab. Manchmal sind es 60 Menschen, die sich in eines der Zodiac-Schlauchboote quetschen. Die letzten Meter müssen sie waten oder schwimmen, denn die Bootsführer landen nie. Am Strand rennen die nassen Gestalten los.

Zwei Männer wurden an jenem verhängnisvollen Tag, als so viele wie nie zuvor aufgegriffen wurden, von der Guardia Civil indes im Wasser geborgen und eilends in das Krankenhaus Punta Europa der nahen Hafenstadt Algeciras geflogen. Einer hatte einen Schwächeanfall erlitten: Erschöpfung, Herzversagen, er überlebte nicht. Der andere musste wegen schwerer Verbrennungen behandelt werden. Sie stammen vom Brennstoff, den die Frachtschiffe schon in der Meerenge ablassen. Er überlebte.

Wie gesagt, nicht alle wählen den kürzesten Weg. Und nicht alle vertrauen sich Schleppern an. An einem nebligen Mittwoch im Frühherbst sprangen 50 Afrikaner am Kap Gata östlich von Almería aus einem Fischerboot. Sie hatten es in Melilla, einer der beiden spanischen Enklaven in Nordafrika, gestohlen, waren gut 160 Kilometer damit über das Mittelmeer gefahren. Die Guardia konnte vier von ihnen nur noch tot bergen.

An diesem Tag starb auch ein Junge namens Abdelfagur im Krankenhaus von Ceuta, der anderen spanischen Enklave. Der 14-Jährige stammte aus dem marokkanischen Tetuan, hatte irgendwie die Grenze zur Enklave durchbrochen. Dort lungerte er wie viele Jungs am Hafen herum, wartete auf eine günstige Gelegenheit. Sie kam nach einer Fiesta. Abdelfagur muss sich auf einem der Lastwagen versteckt haben, der Schaubuden von Ceuta zurück nach Algeciras brachte. Beinahe leblos wurde er am Strand von Chorillo auf der Südseite Ceutas gefunden. Irgendjemand brachte ihn zum Krankenhaus, wo er noch zwölf Tage am Leben festhielt.

Manche in Spaniens sonnigem Süden nennen den Estrecho das "größte Massengrab Europas". Die Straße von Gibraltar ist die meistbefahrene Schifffahrtsroute der Welt. Von den Brücken der Supertanker und Containerschiffe sind die Schlauchboote der Menschenschmuggler überhaupt nicht zu sehen. Binnen Minuten können sich auf der eben noch glatten See Wellenberge von vier, fünf Metern Höhe auftürmen. Die Motoren der Zodiacs können versagen, manche sind so alte Modelle, dass die Gummihaut porös geworden ist. Der Tod kommt langsam im Estrecho. Erst Durst, dann Sonnenstich - manche ertrinken, weil sie ohnmächtig ins Wasser fallen.

Wie viele kommen qualvoll um, wie viele erreichen ihr Ziel? Die Guardia Civil nennt nur die Zahl der Toten und der Festgenommenen. Die Hilfsorganisation Vereinigung der marokkanischen Arbeitsmigranten in Spanien glaubt, Jahr für Jahr kämen weit über tausend um, mehr als an allen anderen Grenzen Europas. Aber auch sie kann nur schätzen. Vielleicht sagt eine Untersuchung des spanischen Arbeits- und Sozialministeriums mehr aus, dass nämlich jeder Landwirt in Südspanien illegale Einwanderer beschäftigt. Spanien hat Bedarf an den moros, den Mauren, deren Vorfahren Kultur und Rechenkunst nach Europa brachten. Sie werden heute gebraucht, um die Tomatenfelder zu bestellen.

Papa Isidoro ist einer, der den Illegalen hilft. An der Hafenstraße von Algeciras betreibt der Franziskaner vom Orden des Weißen Kreuzes in einem blitzblank geputzten Haus ein Beratungszentrum mit Ambulanz. Isidoro kennt die Immigranten und ihre Probleme wie kein Zweiter. "Wenn sie erst einmal in Spanien sind", schmunzelt er, "haben sie meistens keine unlösbaren Probleme mehr." Jedenfalls wenn sie an ihn geraten. Isidoro geht für sie zur Western Union, wo er telegrafische Geldanweisungen für die "Papierlosen" annimmt, damit diese ihre Namen nicht preisgeben müssen. Jeder, der in seinem Haus am Paseo de la Conferencia 7 anklopft, wird medizinisch behandelt, bekommt trockene Kleider. Viele besitzen nichts außer der nassen Hose, dem Hemd und der Jacke, die sie tragen. Wenn er davon spricht, die Probleme seien gelöst, wenn sie erst einmal in Spanien sind, dann meint er damit, dass sie die Schengen-Grenze passiert haben. Danach sei es ein Leichtes, Arbeit zu finden oder unterzutauchen, weiterzureisen. "Jeder, der hier ankommt", weiß Isidoro aus Erfahrung, "hat eine Anlaufstelle - in Spanien, in Italien, in Deutschland ..."

