Einen Augenblick hielt er inne. Damals, kurz nach dem Einsturz der Zwillingstürme, erlaubte sich der amerikanische Präsident ein paar Schrecktage. Die Flugzeuge blieben am Boden, eingefroren der Verkehr, angehalten der Atem, die Uhren und die Börse.

Jetzt rasen sie wieder - die Zeiger haben gefühlsmäßig sogar noch einen Tick zugelegt. Bomben explodieren, Aktienkurse schleudern, Koalitionen wanken, Stammzellen brennen auf Importerlaubnis - noch dieses Jahr. Pronto hier, pronto da.

In solchen Zeiten wünscht man sich waktu karet herbei, die indonesische "Gummizeit". Diese ungefähre Verabredungsspanne zwingt zur Muße. So ein flexibler Zeitbegriff schafft ab und an eine zusätzliche Sekunde oder Minute, deren einzige Funktion darin besteht, sie mit einem Gedanken zu füllen. Und der schafft vielleicht die oft beschworene "adäquate Lösung" eines kniffligen Problems. Aber gewöhnt an den Takt rasenden Lebens, ist uns das Innehalten fremd geworden. Darum hier eine meditative Übung zur Entschleunigung. Für alle Politiker, Ethiker, Forscher, Kleinaktionäre. Man nehme: eine Uhr. Dann starre man minutenlang auf die Bewegungen des Sekundenzeigers. Plötzlich kriecht die Zeit, analog Einsteins epochaler Erkenntnis, dass die mit einem Mädchen verbrachte Zeit fliegt

sitzt man aber auf einem heißen Ofen, kommt sie nicht vom Fleck.

Tatsächlich steht für den Betrachter des Zeigers die Zeit von Sekunde zu Sekunde kurz still. Chronostasis heißt das Phänomen. Londoner Neurophysiologen klären uns im Fachblatt Nature (Bd. 414, S. 302) darüber auf.

Im Grunde ist der Mensch ein zeitarmes Wesen. Für die reelle Einschätzung von Zeit hat die Natur uns keinen Sinn mitgegeben. Mühsam stückeln wir uns Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft aus indirekten Zeichen zusammen. Wann sind noch mal die Russen in Afghanistan gescheitert? Als Onkel Otto den Infarkt hatte!

Bei kurzen Zeitspannen helfen die Augen. Unbewusst fixieren diese Dinge im Raum und springen dabei bis zu dreimal pro Sekunde von einem zum nächsten.