H I S T O R I S C H E R R O M A N
Die große Angst
Der Romancier Amin Maalouf erzählt von jenem Jahr 1666, als die einen an die Erlösung, die anderen an den Untergang der Welt glaubten
Als das Jahr 1666 herankommt, mehren sich die Zeichen des Unheils. Kluge Männer werden von zitternder Angst gepackt, tugendsame Frauen stürzen sich in sexuelle Raserei, fromme Mönche ergeben sich dem wüsten Aberglauben. Aus dem Zarenreich dringt Kunde von fortgesetzten Pogromen, auf den Meeren brandet der Seekrieg zwischen Holland und England, und im Vereinigten Königreich selbst gehen sich Puritaner und Katholiken an die Kehle. Schwer zu sagen, was den verheerenden Brand, der London in Schutt und Asche legt, verursacht hat: der katholisch-papistische Irrglaube des Königs, der von Gott dafür gestraft wird, oder umgekehrt die Ketzerei der Puritaner, welcher Gott nicht länger zusehen mochte. Überall in der christlichen Welt ziehen Pilgerscharen der Apokalypse entgegen, dem großen Strafgericht, das 1666 hereinbrechen wird. Es ist dies das einzige Jahr, in dem jede Ziffer, die das lateinische Zahlensystem kennt, einmal enthalten ist: MDCLXVI - die Geschichte hat sich solcherart zahlenmystisch vollendet, sie noch fortzusetzen wäre Wiederholung. Im Osmanischen Reich wiederum tritt Sabbatai Zwi auf, ein jüdischer Tribun, der den Sultan in Konstantinopel zur Unterwerfung auffordert und von seinen Anhängern als wiedergekehrter Messias begrüßt wird, mit dem die irdische Geschichte enden wird.
Jenes Krisenjahr, das im Orient und Okzident alte Gewissheiten des Glaubens hinwegfegt und überall die angestammte Herrschaft erschüttert, ist der Hintergrund der Reisen des Herrn Baldassare, des neuen historischen Romans von Amin Maalouf. Der gebürtige Libanese, der in Paris lebt und auf Französisch schreibt, hat schon mit etlichen Romanen, die die wechselweise Anziehung und Abstoßung von Abendland und Morgenland erkunden, weltweiten Erfolg gehabt. Etwa mit Leo Africanicus. Der Sklave des Papstes, der Lebensgeschichte eines arabischen Geografen des 16. Jahrhunderts, der nach Rom entführt und dort Katholik wird, ehe er, ein Mittler zwischen den Welten, wieder in den Maghreb und zum Islam zurückkehrt; oder mit Samarkand, einem farbenprächtigen Epos, das die Spuren eines persischen Manuskriptes aus dem Jahr 1072 verfolgt und nebenher die Geschichte der Seidenstraße erzählt.
Der neue Roman beginnt im Libanon und endet in Genua. Seine Handlung wird von der großen Reise bestimmt, die der orientalisch-genuesische Händler Baldassare durch den ganzen Mittelmeerraum - von Tripolis über Konstantinopel, Smyrna und Chios nach Genua und von dort über Tanger, Lissabon bis nach London und wieder zurück - unternimmt, um in den Besitz eines Buches zu gelangen. Dieses Buch, von dem er nicht einmal weiß, ob es sich nicht um eine Fälschung handelt, stiftet seit längerem Verwirrung, hat auch den skeptischen, jedwedem Fanatismus abholden Kaufmann aus der inneren Ruhe aufgescheucht und trägt den Titel Der hundertste Name.
Islam und Judentum unterscheiden sich auch darin, dass es im Judentum untersagt ist, "den unaussprechlichen Namen in den Mund zu nehmen", während der Koran 99 Namen für Allah hat und "die Gläubigen auffordert, den Namen Gottes Tag und Nacht im Mund zu führen". Einmal ist Allah "der Barmherzige, dann der Rächer, der Scharfsinnige, der Sichtbare, der Allwissende, der Richter ..." Man ist versucht, anzunehmen, dass es die Vielzahl von Namen den Gläubigen erleichtert, Allah für ihre höchst unterschiedlichen Unternehmungen ins Treffen zu führen. Das Buch, das den hundertsten, den "verborgenen Namen" nennen würde, hätte die größte Bedeutung, führte dieser doch zum endgültigen Lobpreis Allahs und gewissermaßen direkt ins Himmelreich.
