K A B U L

Die falschen Retter

Warum die berüchtigten Führer der Nordallianz Afghanistan nicht allein beherrschen dürfen

Islamabad/Peschawar

Es gibt ein Modewort in diesem Krieg: Post-Taliban. Das Wort kam in Mode, sobald die erste Bombe fiel. Da ist die Rede von Warlords, von Stammesführern und einem König. Sämtliche Namen kommen vor, die man aus den vergangenen 20 blutigen Jahren Afghanistans kennt. Diese Männer sollten die Zukunft gestalten, die Zeit nach den Bomben, die Ära Post-Taliban. Nach fünf Wochen intensiven Bombardements scheint diese Zeit angebrochen. Die Taliban haben Kabul kampflos aufgegeben, nun ist dieses Feld frei für die neue Macht - aber das löst bei den Strategen in Washington, Moskau und Islamabad nicht Freude aus, sondern Sorge. Warum?

Vor dem Fall Kabuls sah alles wunderbar aus. An den Schreibtischen wurden schon die Posten verteilt. Hier ein Clanchef und sein Blutsbruder, dort ein Warlord mit seiner Soldateska, und über allen thronen der König und seine Höflinge. Fertig ist das neue Afghanistan, ein Land ohne Krieg, ohne Terroristen und mit der Zeit auch ohne Elend.

Im Wesentlichen hatten die Realpolitiker vier Lager ausgemacht, welche das Post-Taliban-Afghanistan regieren sollten: der im Exil in Rom lebende König Zahir Schah; exilierte Stammesführer in Pakistan; gemäßigte Taliban; die Nordallianz. Ein schöner Mix. Aber gerade er löst jetzt in den Kanzleien Schrecken aus, denn er ist beides gleichzeitig: schwach und hochexplosiv.

In den ersten Tagen des Krieges stand König Zahir Schah im Mittelpunkt diplomatischer Bemühungen. Delegationen aus den USA, aus Europa und Pakistan pilgerten in die römische Villa des lange Jahre vergessenen Mannes. Er sollte eine Koalition zusammenzimmern, sein königliches Prestige den Kitt dafür liefern. Aber König Zahir Schah trat nie aus dem Schatten hervor, in dem er mehrere Jahrzehnte gelebt hatte. Die USA wie die Uno schoben, zerrten und zogen, aber es wollte nicht so recht gelingen, ihn ins Zentrum zu rücken. Dafür gibt es einen konkreten Grund: den Tod von Abdul Haq, in dem sich die ganze Schwäche der Option Zahir Schah konzentriert.

Haq war zu Zeiten der sowjetischen Besatzung ein populärer Guerillaführer, ein Volksheld. Laut Planspiel hätte er unter dem schwachen Zepter von Zahir Schah einen prominenten Posten im Post-Taliban-Afghanistan einnehmen können, vielleicht jenen des Verteidigungsministers. Am 25. Oktober ging Haq über die Grenze, um die Anti-Taliban-Kräfte zu organisieren. Drei Tage später war er tot. Taliban-Milizen hatten ihn gefasst, gefoltert und schließlich erschossen. Abdul Haqs Ende bewies, wie sehr die Exilafghanen den Kontakt zu ihrer Heimat verloren hatten. Die erhofften Risse innerhalb der Taliban gab es nicht.

Ein Hinweis für die Realitätsferne dieser Männer war auch die von Clanchef Pir Gillani organisierte Zusammenkunft afghanischer Persönlichkeiten in Peschawar. Die Versammlung forderte eine "breit abgestützte Regierung" für Afghanistan. Der Aufruf richtete sich auch an gemäßigte Taliban. Aber niemand von ihnen kam. Nicht einmal König Zahir Schah hatte einen Delegierten nach Peschawar geschickt. Es gab keine gemäßigten Taliban, und es gab keinen mobilisierbaren Anhang der Exilanten in Afghanistan selbst. Zumindest nicht, während die Reihen mittels US-Bomben dicht geschlossen werden.

In diesen Tagen zirkuliert in der Presse Pakistans ein Bericht des pakistanischen Geheimdienstes über König Zahir Schah aus dem Jahr 1992. In dem Report steht in akribisch-despektierlicher Geheimdienstprosa geschrieben: "Zahir Schah geht auf die Achtziger zu. Er ist halb gelähmt. Er kann sich nicht alleine auf den Beinen halten. Er kann weder sprechen noch hören. Er braucht zwei Krankenschwestern, die ihn auf die Toilette begleiten und ihm die Windeln anziehen. Die Windeln benutzt er bereits seit Jahren." Ein gnadenloseres Epitaph auf den politischen Tod des Königs hätten seine schlimmsten Gegner nicht verfassen können.

Bleibt die Nordallianz, die einzige Gruppe, die in Afghanistan neben den Taliban militärische Macht besitzt. Sie kümmerte sich nicht um die Einwände ihres Freundes und Beschützers George W. Bush und ergriff die Chance, obwohl der US-Präsident sie ausdrücklich davor gewarnt hatte, Kabul einzunehmen.

Der Widerstand Bushs, sein hilfloser Versuch, die Sache noch umzudrehen, ist verständlich, wenn man die Nordallianz genauer betrachtet. Sie ist ihrer Natur, ihrer Zusammensetzung und ihrer Vergangenheit wegen ungeeignet, Afghanistan zu regieren. Das war allen bekannt.

Usbekengeneral Raschid Dostum ist einer ihrer führenden Figuren, ein berüchtigter Krieger mit sadistischen Neigungen und notorischem Hang zum Verrat. Jahrelang war er unumschränkter Herrscher in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif. Von dem trinkfesten Mann ist eine besondere Hinrichtungsmethode überliefert. Soldaten seiner Truppe, die gestohlen hatten, ließ er mit Lastwagen zu Tode schleifen oder auch von Panzerketten zermalmen.

