Z U M 1 0 0. G E B U R T S T A G Menschen und Blitze
Die Figuren der Marieluise Fleißer kennen die höheren Gefühle ebenso wie die menschlichen Abgründe
1.) "Mein erster Freund: der heute verschollene Verbrecher X." Das war die Antwort der 26-jährigen Marieluise Fleißer in einer Zeitungsumfrage über "Männer, die ich heiraten würde". Ein Traummann: unauffindbar, kriminell und namenlos. Die Heldenfigur eines Filmdrehbuchs.
Aber es handelt sich um kein Drehbuch. Und auch nicht um eine Frau, zu deren Eigenschaften es gehört hat, sich leichtsinnig ihrer weiblichen Macht zu bedienen. Es geht um die bayerische Dichterin Marieluise Fleißer, Dramatikerin, Erzählerin und Essayistin, geboren 1901 in Ingolstadt und dort 1974 gestorben. Umso überraschender ihre Antwort. Umso wahnwitziger. Auch ihre späteren Liebes- und Lebenspartner brachten gefährliche, libidinöse Kräfte ins Spiel. Der linke Bertolt Brecht, der rechtsnationale schwedische Journalist Hellmut Draws-Tychsen, den Marieluise Fleißer in einer Erzählung mit dessen Äußerung vorstellt: "Wenn ich dich doch einmal verschleppen könnte." Sogar der spätere Ingolstädter Ehemann Bepp Haindl, ein durchtrainierter Donauschwimmer, wird - in dem Roman Mehlreisende Frieda Geier - als schaumgeborener Muskelmann, den Wellen entsteigend, ins Mythische gewendet. Eine verschollene Underground-Existenz, ein Egomane, ein sprachlicher Zuchtmeister und ein mit Wasser und Sonne gesalbter Schwimmmeister: Ungeheuer und Vorzeigeobjekte einer masochistischen Liebeslogik. Ihre beste Interpretin war Marieluise Fleißer selbst. "Sie hatte nur diese eine Seele und war fast schon hin", heißt es in der Erzählung Die Ziege.
Ihre Geschichten legen den Mechanismus von Sogwirkungen offen. Die Verlockung und ihren Umschlag in die Demütigung. Glühende männliche Andersheit und ihre Kehrseite: die Dämonie. Solche Erfahrungen haben im Fleißerschen Werk nach einer Sprache gesucht, die das Glück und die Leidenschaft als beschwerlichen Kraftakt vorführt. Bereits ihre ersten Erzählungen bilden, in unverwechselbaren Wort- und Satzverdichtungen, Zustände des Staus und des rücksichtslosen Umsichschlagens ab. Vom "linguistischen Fetischismus" der Fleißer hat Walter Benjamin gesprochen.
Der Vater hatte eine Schmiedewerkstatt. Der geräuschvolle Umgang mit dem widerspenstigen Material, die mühsame Prozedur des Erhitzens, Schlagens und Brennens, das zischende Härten des Eisens - das hinterließ im schroffen Sprachgebaren der Fleißer Spuren. Aber wie das Eisen in der Werkstatt nicht nur massig und schwer ist, sondern auch rotglühend knistert, so regt sich in den eigensinnigen Sätzen ein blitzender Fremdstoff. Lässt der schwere Sprachklang das soziale Klima rauer Machtverhältnisse erkennen, so zeigt sich darin doch zugleich ein höheres, feiner geartetes Leben: Schönheit und Hitze der Überschreitung.
Bei solcher Gratwanderung kann es in einer auf Kargheit und Verdichtung eingeschworenen Sprachökonomie zu Verzerrungen kommen. "Die Kisten waren eine ganze Zahl, er konnte sie nicht über die Grenze mitnehmen in ein fahrendes Leben." In der Sprache wie im Biografischen der gleiche übers Ziel hinausschießende Zug, dieselbe Unverhältnismäßigkeit. Mit entschiedener Wucht hat die Fleißer die kleinen Schicksale der Schlechtbehandelten aufgezeichnet. Ihre Prosa schärfte sich im Aussprechen der Niederlage. Dort, im Untergang, ermittelte sie ein geheimnisvolles Kräftereservoir. "In der Erniedrigung hebt ein rettender Hochmut das Haupt", heißt es in dem Essay über Jean Genet. Sie hatte einen Blick für die unterirdischen Verbindungslinien in den Unvereinbarkeiten: die große und die kleine Stadt, der Tabakladen und die Brecht-Welt; das brave Mädchen und die Persona non grata, die sie nach dem Berliner Theaterskandal der Pioniere in Ingolstadt hat werden müssen. In jenem Jahr erschienen Döblins Berlin Alexanderplatz, Lion Feuchtwangers Erfolg.
Feuchtwanger und Brecht hatten der Fleißer Mut gemacht zur Lakonie des Sagens; zu den entschlossenen Setzungen. Aber nach einer Kunst, "die die Natur meistert", wie Brecht verlauten ließ, war der Fleißer nicht zumute. Schon gar nicht nach einer Sprache "aus dem Geist" des Manifests. Und doch richtete sich die Wut der aufgebrachten Menge gegen Fleißer, nicht gegen Brecht, der die auf den Affront hin angelegten Regieeinfälle in die Pioniere hineingemogelt hatte. Dafür hat ihn die Fleißer später "verbrecherisch" genannt, in eine "Pupille von satanischem Glanz" habe sie geblickt. Ihre Begegnung, anregend und destruktiv zugleich, führte 1963 zu der genial ironischen Erzählung Avantgarde. Sie sollte ursprünglich Das Trauma heißen.
