F I L M Schwarze Behaglichkeit

Die Brüder Joel und Ethan Coen polstern den Film Noir neu auf: "The Man Who Wasn't There"

Manchmal ist Wissen ein Fluch. Der Seufzer stammt von Ann Nirdlinger, Witwe des jüngst ermordeten Kaufhausbesitzers Big Dave Nirdlinger. Ann trägt noch Trauer, das schwarze Netz ihres Hutes zittert, seltsam illuminiert, vor ihrem Gesicht, als sie nachts Ed Crane auf der Türschwelle ihr Leid klagt. Ann glaubt zu wissen, dass Außerirdische in den Mord an ihrem Mann verwickelt sind, und auch die Regierung habe ihre Finger im Spiel gehabt. "This goes deep, Ed!" Ed glaubt kein Wort, aus gutem Grund. Schließlich hat er selbst Big Dave umgebracht, nach einem schlichten Zweikampf. Schweigend steht er der paranoiden Ann gegenüber, bis ein Schnitt ihn erlöst.

Etwas später besucht Ed Crane seine Frau Doris im Gefängnis. Sie wird jenes Mordes verdächtigt, den Ed verübt hat. Der Anwalt Freddy Riedenschneider sitzt den beiden gegenüber und weiß nicht weiter. Dann schließt er seine Ratlosigkeit mit seiner Intelligenz kurz und improvisiert über die Heisenbergsche Unschärferelation, bis eine Verteidigungslinie dabei herauskommt: "Sometimes the more you see, the less you know."

Zwei Strategien gegen das bohrende Unwissen: Ann sucht nach der tieferen Wahrheit und will klarer sehen; Riedenschneider flieht die tiefere Wahrheit und huscht trickreich über den Abgrund hinweg. In der Welt von Joel und Ethan Coen haben beide Strategien ihren Platz, sie verschränken sich sogar zum Wohlgefallen des Publikums. Der Zuschauer soll in einem Coen-Film nie aufhören, nach einem tieferen Sinn zu suchen; zugleich soll er nie glauben, dass er ihn finden wird. Die Coens bauen auf einen ungezügelten Kombinationswillen, gepaart mit einem gezügelten Erkenntnisinteresse. In ihrem Vergnügungspark funktionieren alle Attraktionen reibungslos, von der Freakshow über das Spiegelkabinett bis zum Karussell mit historischen Motiven. Die kulturgeschichtlichen Verweise, Variationen, Zitate schlingen sich wie Zuckerwatte um den Handlungsfaden, bilden ein wolkiges Gespinst von Wiedererkennungseffekten, das beim unmittelbaren Verzehr sehr intensiv schmeckt, jedoch jenseits des Parkgeländes keinerlei Nährwert besitzt. Daraus haben die Coens nie ein Hehl gemacht. Und doch: Immer wieder schmuggeln sie auch großkalibriges Gedankengut in ihre Filme und platzieren es so geschickt, dass man unwillkürlich weiterdenken möchte - auch wenn kein weltanschaulicher Schlenker ohne eingebauten Persiflage-Faktor kommt.

Oft maskieren sich die Coenschen Werke als moralische Erzählungen, heben an mit einem nachdenklichen, zurückgelehnten Off-Kommentar und versprechen so eine Art lehrreicher Erfahrung. Die Handlung wird diesen vorgeschobenen Anspruch stets Lügen strafen. Aber das streicht den Gestus nie vollständig durch. Im Überbau der durchgedrehten Fabeln scheint doch irgendwo eine geheime Sehnsucht zu überwintern nach einem Schritt, den die Brüder sich bisher nie zutrauen wollten: eine wirkliche moralische Geschichte zu erzählen. Bevor sie eine solche Aufrichtigkeit begingen, die ihnen sicher als die größtmögliche Prätention erschiene, lassen sie lieber einmal mehr eine überspannte Hauptfigur an der eigenen absurden Prätention zuschanden gehen.