Um derlei theologische Fragen geht es in dem Roman allerdings nur am Rande. Woran Amin Maalouf interessiert ist und was er vor der großen, detailprächtig ausgemalten historischen Kulisse darstellt, das ist die Angst, die im 17. Jahrhundert, dem "Zeitalter der Vernunft", die Welt erfasste. In den drei großen Religionen brechen heftige Kämpfe zwischen der Orthodoxie und teils sozialrevolutionären, teils fundamentalistischen Ketzerbewegungen auf, und die Spannungen greifen auf das Verhältnis der drei Religionen zueinander über; gerade dort, wo Juden, Christen, Muslime in alltäglicher Nachbarschaft leben, entlang der Küsten des Mittelmeeres, wird dadurch eine jahrhundertealte Lebensform bedroht.
Es ist ein prekärer Moment der Weltgeschichte, und Baldassare, der orientalische Katholik, ahnt dies auch und bespricht es einmal mit einem gleich ihm verunsicherten jüdischen Reisegefährten: "Die Menschen teilten sich heute in zwei Gruppen, sagte er, in diejenigen, die davon überzeugt sind, dass das Ende der Welt direkt bevorsteht, und diejenigen, die dem skeptisch gegenüberstehen - wobei ich und er zu den letzteren gehörten. Ich entgegnete ihm, dass sich meiner Ansicht nach die Menschen auch in diejenigen teilten, die das Ende der Welt fürchteten, und diejenigen, die es herbeisehnten, sprachen doch die ersten im Zusammenhang damit von Sintflut und Unheil, während die anderen von Auferstehung und Erlösung redeten." Die zweiten, daran lässt Maalouf keinen Zweifel, scheinen ihm die gefährlicheren zu sein, im 17. Jahrhundert wie heute.
Es ist die hohe Kunst dieses Erzählers, dass er die Grenzen der Epoche, in der sein Roman angesiedelt ist, behutsam beachtet und doch zugleich von unserer Zeit zu erzählen weiß. Tatsächlich, jene ferne und unsere Welt haben überraschende Gemeinsamkeiten. Wie niemals wieder seit dem 17. Jahrhundert durchdringen auch heute einander die Nationalitäten, Religionen, Kulturen. Um 1650 lebten im Osmanischen Reich und in halb Europa Muslime, Christen und Juden zusammen. Wer Handel trieb, tätigte wie Baldassare seine Geschäfte in vielen Sprachen, auf Griechisch, Türkisch, Arabisch, Sephardisch, Italienisch ... Die nationale Formierung der einzelnen Staaten im Inneren, die äußere Aufteilung der Welt in national und konfessionell getrennte Zonen folgte erst später. Und sie zerfällt heute.
Mit einem Mal sind jetzt aber auch die Ängste wieder da, die damals, in jener Ära des Aufbruchs, der Entdeckungen, der Vernunft viele Menschen so verstörten, dass sie falschen Propheten aufsaßen, die ihnen das Heil versprachen. Die einen finden sich für alles, was ihnen widerfährt, einen Sündenbock; Baldassare entkommt im brennenden London gerade noch der Lynchjustiz, denn "es ist nicht gut, ein Fremder zu sein, wenn eine Stadt in Flammen steht". Die anderen wittern überall die Katastrophe, leben im Banne einer "mit Ungeduld erwarteten Apokalypse". Manche sehnen den großen Vernichtungsschlag geradezu herbei und sind bereit, ihm nach Kräften zuvorzukommen und möglichst viele Menschen in einen politischen Opfertod mitzureißen. Selbst die Skeptischen, Zweifelnden werden vom Misstrauen vergiftet; schon zu Baldassares Zeiten fragten sie sich, ob sie das Recht, nach eigener Fasson zu leben, auch jenen zubilligen sollen, die aus einer Fremde kommen, die ihnen selbst dieses Recht wohl nicht gewähren würde: "Als wäre es eine natürliche Sache, dass Toleranz auf Toleranz folgt und Verfolgung auf Verfolgung."
Diesen Kreislauf zu durchbrechen, sieht Baldessare als Auftrag der Religionen, des Verstandes, seines eigenen Lebens. Was ihm auf seiner Irrfahrt alles widerfährt, ehe sie ihn wundersam endlich nach Genua, in die Heimat der Vorväter, leitet, das zeichnet er in vier fiebrigen Tagebüchern auf, die dem Roman seine Erzählform geben. Und von Liebes- und Seenot bis zu Meuchelmord und Volksaufstand ist in seinen Aufzeichnungen genügend dabei, das einen historischen Roman erst spektakulär macht und ihm das große Publikum sichert. Daran braucht man gar nicht zu mäkeln, denn wie Amin Maalouf in der fernen Vergangenheit auch die Krisen und Chancen der Gegenwart zur Anschauung bringt, das ist meisterlich.
Amin Maalouf: :Die Reisen des Herrn Baldassare Roman; aus dem Französischen von Ina Kronberger; Insel Verlag, Frankfurt/M. 2001; 483 S., 49,80 DM
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