E S S A Y Die gottgefällige Freiheit
Lassen sich Menschenrechte, Säkularisierung, Demokratie und Pluralismus islamisch begründen? Im Iran streiten Gelehrte für die Versöhnung von Glauben und Moderne
Radikale Islamisten bomben sich seit einigen Jahren schon in unser Bewusstsein. Weder ein Forum noch ein Bewusstsein gibt es hingegen im Westen für jene Intellektuellen, die sich selbst als "religiöse Aufklärer" bezeichnen und den Fanatikern ihre eigene, liberale Interpretation des Islams entgegensetzen.
Ein gewisses kurzlebiges Interesse erfahren sie allenfalls als Opfer fundamentalistischer Gewalt. "Der Westen interessiert sich für unsere Köpfe nur, wenn sie rollen", hat der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus einmal verbittert festgestellt. So entsteht in westlichen Medien das Bild, der Islamismus sei überall in der islamischen Welt auf dem Vormarsch. Dabei werden dort heute sehr progressive Debatten über die Vereinbarkeit von Glauben und Moderne geführt.
Erstaunlicherweise findet der interessanteste Diskurs im fundamentalistischen Gottesstaat Iran statt. Im Iran hatte man in den Jahren nach 1979 das islamistische Experiment gewagt. Eine Parole, mit der hier Ernst gemacht werden sollte, lautete: "Der Islam ist die Lösung." Bald zeigte sich im Realitätstest, dass dies keineswegs der Fall war: Wirtschaftliche, politische, soziale Probleme blieben bestehen. Im iranischen System, das Religion und Staat nicht trennt, wurde schließlich gar die Religion, die doch die Lösung sein sollte, für die Verfehlungen der Politik verantwortlich gemacht.
Deshalb begannen ausgerechnet einige ehemalige Islamisten, die Säkularisierung des Staates zu fordern. Anfangs nur zwischen den Zeilen zu lesen, ist diese Forderung heute immer lauter zu vernehmen. Sie wird von Geistlichen wie von Nichttheologen, Journalisten und Politikern erhoben, die sich als eine Bewegung verstehen und von sich selbst sagen, sie wollten eine "religiöse Aufklärung". In ihren theoretischen Debatten aber haben die religiösen Aufklärer ein kniffliges Problem zu lösen. Sie müssen erklären, wieso ihre Forderungen nicht dem Islam widersprechen: Kann man nach einer säkularen Gesetzgebung leben und sich trotzdem als Muslim definieren?
Radikale werden zu Reformern
Dieses Problem stellt sich gerade ihnen in besonderer Schärfe, weil viele der heutigen Aufklärer eine islamistische Vergangenheit haben. Für die meisten Muslime in der Geschichte war es nie eine Frage, dass die Herrschaft von einem weltlichen Herrscher ausgeübt wird. Die Trennung von Staat und Religion - nicht deren Einheit - war historische Realität. Weil viele der "religiösen Aufklärer" diese Einheit einst selber angestrebt und in der iranischen Revolution auch durchgesetzt haben, müssen sie heute erklären, wie es auch ohne gehen kann.
Ein Prüfstein für die Debatte ist die Diskussion über die Menschenrechte. Einst wurden sie vom iranischen Staatsgründer Ayatollah Khomeini bezeichnet als "eine Sammlung korrupter Regeln, die sich die Zionisten ausgedacht haben, um alle wahren Religionen zu zerstören". Der Philosoph Abdelkarim Soroush hingegen argumentiert, dass auch islamische Staaten die Menschenrechte ohne Schwierigkeiten übernehmen können. Es sei prinzipiell von der Existenz metareligiöser Werte auszugehen. Mit diesem Zugeständnis nimmt er im liberal-islamistischen Diskurs eine völlig neue Position ein. Auch andere Denker vor ihm meinten, dass Islam und Menschenrechte vereinbar seien, argumentierten aber, die Menschenrechte, zumindest die meisten, seien bereits im Koran vorformuliert oder gingen sogar auf den Islam zurück.
Diese Argumentation, die sich immer den Vorwurf einer gewissen Beliebigkeit gefallen lassen musste, übernimmt Soroush nicht. Er bestreitet sogar ihre Prämissen, denn seiner Meinung nach sind die Menschenrechte keineswegs islamischen Ursprungs, sondern schlichtweg Gebote der menschlichen Vernunft. Trotzdem widersprechen sie seiner Meinung nach nicht der Religion: Denn grundsätzlich, sagt Soroush, könne keine Religion gegen die Vernunft sein. Im Gegenteil: Die Schiiten betrachten die islamische Offenbarung als die höchste Manifestation der Vernunft. Deshalb können die Menschenrechte übernommen werden, auch wenn sie ursprünglich in einem außerreligiösen Bereich definiert wurden.