Ismail Khan ist ein anderer der Warlords der Nordallianz. Khan hat einen besseren Ruf als Dostum. Während seiner Herrschaft gab es in Herat etwas Ruhe und Ordnung. Er ließ die Bevölkerung entwaffnen. Ismail Khans Regime war für afghanische Verhältnisse relativ liberal. Gescheitert ist Khan an der grassierenden Korruption, der willkürlichen Gewalt und der Machttrunkenheit in den eigenen Reihen - übliche Krankheiten der Warlords.

Die Rückkehr der Warlords

Wie Dostum sich jetzt sein Masar-i-Scharif wiedergeholt hat, so hat sich Ismail Khan Herat geschnappt. Die Warlords sind wieder in ihre Besitzungen zurückgekehrt. Lebte der dritte große Kriegsherr der Nordallianz, Ahmed Schah Massud, noch, wäre er jetzt wohl der Herr von Kabul. Damit ist alles wieder beim Alten - bei der Zeit vor den Taliban, der Zeit absoluter Gesetzlosigkeit. Diese Erinnerung hat die Kriegskoalition letztlich aufgeschreckt.

Wohin also blicken? Welches sind die Gruppen, auf die man jetzt setzen sollte? Wer sollte nun in der "breit abgestützten Regierung", die alle fordern, vertreten sein? Es ist bestimmt gut, bei denen anzusetzen, deren Namen seit fünf Wochen jeder westliche Politiker im Munde führt: dem afghanischen Volk. Vielleicht lässt sich hier das politische Kapital finden, das dringend benötigt wird und den Kriegsherren fehlt: Glaubwürdigkeit.

Sefora Walli beispielsweise hat keine Macht, keine Panzer, keine Gewehre und keine Soldaten. Sie ist Flüchtling, um genauer zu sein: ein neuer Flüchtling. Sie verließ Kabul wenige Tage nach dem Beginn des Bombardements. Unter geopolitischen Gesichtspunkten ist sie ein Niemand, eine von Hunderttausenden anonymen Afghanen. Verschiebemasse, Mitleidsmasse, je nach Bedarf.

Aber Walli verfügt über einen Erfahrungsschatz, der für eine friedliche Zukunft Afghanistans von großer Bedeutung sein kann: ein über Jahre angesammeltes Wissen über Krieg, Unterdrückung und Demütigung. Ihr Leben ist ein einziges Zeugnis darüber.

Walli ist von Beruf Lehrerin im Fach Chemie. Als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschierten, griff auch ihr Mann zu den Waffen und wurde zum Mudschahidin, zum Kämpfer im Namen Gottes gegen die Ungläubigen. Als die Sowjets 1989 abzogen, legte Seforas Mann seine Kalaschnikow nieder. Kurze Zeit später starb er eines gewaltsamen Todes. Eine Rakete, aus dem Lager des inzwischen verstorbenen Warlords Ahmed Schah Massud abgefeuert, riss ihn in Stücke. Das jüngste der vier Kinder des Paares war damals gerade sechs Monate alt. Seforas Mann war einer von Zehntausenden Menschen, die dem blutigen Kampf zwischen den verfeindeten Kriegsherren zum Opfer fielen. Die Männer, die heute die Nordallianz bilden und von den USA unterstützt werden, sagt Sefora Walli, "haben Kabul auf dem Gewissen und die Vergewaltigung Tausender Frauen".

Als die Taliban 1996 Kabul einnahmen, fand sich Walli in der denkbar schwächsten Position wieder. Sie war nicht nur eine Frau, sondern auch Witwe. Das verbannte sie an den äußersten Rand der Gesellschaft. Sie kämpfte ums Überleben und tat, was sie gelernt hatte. Sie unterrichtete. In so genannten house based schools lehrte sie Mädchen Rechnen, Schreiben und was es sonst noch als Grundlage für ein Leben in relativer Selbstständigkeit braucht. Unter den Augen der Taliban-Wächter, die Frauen alles verboten hatten - auch Erziehung. "Ich gab von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends Unterricht, mit einer Stunde Pause dazwischen", sagt Walli. "Ich brauchte das Geld. Und ich war überzeugt von meiner Arbeit."

Eines Tages entdeckten die Taliban ihre Schule. Sie vertrieben die Mädchen aus dem Klassenzimmer und drohten Walli mit Strafe. "Glücklicherweise konnte ich mich herausreden. Sie ließen mich laufen." Nach wenigen Tagen wich Walli in eine andere illegale Schule aus und arbeitete weiter. In Kabul gab es bis zum September rund 30 house based schools.

Wallis Schicksal unterscheidet sich kaum von zahllosen anderen. Was kann eine wie sie beitragen? Wie soll jemand ohne Panzer die Zukunft Afghanistans bestimmen? Die großen Spieler werden diese Fragen stellen. Mit gutem Recht. Die Lösung, die Sefora Walli für eine friedliche Zukunft Afghanistans anbietet, ist einfach: "Weder mit den Taliban noch mit der Nordallianz!" Das scheint naiv, aber es ist der Forderung von US-Präsident George W. Bush ziemlich ähnlich.

Der Flüchtling Sefora Walli und der Präsident des mächtigsten Staates der Erde sind sich sehr nahe gekommen. Für den kurzen Augenblick zumindest. Den Moment, in dem Kabul fiel und die Ära Post-Taliban begann.

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  • Von Ulrich Ladurner
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