Flugschule für Nesthocker

Vom Universitätsassistenten zum Bio-Tech-Unternehmer: Wie Staat und Hochschulen mit Förderprogrammen junge Wissenschaftler auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen

Anzug statt weißen Kittels, elegante Halbschuhe statt Laborlatschen, Handy statt Petrischale: Michael Schäffer entspricht so gar nicht dem Klischee von einem Forscher an einer deutschen Universität. Auch wenn man ihn in seinem Labor auf dem neuen Campus der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München-Großhadern trifft, vis-à-vis dem schaurigen Klinikmonster, das sie alle nur den "Toaster" nennen, weil es mit seinem auskragenden Dach mehr an einen überdimensionalen Brotröster erinnert als an ein Krankenhaus. In den Räumen des Hämatologikums des Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit (GSF) ist der promovierte Biochemiker zusammen mit einem Team von Medizinern, Chemikern, Biologen und Technikern den Ursachen einer bestimmten Form der Leukämie auf der Spur. Er selbst freilich hat mittlerweile, wie er freimütig einräumt, öfter einen Kugelschreiber in der Hand als eine Pipette. Denn der 33-jährige Universitätsassistent ist auch Kopf eines jungen Bio-Tech-Start-ups namens SiReen, das sich der Entwicklung neuer Medikamente gegen den Krebs verschrieben hat. Als Geschäftsmann versucht er, risikobereite Investoren von den Erfolgschancen seiner Firmenidee zu überzeugen. "Ich bin heute längst mehr Manager als Forscher, und das ist es auch, was ich anstrebe." Eine stattliche Summe Risikokapital hat er, knapp zwei Jahre nach Beginn seiner Unternehmensgründung, schon eingesammelt. Genug Geld, um der Uni bald den Rücken zu kehren und die ersten firmeneigenen Laborräume in einem Gründerzentrum in Bayerns Bio-Tech-Vorzeigeregion Martinsried vor den Toren Münchens zu beziehen.

Michael Schäffer ist das Paradebeispiel für einen "Ausgründer", für einen weltoffenen, ehrgeizigen Mann der Wissenschaft, der den Schoß seiner Alma Mater verlässt, um sich in der freien Wirtschaft einen Platz zu erkämpfen. Und er ist Vorzeigekandidat eines Programms, das ausgründungswilligen Forschern den Sprung in die Selbstständigkeit erleichtern soll. Das "Bayerische Förderprogramm zum leichteren Übergang in eine Gründerexistenz", kurz Flügge, ermöglicht jungen Wissenschaftlern, für maximal zwei Jahre als Halbtagskräfte an einer Hochschule weiterzuarbeiten und parallel dazu eine Unternehmensgründung voranzutreiben. Zurzeit unterstützt das Bayerische Wissenschaftsministerium 36 Existenzgründer; seit Beginn des Programms vor vier Jahren wurden nach gründlicher Prüfung insgesamt 84 Bewilligungen ausgesprochen, wobei das Spektrum der Gründungsideen von diversen Bio-Tech-Projekten über neue Materialprüfungsverfahren bis hin zu einem virtuellen Fremdenführer reicht. Schäffer und ein Kollege seines jungen Unternehmens leben jetzt seit einem Jahr von der staatlichen Förderung. "Ohne diese Unterstützung hätten wir das nicht so lange durchgehalten."

Förderprogramme wie Flügge in Bayern, Pfau (Programm zur finanziellen Absicherung von Unternehmensgründern an Hochschulen) in Nordrhein-Westfalen oder Junge Innovatoren in Baden-Württemberg stehen für einen markanten Wandel in der deutschen Forschungslandschaft. Noch vor wenigen Jahren betrachteten viele Hochschulen potenzielle Ausgründer als Konkurrenten und Verräter an der hehren Grundlagenforschung im akademischen Elfenbeinturm. Heute besitzt fast jede Hochschule ihr eigenes Gründerbüro, das Hochschulangehörige auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet. "Die Unis sind viel offener geworden", sagt Horst Domdey, der als ehemaliger Professor am Genzentrum der LMU selbst ein erfolgreiches Pharmaunternehmen, die Firma MediGene, mit aus der Taufe hob und heute unter anderem als Vorstand der BioM AG Risikokapital für Bio- und Gentechnik-Start-ups zur Verfügung stellt. "Das machen heute nicht nur junge Doktoren, auch die Professoren stehen voll dahinter."