Für Soroush ist der Glaube durchaus mit der vollständigen Erneuerung von religiösen Konzepten vereinbar, denn er ist der Auffassung, dass jedes menschliche Verständnis der Religion von den Zeitumständen abhängig und also in einem dauernden Prozess der Verwandlung begriffen ist. Zur Reformierung der herrschenden restriktiven Islam-Deutung müsste man aus den alten Texten neue Interpretationen herausarbeiten, "wenn die menschliche Vernunft zur Überzeugung kommt, dass diese oder jene Bestimmung des Korans mit der Menschenwürde unvereinbar ist", schreibt Soroush.
Von den Glaubensregeln, die mit der Menschenwürde nicht vereinbar sind, trennen sich die religiösen Reformer bereitwillig. Fast alle Glaubensregeln, einschließlich der so genannten fünf Säulen des Islams, seien ohnehin nur die "Haut", die die Religion nach außen hin zusammenhält, sie hätten gleichwohl nichts mit der eigentlichen Essenz der Religion zu tun. Soroush argumentiert, Schiit sei, wer an die fünf unumstößlichen Dogmen der Schia glaube: die Einheit Gottes, das Prophetentum, die zwölf Imame, die Auferstehung und die Gerechtigkeit Gottes. Gemäß dieser Argumentation muss auch das Kopftuchgebot nicht unbedingt eingehalten werden. Zwar gebiete der Islam das Tragen des Kopftuches durchaus, aber die Frau müsse es freiwillig tragen. Wolle sie das nicht, habe sie nicht gegen einen essenziellen Bestandteil der Religion verstoßen.
Der Koran gibt keinen Staat vor
Die Herrschaftsdoktrin der Islamischen Republik besagt, die Regierung obliege einem Rechtsgelehrten, der seine Legitimation direkt von Gott erhält und nicht vom Volk. Aber nach 20 Jahren Erfahrung mit einem nichtsäkularen Staat wird unter iranischen Denkern heute die erstaunliche Forderung nach der Einführung der Demokratie laut. Dass die Herrschaft weltlich sei, entspreche dem Islam, argumentiert der Geistliche Mohammad Schabestari. Er begründet die Notwendigkeit der Demokratie aus seiner Theologie. Für den iranischen Diskurs ist das von enormer Bedeutung, denn nur so können sich die religiösen Aufklärer des Vorwurfs erwehren, verwestlicht und vom Ausland gesteuert zu sein.
Schabestari stellt fest, der Koran gebe lediglich vor, dass die politisch-gesellschaftliche Ordnung gerecht sein solle - mehr aber nicht. Aus den allgemeinen ethischen Prinzipien, die er enthält, könne man keine Staatsphilosophie ableiten, wie von den herrschenden Konservativen behauptet. Auch dass der Prophet selbst religiöser und politischer Führer in einer Person war, ist für Schabestari kein Argument gegen sein Plädoyer für eine Trennung von Staat und Religion. Diese Tatsache sei zwar Teil der islamischen Heilsgeschichte, dürfe aber nicht absolut gesetzt werden. Damit widerlegt Schabestari nicht nur islamische Fundamentalisten, sondern auch westliche Betrachter, die deren Argument übernehmen. Auch sie behaupten ja, der Islam schreibe die Einheit von Religion und Staat unabdingbar vor, und verweisen zum Beleg auf die Frühzeit des Islams.
Schabestaris wichtigstes Argument dafür, dass der Koran nur die Prinzipien (usul) der Regierungsweise, nicht aber die genaue Form (schekl) vorgibt, ist der so genannte ahd, der Regierungsauftrag des Kalifen Ali an seinen ägyptischen Statthalter Malik al-Aschtar, der aus dem 7. Jahrhundert stammt. Ali, der religiös-autorisierte Führer, übergibt die Regierung Ägyptens ausdrücklich einem weltlichen, keinem religiösen Herrscher. Und in dem Regierungsauftrag erteilt Ali seinem Statthalter zwar ethische Anweisungen, die auf dem Islam gründen, aber er fordert nicht die Etablierung eines islamischen Staatssystems. Stattdessen verweist Ali darauf, dass bewährte Regeln und Traditionen nicht abgeschafft werden sollen. Islamisch und gottgefällig sei der neue Staat, wenn dort weder Unterdrückung noch Tyrannei herrsche. "Oh Malik, sei gerecht gegenüber Gott und dem Volk", heißt es in dem Regierungsauftrag. "Unterdrücke die Volksmassen nicht. Wer immer die Geschöpfe Gottes unterdrückt, wird sich die Feindschaft Gottes genauso zuziehen wie die Gegnerschaft jener, die er unterdrückt hat."
