Kann die Lage Argentiniens noch dramatischer werden? Kaum: Drei Jahren dauert die Rezession nun bereits. Die Industrie produziert immer weniger, die Arbeitslosigkeit stieg zuletzt auf mehr als 18 Prozent. Die Konsumenten geben von Monat zu Monat weniger Geld aus, wodurch wiederum die Steuereinnahmen wegbrechen.

Das Staatsdefizit stieg seit 1997 von knapp sechs auf rund neun Milliarden Dollar pro Jahr. Der argentinische Staat steht bei seinen Gläubigern mit mehr als 130 Milliarden Dollar in der Kreide - das ist fast ein Viertel der weltweit von so genannten Emerging Markets ausgegebenen Anleihen. Kaum ein Investor glaubt noch, dass Argentinien diesen Schuldenberg tilgen kann. Als Ausgleich für das Risiko, ihr Kapital zu verlieren, fordern die Anleger schwindelerregende Zinsen. Zu Wochenbeginn lagen die Zinssätze argentinischer Staatsanleihen mehr als 25 Prozentpunkte über den Zinsen vergleichbarer US-Papiere. Kein anderes Land muss seine Kredite so teuer erkaufen. Je höher aber die Zinsen, desto schwieriger wird es für die argentinische Regierung, ihre Schulden zu bedienen. Diese Spirale bringt das Land jeden Tag dem Staatsbankrott ein bisschen näher.

Das Kabinett um den Präsidenten Fernando de la Rúa und seinen Wirtschaftsminister Cavallo strampelt bislang erfolglos, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Erst reagierten Gewerkschaften und Verbände mit Straßenblockaden, als die Regierung Gehälter und Pensionen kürzte oder das Gesundheitssystem reformieren wollte. Jetzt stößt der Präsident mit der politischen Elite zusammen, weil er die ineffizienten Steuergesetze verbessern und das finanzielle Verhältnis zwischen den Provinzen und der Zentralregierung zugunsten der Letzteren reformieren will.

Während nun der auf Konsens versessene de la Rúa sich nur schwer zu Entscheidungen durchringen kann, vergrätzt der impulsive Cavallo wichtige Gesprächspartner. Die Gouverneure der oppositionellen peronistischen Partei weigern sich nach heftigen Zusammenstößen mit dem Minister inzwischen, mit ihm zu verhandeln. Stolz und Eitelkeit sind der politischen Elite bisher wichtiger als die Krise des Staates. Dabei hängt die Zukunft von einer Einigung mit den Provinzfürsten ab. Streitpunkt ist die Verteilung der Steuereinnahmen.

Einigen sich die Parteien nicht, gibt es kein Geld mehr für Argentinien, sagt Thomas Dawson, Sprecher des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ursprünglich plante der IWF, dem Land im Dezember weitere 1,3 Milliarden US-Dollar zu überweisen, als Teil eines vor Monaten vereinbarten Hilfspakets. Argentinien braucht das Geld dringend, um seine Zinsen zu zahlen.

Als letzten Ausweg vor dem Staatsbankrott wollen de la Rúa und Cavallo nun die Schulden umschichten. "Es gibt keine Alternative zu unserem Plan", sagt der Präsident und appelliert an den Patriotismus seiner Bürger.

Zunächst will seine Regierung die lokalen Banken und Pensionsfonds bewegen, ihre laufenden Staatsanleihen mit einer durchschnittlichen Verzinsung von elf Prozent in neue Papiere mit nur noch sieben Prozent Zinsen umzutauschen.