DIE AUTORISIERUNG VON INTERVIEWS VERSTÖSST GEGEN UNSERE JOURNALISTISCHEN SITTEN antwortet The Guardian

John Hooper lässt sich nur selten aus der Fassung bringen. Am liebsten erzählt er in aller Ruhe Geschichten über Deutschland, die gar nichts mit der großen Politik zu tun haben. Doch als Berlin-Korrespondent des Londoner Guardian spricht er auch immer wieder mit Politikern und Wirtschaftsbossen.

Dass er dann manchmal unruhig wird, liegt nicht an den Themen, sondern an einer Gepflogenheit, die er eine unglaubliche deutsche Unsitte nennt: die Art, wie hierzulande Interviews geführt - und vor allem nachträglich bearbeitet werden. Seine These: Was von Journalisten in Deutschland verlangt wird, ist nur mit Diktaturen vergleichbar.

Aus 34 Ländern hat Hooper schon berichtet, hat Hunderte Interviews geführt.

Normalerweise mache ich einen Termin, führe das Gespräch und schreibe meinen Text. In Deutschland dagegen macht man einen Termin, führt das Gespräch, und dann verhandelt man über das, was gesagt wurde - und was davon nicht gesagt werden darf.

Tatsächlich ist es eine gängige, fast selbstverständliche Konvention, dass deutsche Printmedien Zitate und Interviews vor der Veröffentlichung noch einmal den Gesprächspartnern vorlegen. Nicht selten äußern Minister und andere Prominente dann Änderungswünsche ihrer Gespräche. Ich musste ganze Sätze, Absätze und Themen streichen, nachdem ich mit Scharping und Schily gesprochen hatte, erinnert sich die spanische Korrespondentin Pilar Bonet, die vier Jahre für El Paøs in Bonn und Berlin arbeitete. Auch deutsche Journalisten beklagen sich gelegentlich über die so genannte Autorisierung, vor allem wenn Interviewpartner nach einem Gespräch die schönsten Zitate streichen oder gar neue Gedanken - und mitunter ungestellte Fragen - hinzufügen.

Vielen ausländischen Journalisten, vor allem aus Großbritannien und den USA, ist diese Praxis fremd. Wir haben ein anderes Berufsethos und fühlen uns gegängelt, wenn Politiker versuchen, unsere Arbeit zu beeinflussen, sagt Steven Erlanger, Korrespondent der New York Times. Als er vor einem Jahr nach Berlin kam, warnte ihn sein Vorgänger: In Deutschland gelten ähnliche Regeln wie in Osteuropa. Journalisten müssen alle Interviews gegenzeichnen lassen.