Das neueste Werk von Joel und Ethan Coen, The Man Who Wasn't There, beginnt mit dem Bild einer stetig kreisenden Spirale. Sie hängt als Blickfang über der Eingangstür eines Friseurgeschäfts und signalisiert: same old story, das Karussell dreht sich wieder, auf der Stelle in munterer Bewegung. "Yeah, I worked in a barber shop. But I never considered myself a barber", lauten die ersten Sätze des von Billy Bob Thornton unvergleichlich trocken rausgeraspelten Off-Kommentars. Sie enthalten schon das typische Dilemma einer heillosen Hauptfigur aus Coenscher Aufzucht: Ein kleiner Mann will nicht bei seinem Leisten bleiben und macht einen Plan; doch die Welt gehorcht einer größeren Unordnung als der in seinem Kopf.

Das Spielbrett, auf dem der Friseur Ed Crane der Schloßallee entgegenstrebt, bis er auf die death row gerät, ist ausgekleidet mit edelstem Film-Noir-Material, bis hin zu einem supersamtigen Schwarzweiß voller Licht- und Schatteneffekte, die so altmeisterlich gelungen sind wie sie selten einem alten Meister aus den vierziger Jahren gelangen. Als der Film Noir seinerzeit auffällig wurde, da wirkte er verstörend durch seine merkwürdig verdrehten und verdunkelten Frauen-, Männer- und Verbrechensgeschichten. Als die Coens ihren ersten Film Blood Simple ins Kino brachten, zugleich ihr erstes Noir-Pastiche, blinkte die Verstörung noch einmal auf durch die beeindruckend schmutzigen Seelen fast aller Figuren. The Man Who Wasn't There allerdings ist der behaglichste Film Noir, der jemals gedreht wurde, er polstert das Genre auf zu einem luxuriösen Entspannungsmöbel.

Alle mögliche Spannung haben die Coens weitgehend aus der Geschichte hinausgebügelt. Das entspricht einerseits ihrem Inszenierungsstil, bei dem ja oft Kabinettstückchen auf Kabinettstückchen folgt ohne betont dramatischen Bogen; andererseits entspricht das ihrer Hauptfigur, dem extrempassiven Ed Crane. Ed scheint eine nur mühsam reanimierte Noir-Gestalt zu sein, unter anderem, weil Billy Bob Thornton diesmal aussieht wie ein leicht ausgemergelter Wiedergänger von Humphrey Bogart. Ed raucht Kette und redet kaum, noch weniger fühlt er. Wie tot sitzt er neben seiner Frau auf dem Sofa. Nur ein Signal empfängt er noch klar und deutlich aus den Untiefen seiner Seele: Ich habe etwas Besseres verdient. Seine Frau hat einen Liebhaber, den erpresst er für eine dubiose Investition; dann tötet er ihn. Von da an geht's bergab. Zweimal wird Ed, dieses Monument der Indifferenz, mit derselben fassungslosen Frage konfrontiert: What kind of man are you? Natürlich antwortet er nicht. Am Ende übernimmt Staranwalt Riedenschneider die Verteidigung und erklärt Ed zum modern man - vergeblich.

Eine Spannung haben die Coens ihrem Film erhalten: die zwischen dem behaglichen Ton und dem im Grunde unbehaglichsten aller denkbaren Charaktere. Diese Spannung wird umspült und umrankt von den üblichen Bestandteilen des Coen-Kinos, den brillant ausgereizten Nebenfiguren, dem coolen Aberwitz, den schönstmöglichen Umleitungen in der Handlung. Aber die Spannung bleibt und wirft ein zwiespältiges Licht auf den Film. Ed Crane ragt in seiner Mischung aus zielloser Ambition und kaltem Herzen (ob modern man oder nicht) doch etwas über den Coenschen Spielfeldrand hinaus. Das macht dessen Grenzen bewusst und lässt erneut den Verdacht aufkommen, die Brüder würden selbst gern die Grenzen verschieben, wenn sie nur wüssten, wie.

Kurz vor dem Tod träumt Ed davon, im Himmel vielleicht seine Frau zu treffen und ihr dann all das zu erzählen, wofür es auf der Welt keine Worte gab. Ein bizarrer letzter Wunsch für den sprachlosen Friseur. Ein interessanter letzter Wunsch in einem Film von Coen & Coen. Man möchte darin das heimliche Verlangen erkennen, in einer anderen Welt dem selbst auferlegten Zwang zur Uneigentlichkeit einmal entkommen zu können.

 
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