Weil der Koran kein konkretes System vorgegeben hat, dürfen die Menschen laut Schabestari selbst entscheiden, in welcher Ordnung sie leben wollen. Schabestari plädiert für die Demokratie, und sein wichtigstes Argument für diese Staatsform ist dabei ein religiöses. Nur ein Glaube, zu dem man in Freiheit gefunden hat, sei ein wahrhafter und gottgefälliger Glaube, und in der Demokratie sei das Prinzip der Freiheit am besten verwirklicht.
Auf dieser Linie liegen auch Soroushs Einlassungen zum Thema "Atheismus und Religionsfreiheit". Die Islamische Republik sieht sich als Vollstreckerin einer totalen religiösen Gesetzesethik befugt, gegen areligiöse, ketzerische Ideen vorzugehen, weil sie den Blick auf die koranische Wahrheit verstellen. Soroush dreht den Spieß um: "Die Menschheit hat in einer Ordnung, die sie gewaltsam mit der Wahrheit füttern wollte, mehr Fehler gemacht und mehr Schaden genommen als in einer Ordnung, in der man auch Fehler machen darf." Soroush weiß also um die Gefahren, die eine offene Gesellschaft möglicherweise für den Glauben mit sich bringt. Dennoch gibt er in seinem Gesellschaftskonzept auch Atheisten und Religionskritikern das Rederecht. Die Gegner der Freiheit greift Soroush in deutlichen Worten an: "Glaubt nicht, dass euer Hirn die Quelle der Wahrheiten ist und alles, was ihm entströmt, die reine Wahrheit."
Obwohl Soroush Positionen eines Säkularisten einnimmt, haben seine Argumente immer ein religiöses Motiv. Ihm liegt etwas an seinem Glauben, gerade deshalb hat er aus den Erfahrungen von 22 Jahren real existierendem Islamismus die Konsequenz gezogen, dass Religion und Staat getrennt werden müssen: "Freie Gesellschaften, ob religiös oder areligiös, sind göttlich und menschlich zugleich. In totalitären Gesellschaften aber bleibt weder die Menschheit noch die Gottheit übrig."
Dieser Diskurs um den Islam in der Moderne ist nicht nur auf einige Intellektuellenzirkel beschränkt. Die Zeitschrift Kiyan, in der Abdelkarim Soroush seine Ansichten verbreitete, hatte jahrelang eine hohe Auflage und wurde überwiegend von Studenten gelesen. Inzwischen ist sie allerdings verboten worden. Die Bücher der religiösen Aufklärer werden vor allem in den theologischen Hochschulen Irans gelesen und diskutiert. In diesen Ausbildungsstätten, die eigentlich die Kaderschmieden des Regimes sind, werden inzwischen progressive Ideen formuliert. Die Studenten verfügen nicht nur über eine klassische Ausbildung in koranischen Wissenschaften, sondern auch - nicht zuletzt durch die Schriften der religiösen Aufklärer - über Kenntnisse moderner Methoden wie Hermeneutik und Textkritik. So gerüstet, debattieren die jungen Mullahs über Fragen der Menschenrechte, das Staatsverständnis und die Rolle der Frau im Islam. Die jungen Mullahs lassen sich nicht auf die offiziell propagierte Deutung des Korans einschwören, sondern entwickeln alternative Lesarten.
Andere religiöse Aufklärer verfügen über zunehmenden Einfluss in der aktuellen Tagespolitik. Der Soziologe Akbar Gandschi, ein Schüler Soroushs, hat sich beispielsweise in den letzten beiden Jahren als Enthüllungsjournalist hervorgetan und die Machenschaften hoher iranischer Konservativer aufgedeckt. Von ihm stammt der Begriff des "religiösen Faschismus", den auch der moderate Staatspräsident Mohammed Khatami übernommen hat. Der religiöse Faschismus, sagt Gandschi, akzeptiert nicht das "humane Verständnis der Religion, sieht im Menschen einen Sklaven des Herrschers, trennt zwischen Religion und Vernunft und ist aggressiv, fanatisch und bigott". Religiöse Faschisten sind für Gandschi zum einen die organisierten Schläger, die gegen kritische Intellektuelle und freizügig gekleidete Frauen vorgehen, aber auch diejenigen im Staate, die solches Vorgehen gutheißen.
