H Ö R B U C H Mir graut vor meinen Gedichten

Dieser Ton macht einen starr. Ist dies die kindlich flinke Mädchenstimme einer greisen Frau oder der brüchige Klang eines Mädchens, das schon alt geboren wurde? Unruhig hört man diese Gedichte, gebannt von einem Singsang, der sich wie gedrängt am Rand entlangbewegt, und man atmet auf, wenn ein Gedicht zu Ende gebracht wird, bevor die Lesende abbricht, weil es nicht mehr geht oder sie nicht mehr mag.

Der Name Christine Lavant steht auf der CD-Hülle, Die Bettlerschale - Gedichte, darunter das Bild einer Frau mit Kopftuch, dem kleinen Gesicht einer Bäuerin mit trauerhellen, übergroßen Augen, die Finger abwehrend gehoben. Dem Rezensenten war sie unbekannt, er saß einfach da, hörte 18 ihrer Gedichte, fing wieder von vorne an, vergaß mitzudenken. Es hatte die Intensität einer Wiederauferstehung jenes Moments, als diese Lyrik geschrieben wurden. "Der Mondhof war noch nie so groß, / im Süden kämpft die Regenzeit, / der Herr hält seinen Zorn bereit / und läßt gewiß die Hunde los, / sobald ich etwas träume". Sie weiß, dass die Hunde sie erwischen werden, dass sie nicht ungeschoren davonkommt, wenn sie ihre Ängste in Gedichte einschreibt. Aber mehr als das Leben kann Gott sie auch nicht strafen.

1915 wird Christine Lavant als Christl Thonhauser in einem Kärntner Tal als neuntes Kind eines Bergarbeiters und einer Flickschusterin geboren. Sie leidet an der Armenkrankheit Skrofulose, einem tuberkulösen Ausschlag der Haut, nässend und eitrig, erst mit 18 Jahren kann sie die Verbände abnehmen. Nicht genug, eine Mittelohreiterung macht sie halb taub, sie sieht schlecht, atmet nur mit einem Lungenflügel, die Ärzte erklären die Vierjährige für nicht lebensfähig, der Vater stirbt, die Mutter näht nachts im einzigen Zimmer, um die Kinder durchzubringen. Mit der Erinnerung an ein Abendgebet beginnt die Lesung, irgendwann (ist so etwas egal?) vom ORF Landesstudio Kärnten aufgenommen: Ob der heilige Joseph sich bitte darum kümmern könnte, dass die Schwester eine Anstellung bekommt und der Bruder nicht mehr im Keller schlafen muss, ob Gott vergessen habe, dass die Mutter kein Geld für die Milch hat. Das schwankt ringelnatzboshaft zwischen Kindgläubigkeit und Ironie, keine Kritik kann schneidender sein als die demütige Schlussformel: "Und mein Herz ist so klein, / es darf niemand hinein / als du, mein liebes Jesulein".

Es könnte nach schmerzensreicher, religiöser Lyrik klingen, zur Hiobsklage einer gequälten Frau werden, es ist immer mehr. "Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben", schrieb sie 1962 in einem Brief, sie dichtet für uns alle. Sie heiratet den 30 Jahre älteren Landschaftsmaler Josef Habernig, pflegt ihn mehr, als dass sie ihn liebt, sehnt sich nach dem Maler Werner Berg, dessen Holzschnittporträts ihr Gesicht zur expressionistischen Ikone machen. Das kranke, bettlägerige Mädchen, das nach einem Jahr die Hauptschule verlassen musste und sich mit Stricken Geld verdiente, hatte sich in der Leihbücherei Rilke ausgeliehen, war in all den Mondnächten, da sie nicht schlafen konnte, zum Schreiben gekommen - mitten im Lavanttal, nach dem Fluss benannt, der ihr den dritten Nachnamen gab. 1948 findet sie einen Verleger, erscheint die Erzählung Das Kind, beginnt mit drei Gedichtbänden (1956 bis 1962) ein Ruhm, der mit dem Österreichischen Staatspreis festgeschrieben wird, sie als doppelte Trakl-Preisträgerin ehrt. Als man von der Vielgelobten weiter Preiswürdiges erwartet, verweigert sie sich und hört auf zu schreiben. "Mir graut vor meinen Gedichten und eigentlich vor aller Kunst. Sie passt nicht zu mir und war ein unbegreifliches Zwischenspiel." 1973 stirbt die "Ängstin" mit 58 Jahren, eine Dichterin des zweiten Gesichts, hoch gelobt und schnell vergessen.

Thomas Bernhard hatte ihre Gedichte bewundert, eine Anthologie herausgegeben, Michael Krüger versucht es nun mit einer Auswahl aus dem Band Die Bettlerschale (1956), von Christine Lavant gesprochen. Elke Heidenreich, die oft Allzugegenwärtige, liest weitere Gedichte, entledigt sich ihrer Aufgabe so sympathisch, wie sie im Beiheft schreibt: "Ich kann diese Gedichte nicht lesen wie eine Schauspielerin. Ich kann sie schon gar nicht lesen mit dieser unglaublichen Stimme wie die Dichterin selbst. Ich kann sie einfach nur lesen, damit Sie sie hören und vielleicht einen Zugang zu dieser rätselhaften, vielschichtigen Lyrik bekommen, die, auch wenn wir sie nicht in allem entschlüsseln können, einen uralten, wahren Ton in uns anschlägt." Aus demselben Grund ist diese Kolumne jetzt für dieses Hörbuch geschrieben.

Christine Lavant und Elke Heidenreich lesen:Die Bettlerschale - Gedichte Ausgewählt von Michael Krüger; Der HÖR Verlag, München 2001; 1 CD, 50 Min., 31,- DM, ISBN 3-89584-549-3

 
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