K U N S T LUCHS 178
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Mario Giordano "Der Mann mit der Zwitschermaschine - Augenreise mit Paul Klee"
Es sind die warmen, leuchtenden Rottöne auf Titelbild und Vorsatzblatt, die den Ausgangspunkt dieser Augenreise mit Paul Klee setzen. Es geht um Farben und deren sinnliche Kraft, ums Sehenlernen und um einen Künstler, der sein Leben lang in einem inneren Dialog mit sich selbst stand - über die Linie, die Farbe und die Form. Wie schon in seinem Buch über Pablo Picasso - von einer Reihe zu sprechen, scheint noch zu früh - erzählt Mario Giordano das Leben Paul Klees (1879 bis 1940) chronologisch. Zu Beginn blicken wir auf eine Folge von Fotografien, sehen den kleinen Paul "mit 7 Jahren (rechts neben Onkel Fritz)", dann mit wachem Blick als Heranwachsenden, als jungen Mann und schließlich im Todesjahr als 60Jährigen. Mit neun Jahren zeichnet Paul ins Schulheft. Mitten in geometrische Formeln und zeichnerische Berechnungen stellt er eine weibliche Figur, einer Opernsängerin gleich, in dramatischer Pose und mit weit geöffnetem Mund; irgendwann später wurde mit Bleistift ergänzt: "einsam in trüben Tagen ...". Kindheit und Jugend werden so über Skizzen und Zeichnungen lebendig, ergänzt durch sparsame Aussagen des Buchautors, durch Zitate aus Klees Tagebüchern, in großen Lettern aufs Papier gesetzt: "Nur das Verbotene freute mich. Zeichnungen und Schriftstellerei". Beim Blättern entdeckt man dann, wie die "Opernsängerin" aus den frühen Kindertagen in Klees Künstlerleben eine thematische Fortsetzung findet, durch die Sängerin der Komischen Oper (1925) beispielsweise, nun eine eher spröde Figur, mit der Feder dünn auf den Stein gezeichnet.
Während die Texte die biografischen Stationen betonen, erzählen die Bilder von der künstlerischen Entwicklung Klees in den zwanziger und dreißiger Jahren. Zeichenhaftigkeit und Abstraktion treten dabei ebenso hervor wie Skurrilität und Fantastik. Dieser Wechsel zwischen einer scheinbar naiven und einer magischen Bildsprache rückt so die Bilder überraschend dicht an Zeichnungen von Kindern, die hier auch als Betrachter viele Anknüpfungspunkte finden werden: in offenen Bildzeichen, in der Farbe als Bedeutungsträger, der Komik der Motive. Welch schön-schräge Idee, eine Maschine zu zeichnen, die Vögel zum Zwitschern bringt, wenn man eine Kurbel betätigt!
Das Buch erzählt aber noch auf einer weiteren Ebene von Paul Klee. Mit jeder neuen Seite, mit jedem neuen Bild, wandelt sich die Farbe der linken Buchseiten; der jeweilige Farbton wird den Kunstwerken entnommen, die auf der rechten Seite abgedruckt sind. So entsteht, analog zu den reproduzierten Bildern, eine eigene Farbspur aus monochromen Papieren, die sich von blassblauen Tönen über Violett und Schiefergrau bis zum kräftigen, leuchtenden Rot stuft. Wie nebenbei wird so die Augenreise zur Farbenlehre erweitert. Doch auch das genaue Hinsehen ist Teil der Erfahrung: ein beigelegtes Pappquadrat mit einer kleinen Öffnung setzt ein amüsantes, lehrreiches Suchspiel in Gang, bei dem man Details aus den Bildern Klees wiederentdecken muss. Je abstrakter die Bilder, desto schwieriger wird es, den Ausschnitt rasch zu finden.
Giordano will dem Betrachter und Leser mit diesem bibliophil gestalteten Kunst-Sachbuch keineswegs Paul Klees Bedeutung als Künstler und Kunsttheoretiker der Moderne aufdrängen; vielmehr strebt er die behutsame und sinnliche Vermittlung bildnerischer Phänomene an und nimmt damit unmerklich Klees Plädoyer für das "bildnerische Denken" auf - eine kluge Entscheidung auf einer Reise, die Kindern - und uns - die Augen für die Kunst öffnen will.
Mario Giordano:Der Mann mit der Zwitschermaschine - Augenreise mit Paul Klee; Aufbau-Verlag, Berlin 2001; 62 S., 39,90 DM
Die LUCHS JURY empfiehlt außerdem:
Yvan Pommaux: :Achtung, Ungeheuer! a. d. Franz. von Bettina Wegenast; Moritz Verlag, Frankfurt a. M. 2001; 36 S., 25,03 DM (Comic-Bilderbuch ab 5 Jahren)
Paula Fox: :Paul ohne Jacob; a. d. Engl. von Cornelia Krutz- Arnold; Verlag Sauerländer, Frankfurt a. M./Aarau 2001; 106 S., 22,95 DM (Kinderbuch ab 10 Jahren)
Volker Arzt: :Als Deutschland am Äquator lag; Rowohlt Berlin, Berlin 2001; 222 S., 34,90 DM (Sachbuch ab 16 Jahren)
LUCHS 178 wurde von Amelie Fried, Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp ausgewählt. Am 8. November 2001, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen - Funkhaus Europa - seinen Hörern das Sachbuch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit dem Rezensenten ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de
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