Bioterrorismus

Nach vier Jahren Ermittlungen gaben sie ihr Werk in Druck. Es war noch gar nicht erschienen, da wurde das Geschehen seit dem 11. September zum Fallbeispiel: Terroristen erpressen Amerika mit lebensgefährlichen Erregern, wobei offen ist, ob dahinter Einheimische oder Ausländer stehen. Das Buch ist so gefragt, dass es die Händler Barnes & Noble zum halben Preis verkaufen können. Mitten in Schockwellen des Terrors erhält auch die Autorin "Anthraxpost". Ein Scheinangriff, zum Glück. Gleich hat Judith Miller im Fernsehen ihre Fehler beim Umgang mit dem erklärt, wovor ihr Buch doch erst noch warnen sollte. Denn nachdem sie die Post geöffnet hat, macht sie alles falsch. Erschrocken lässt sie den Brief fallen, das Pulver stiebt auf. Sie zieht mit den bepuderten Händen ihren Kopfhörer ab, ruft Leute im Büro hinzu.

Wäre es Milzbrand gewesen, hätte sie so die Sporen verteilt.

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Einige Erfahrungen sind wohl noch zu machen, andere wieder in Erinnerung zu rufen. Dem dient dies Buch, das die Korrespondentin der New York Times und zwei Kollegen des Magazins Time über die biologischen Arten der Massenvernichtung vorlegen. Spannend erzählt, deckt es weltweit Geheimpläne der Entwicklung und des Einsatzes von biologischen Waffen auf. Ruchbar wurden sie seit den vierziger Jahren oft nur bei Unfällen oder durch Sekten in Japan und Amerika. Einige Baghwan-Anhänger verfielen im Staat Oregon 1984 darauf, ihre Gegner kurz vor den Kommunalwahlen auszuschalten. Sie gaben Salmonellen in die Speisen. Der gewünschte Effekt trat ein. So unglaublich aber erschien den Ermittlern dieser Anschlag, dass sie sich erst durch spätere Geständnisse der Täter überzeugen ließen. Erstmals erfasste der "Bioterror" Amerika.

Mosaikartig werden hier die Wege von Forschern und Beteiligten erhellt. Bill Patrick etwa arbeitete zwei Jahrzehnte in Fort Detrick, Maryland, ehe er sich ab 1969 gemäß einer Weisung Richard Nixons und der internationalen Abkommen gegen biologische und toxische Waffen 1972 um deren Abbau bemühte. Dem lief aber die mangelnde Kontrolle, die fortwährende Verbilligung und der marktwirtschaftliche Vertrieb von Erregern zuwider. Zivil und militärisch nutzbar, dienen sie dem Drohpotenzial von Staaten, aber auch dem individuellen Terror. Starter germs, etwa drei Arten Bacillus anthracis, fünf Arten Clostridium botulinum und drei Arten Brucella suis, erhielt der Irak im Mai 1986 aus Amerika, erfährt der Leser, geliefert an Labore der Universität Bagdad. Aber wie Pandoras Geschenk nicht nur Prometheus' Bruder Unheil brachte, so könnten diese Erreger als Waffen zurückschlagen. Sie müssen transportabel, haltbar und einsetzbar sein, ohne die Überbringer zu treffen.

Träger wie Raketen, Flugzeuge und Spray-Apparate sollen sie zielgenau anbringen.

Als Pandora einst die Übel entließ, blieb nur die Hoffnung zurück. Heute droht auch diese zu entschwinden. Denn Terroristen gehen mit in den Tod.

Ihren Opfern bleibt nichts, als sich in Zivilverteidigung zu üben und für Epidemien zu wappnen. Der Schutz davor wird nie perfekt, zumal genetisch veränderte Erreger sich als resistent erweisen können. Noch 1988 wurde Irak mit Anthrax beliefert, ehe dann Washington diese Ausfuhr auch an Iran, Libyen und Syrien verbot. Viele sorgen sich um heimliche und unkontrollierte Biowaffen. Im Jahre 1989 erhielt ein Leningrader Institutsdirektor in Amerika Asyl. Wladimir Pasechnik erzählte von russischen Cruise Missiles, die, niedrig fliegend, Erregerwolken zu versprühen vermögen.

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