Den Boden für diese Veränderungen haben nicht zuletzt die einschlägigen Förderprogramme von Bund und Ländern bereitet. Christoph Zinser vom Gründerbüro der LMU freut sich darüber, dass unterdessen selbst gestandene Lehrstuhlinhaber den Weg in sein fensterloses Büro im Hauptgebäude der Universität in Schwabing finden, um sich beraten zu lassen. Zinser bestätigt, dass manche Vorbehalte gegenüber Ausgründungen und Technologietransfers gefallen seien. Nur noch in Einzelfällen betrachteten Professoren potenzielle Unternehmensgründer an ihren Lehrstühlen als wenig willkommene Konkurrenz, stemmten sich gegen die - meist ohnehin nicht zu verhindernde - Abwanderung qualifizierter Wissenschaftler in die Industrie.

Für Sicherheit sorgt der Halbtagsjob am Lehrstuhl

Eine Ausgründung nach den Regeln des Flügge-Programms ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Ohne abgeschlossenes Hochschulstudium und "ausreichende Bindung zur Hochschule", wie es beim Bayerischen Wissenschaftsministerium heißt, gilt ein Antrag als chancenlos. Grundlage soll stets eine "innovative" Geschäftsidee mit "deutlich erkennbarem Marktvolumen" sein. Filipp Oesterhelt, Mitgründer der aufstrebenden Bio-Tech-Firma nanotype, kam die zündende Idee während seiner Promotion am Lehrstuhl für angewandte Physik der LMU. Dort hatte er ein neues Verfahren entwickelt, um die extrem kleinen Kräfte zu messen, die Moleküle aneinander binden. "Ich habe mich gefragt, ob ich in die Industrie gehen soll oder in der akademischen Forschung bleibe." Sein Doktorvater, der Biophysiker Hermann Gaub, selbst erfolgreicher Unternehmensgründer, riet Oesterhelt, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Gemeinsam mit Gaub sowie dem erfahrenen Start-up-Manager und Physiker Gunnar Brink wurde ein Geschäftsplan erarbeitet, basierend auf der Entwicklung eines automatisierten Testverfahrens, mit dessen Hilfe die ultrakleinen Bindungskräfte unterschiedlichster Moleküle preiswert und zuverlässig in Serie gemessen werden können. Die Idee, waren sich die Firmengründer sicher, könnte vor allem die Pharmaindustrie interessieren, weil die Art der Bindung von Wirkstoffmolekülen an körpereigene Stoffe entscheidend ist für die Wirksamkeit eines Medikaments. "Mithilfe unserer Technologien", sagt Oesterhelt, "könnte die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigt, der Weg zum maßgeschneiderten Medikament für eine individualisierte Therapie geebnet werden."

Die Geschäftsidee und der von den Unternehmern in spe vorgelegte Business-Plan mit professioneller Markt- und Risikoanalyse überzeugte die Gutachter des Münchner Wissenschaftsministeriums. Oesterhelt wurde in das Flügge-Programm aufgenommen und konnte nun aus dem warmen Nest einer Halbtagsstelle am Institut für angewandte Physik heraus seine Firmengründung vorantreiben. Ende Dezember 1999 hatten die ersten Planungen begonnen, die Gründung der nanotype GmbH folgte im Juli 2000. Zu diesem Zeitpunkt beteiligte sich auch die BioM AG als Business Angel mit 400 000 Mark an "nanotype", erhielt dafür zehn Prozent der Firmenanteile. Mittlerweile ist eine weitere Finanzierungsrunde unter Dach und Fach, die 6,5 Millionen Mark an frischem Risikokapital in die Kassen des Unternehmens gespült hat, das jetzt mit seinen zwischenzeitlich 16 Mitarbeitern eigene Laborräume in Gräfelfing, in direkter Nachbarschaft zum Bio-Tech-Zentrum Martinsried, bezogen hat.