Es ist nicht ungefährlich, solche Worte auszusprechen in der Islamischen Republik. Gandschi ist vor einigen Monaten zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden, die Vorlesungen Soroushs wurden schon mehrfach von Schlägertrupps gestürmt, er selber mit dem Tode bedroht. Ein anderer exponierter Vertreter der Aufklärer wurde vor zwei Jahren zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil er die Staatsdoktrin der Islamischen Republik kritisiert hatte. Die Haftstrafe allerdings, die Mohsen Kadiwar verbüßen musste, hat ihn zum Helden der Studenten werden lassen. Wo immer der Geistliche öffentlich auftritt, und sei es nur als Zuhörer einer Diskussionsrunde, empfängt ihn tosender Applaus.
Wahrer Glaube braucht Freiheit
Die Namen und Ideen der Reformer sind der Bevölkerung - vor allem den Jugendlichen - also durchaus ein Begriff. Kein Wunder, die religiösen Aufklärer finden bei Vorträgen und Predigten deutliche Worte. "Man kann Menschen nicht zwingen, eine Religion zu akzeptieren", sagte ein weiterer Protagonist der Bewegung, der stellvertretende Staatspräsident Abdallah Nuri, vor rund zwei Jahren vor Tausenden begeisterter Studenten in der Universität von Teheran: "Wenn man sie zwingt, ist es keine Religion mehr." Einige Tage zuvor hatte Nuri vor einer großen Menschenmenge in Ghom, dem theologischen Zentrum Irans, den Pluralismus in religiösen in politischen Dingen gefordert und Europa als Vorbild für die Islamische Republik bezeichnet: "Die Geistlichkeit im europäischen Mittelalter hat alles getan, um die Meinungsfreiheit einzuschränken, aber heute sind es die europäischen Demokratien, welche die islamischen Traditionen des Pluralismus und der Demokratie fortführen." Unmittelbar darauf lösten Schlägertrupps die Veranstaltung gewaltsam auf. Nuri wurde kurze Zeit später zu fünf Jahren Haft verurteilt. Zuvor allerdings konnte er seine Kritik zur besten Sendezeit im Fernsehen vortragen, weil der iranische Staatssender - bis er der Gefahren von Nuris Rede gewahr wurde - das Verfahren in den ersten Tagen live übertrug.
Die iranische Debatte wird auf Persisch geführt. Das erschwert Arabern den Zugang, und außerdem sind manche Argumente der schiitischen Debatte nicht auf einen sunnitischen Kontext übertragbar. Dennoch findet der iranische Streit um Religion und Moderne auch Widerhall in der restlichen islamischen Welt, denn seit der Revolution sind die Augen der Gläubigen auf Iran gerichtet. Die Bücher einiger Reformer wurden bereits ins Arabische übersetzt, die Intellektuellen treffen sich auf Konferenzen. Fraglich bleibt trotzdem, ob die Anregungen der Aufklärer in der arabischen Welt breite Bevölkerungsschichten erreichen können. In der Islamischen Republik Iran hat schliesslich jedermann eigene, oft leidvolle Erfahrungen mit dem Islamismus. Das Problem, Islam und Moderne zu versöhnen, stellt sich hier viel dringender.
Auf jeden Fall zeigt die iranische Debatte, dass es viele Ansätze gibt, den Islam neu zu interpretieren. Der Islam muss nicht unvereinbar sein mit der Moderne. Es ist hilfreich, die iranische Debatte zu betrachten, um dem simplizistischen Standardargument vieler Muslime und Islamkritiker entgegentreten zu können, der Koran schreibe dies und jenes nun mal so vor.
Wenn selbst im Gottesstaat moderne Islam-Interpretationen entstehen können, warum dann nicht auch unter den Muslimen in Europa? Die iranische Debatte könnte ein Anhaltspunkt dafür sein, was dem Islam alles zugemutet werden kann.
Katajun Amirpur stammt aus dem Iran, und lebt als Publizistin und Iranistin in Köln
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