Im Sinne des Schengen-Vertrages hat Spanien indes auch Abkommen geschlossen, die eine Abschiebung illegaler Ausländer erleichtern. Marokkaner können sofort zurückgeschickt werden. Selbst mit Nigeria hat man ein "Pilotprojekt" zur Rücksendung vereinbart. Es wird jedoch nur äußerst selten ein Schwarzafrikaner zurückgeschickt. Und mit den Marokkanern tun sich die spanischen Behörden auch nicht leicht. Notorische Streitigkeiten über Fischereirechte belasten das Verhältnis. Der nordafrikanische Nachbar hat trotz anderer Verlautbarungen keine Hemmungen, seine Probleme mit Geburtenüberschuss und Arbeitslosigkeit dem reichen Europa aufzuhalsen. Bereits im Spätsommer bestellte Spaniens Außenminister Josep Piqué den marokkanischen Botschafter ein. Dieser schickte aber nur seinen Stellvertreter - und der kam auch noch 25 Minuten zu spät.

Tags darauf teilte Marokkos Außenministerium mit: Spanien "vereinfache ein komplexes Problem". Marokko habe seit dem Januar 2000 gut 35 000 Personen interniert, die sich auf den Weg nach Europa gemacht hatten. 20 000 eigene Staatsbürger seien vom Grenzübertritt abgehalten, 15 000 Afrikaner und Asiaten des Landes verwiesen worden.

Nur 35 Minuten dauert die Überfahrt mit der Jet-Fähre von Tarifa nach Tanger. In der Kasbah finden sich kleine Hotels, deren Namen bezeichnend sind: Malaga, Hollande, Paris. Schwarzafrikaner stehen davor, andere lungern in den winzigen Zimmern herum. In den Cafés und an den Tankstellen auf der Autostraße von Casablanca wimmelt es von Schwarzen. Sie hoffen, von Fernfahrern mitgenommen zu werden, suchen die Lastwagen nach Verstecken ab. In einem Geschäft in Tanger wiederum stehen die schnellen Zodiac-Boote zum Verkauf - und viel Seil. Wozu das Seil? "Damit sie nicht über Bord springen", erklärt ein Ahmed, "sie sind so nervös."

Die Geheimpolizei schaut weg

Der Streit zwischen Spanien und Marokko verschärfte sich im Verlauf des Herbstes. Der marokkanische König gab dem französischen Figaro ein seltenes Interview. Mohammed VI. klagte "spanische Mafiabanden" an. Sie seien reicher als jene in Marokko. Schiffe, die schneller seien als die seiner Marine, würden in Spanien verkauft, nicht in Marokko. Damit machte er seine Polizei viel zu klein. Wenn ein Taxi von Casablanca nach Tanger fahren will, muss der Chauffeur sich für die Fahrt eine Genehmigung einholen. Jede Bewegung Fremder wird registriert. Die Spitzel der Sûreté, der Geheimpolizei, haben ihre Augen überall. Gegen ein paar Dirham verschließen sie sie indes gern. Es dürfte keinem Polizisten in Tanger entgangen sein, dass sich am Strand im Osten der Stadt ein Café Schengen vieler Kunden erfreut. Der Kellner dort druckst ein wenig herum: "Wenn man hier lange genug arbeitet, glaubt man, dass man ohne Visum nach Europa kommt."

Aber Spanien ist auch auf eigenem Hoheitsgebiet nicht Herr der Lage. Eine gute Stunde fährt man mit dem Taxi von Tanger über die Königsstadt Tetouan nach Ceuta. Die spanische Enklave in Nordafrika ist am perímetro, der halbkreisförmigen Grenze zu Marokko, eingezäunt. Es ist ein Doppelzaun, gut vier Meter hoch, gekrönt von Stacheldraht. Zwischen den beiden Zäunen verläuft eine Betonpiste. Sie ist breit genug für die Patrouillenfahrzeuge der Guardia Civil. An hohen Pfosten sind Scheinwerfer und Videokameras angebracht. "Die clandestinos schneiden den Zaun in zwei Minuten durch", sagt ein Sprecher der Guardia Civil, "so schnell kommen wir gar nicht hin."

Alle hier haben ihre Papiere "verloren". Alle behaupten, aus Ländern zu kommen, mit denen es keine Abschieberegelungen gibt. Wer sich registrieren lässt, wird gut behandelt, darf drei Monate im Auffanglanger bleiben. "Danach wird ihnen ein Expediente de Expulsión ausgestellt", erläutert Roberto Franca in der Zentralverwaltung von Ceuta, "das bedeutet, dass sie das Land binnen 40 Tagen zu verlassen haben." Darauf warten die Illegalen nur. Mit dem Ausweisungsbescheid in der Hand haben sie reichlich Zeit, unterzutauchen und zu ihrem eigentlichen Ziel irgendwo in Europa weiterzureisen.

 
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