Eine der größten Vorteile von Flügge sei die Möglichkeit, die technische Infrastruktur der Uni in der Gründungsphase mitzubenutzen. "Die teuren Laboreinrichtungen hätten wir uns am Anfang ja gar nicht leisten können", sagt Oesterhelt. Ob die Universität für diese Dienstleistung eine Gebühr erhebt, ist Verhandlungssache. "Das wird unterschiedlich gehandhabt, es sollen jedoch marktübliche Konditionen gelten", sagt Gründerberater Zinser, der auch das Flügge-Programm koordiniert. "Die geförderten Unternehmen sollen auf keinen Fall gedankenlos die kostenlose Mitbenutzung der staatlich subventionierten Geräte einkalkulieren. Das wäre schon aus unternehmenspädagogischen Gründen kontraproduktiv."

Normalerweise läuft die Flügge-Förderung ein Jahr lang. Nach neun Monaten hat das geförderte Unternehmen einen Zwischenbericht vorzulegen, der Grundlage ist für eine mögliche verlängerte Förderung im zweiten Jahr der Unternehmensgründung. Oesterhelt verzichtete allerdings auf diese Option, eine Entscheidung, die auf mögliche Schwachstellen des Programms hinweist. Er empfindet die Verpflichtung, als akademische Halbtagskraft Praktika am Lehrstuhl betreuen zu müssen, letztlich doch als problematisch. "Da kann man sich einfach nicht voll auf die Gründung konzentrieren." Oesterhelts Verbesserungsvorschlag: Die Universität sollte auf die Arbeitskraft des ausgründungswilligen Forschers ganz verzichten und im Gegenzug prozentual an der betreffenden Firma beteiligt werden. Auch patentrechtliche Probleme haben ihn bewogen, die Universität schon nach einem Flügge-Jahr zu verlassen. Nach dem Arbeitnehmererfindergesetz erwirbt die Universität die Patentrechte von Erfindungen ihrer Mitarbeiter, wobei nur die Professoren derzeit noch ein eigenes Verwertungsrecht besitzen. Das bedeutet, dass Ausgründer nicht selten die Rechte an ihren Patenten, die auch Grundlage der Unternehmensgründung sein können, von der Hochschule per Lizenz zurückkaufen müssen. Das kostet die Start-ups nicht nur zusätzliches Geld. "Die Investoren sehen es nicht gern, wenn die Uni die Patente hält, nicht das Unternehmen selbst", sagt Oesterhelt.

Als "ganz entscheidend für den Sprung nach draußen" hat Peter Steinrücke von dem Nürnberger Start-up Bio Gate die staatliche Hilfe empfunden. "Da muss man nicht immerzu in den Geldbeutel schauen, muss nicht immer auf dem schnellsten Weg zum Ziel kommen. Der erste Weg ist ja nicht immer der beste." Auch wenn man auf seiner halben Flügge-Stelle nicht reich werde, sei immerhin der existenzielle Grundbedarf abgedeckt. Michael Schäffer von SiReen muss sich zurzeit mit 2000 Mark netto bescheiden, eine Summe, die ihm angesichts einer prall gefüllten Arbeitswoche viel Idealismus abverlangt. Business Angel Domdey hält freilich nichts davon, die Förderbedingungen für die startbereiten Nestflüchter zu verbessern. "Die Auslese soll ja auch während des Programms weitergehen. Die Leute müssen hungrig bleiben."

 
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