2.) Der Skandal in Berlin, eine Beleidigungsklage gegen den Ingolstädter Bürgermeister, Trennung von Brecht, Verlobung mit Draws-Tychsen, Entlobung und Heimkehr; Heirat mit Bepp Haindl, Armut, die Kriegsjahre. Schreibunterbrechungen und Schreibneuanfänge. Nicht zufällig erzählt Kerstin Specht in ihrem neuen Theaterstück Marieluise den Lebensweg der Fleißer in Etappen und hält sich dafür an die autobiografischen Aufzeichnungen. Der Stoff dieses Lebens gibt das her. Specht erweitert das Szenario um zwei Figuren: "die Donau" und "der Literaturbetrieb". "Die Donau" sagt: "Komm in meine Arme. Ich habe immer für dich Platz." Und "der Literaturbetrieb" äußert sich nur durch ein einziges Wort: "Besetzt."
Szene, Auftritt und Konflikt, in der Zerreißprobe Berlin/Ingolstadt zum Beispiel. Während die Fleißer ihren bodenlangen schwarzen Herrenmantel durch Berlin trägt, Fetisch und Zeichen dafür, zu den Auserwählten um Brecht zu gehören, schreibt ihr der Verlobte Bepp Haindl von der zugefrorenen Donau. Von seinen Weitsprungrekorden, vom Rotwurstverzehr und davon, dass er sich "abends bis halb neun in der Hitler-Versammlung" aufhielt. Währenddessen hat sie die Theaterkritik - Alfred Kerr, Kurt Pinthus, Herbert Jhering - auf ihre Seite gebracht. Aber den aufreibenden Berliner Verhältnissen ist die junge Dramatikerin nicht gewachsen.
Das Pendel schlug zu stark in beide Richtungen aus. Der Wagemut im Großen, die Schutzsuche im Kleinen. So strandete Marieluise Fleißer immer wieder in Ingolstadt. Rückkehr ins Vaterhaus, Heirat, 1935, mit dem ungemütlichen Gemütsmenschen Bepp Haindl. Der verlangte Buchführungsarbeiten und Ladendienst von ihr. Ihr Vater ermahnte sie, den gerade erschienenen Roman Mehlreisende Frieda Geier im Haus unter Verschluss zu halten. Er befürchtete, dass ihre seit Berlin und Brecht von "heikeligen Dingen" tangierte Weiblichkeit, ihre "im Denken und Fühlen ... vergiftete Seele" auf die jüngere Schwester "abfärben" könnten. Trotzdem wollte die Fleißer, "ein einfaches Kind aus dem Volk" sein, mit einem "stark entwickelten Nestinstinkt".
Immer wieder hat Marieluise Fleißer nach den Eigenschaften gesucht, denen die Virtuosen des Überlebens ihre Strapazierfähigkeit verdanken. Ob in den Essays über Buster Keaton oder Jean Genet, ob in ihren Skizzen über ihre "Söhne" Faßbinder, Martin Sperr oder Franz Xaver Kroetz (er hat "die ganze Woche als Lastwagenfahrer" gearbeitet und "an seinem freien Tag die Stücke geschrieben") - da ist immer der Wunsch, hinter das Energiegesetz der anderen zu kommen. Die wichtigste Frage: Wie ist es zu schaffen, auf dieser Welt vorhanden zu sein, ohne sich dabei um Kopf und Kragen zu bringen. Die Antwort war nicht in der "Hölle" von Ingolstadt, sondern im Kino, im Sport und vor allem in Berlin zu finden. Auf den Kampfplätzen der "Avantgarde", auf den Posten gefährdeter oder abweichender Individuation.
Aufschlussreich, dass heute ein Stück über die Fleißer mehr Beachtung an den Bühnen findet als die Fleißerschen Dramen selbst. Kerstin Spechts Marieluise wird am 22. November am Stadttheater Ingolstadt uraufgeführt, die Monologfassung an den Münchner Kammerspielen am 23. Man kann vermuten, dass ihr antimilitaristischer und antiklerikaler Gestus sie historisch bindet. Ebenso wie der humanistische Hang zur Utopie. Um ihnen irgendwann wieder näher zu kommen, wird man auf ein Theater warten müssen, das den zeitgeschichtlichen Kern der Stücke mehrfach übersetzt und fortdenkt, das den gesellschaftlichen Archetypus der Figuren neu beschreiben kann.
So viel Geduld bringt Carl-Ludwig Reicherts Porträt über Marieluise Fleißer nicht auf. Reichert, der über Frank Zappa, über den Blues und indianisches Bewusstsein schrieb, setzt alles daran, die Brecht-Fleißer-Welt im Licht des 21. Jahrhunderts neu erstehen zu lassen. Unbekümmert bewegt sich sein Text zwischen Fantasy- und Liedermachersprache. So, wenn er die Fleißer als "ausgeflippte Braut" bezeichnet, wenn von den "Chaostagen" mit ihren Männern die Rede ist. Trotzdem drückt Reichert sich nicht um die verzweigte Logik der Fleißerschen Biografie herum. Eine "individual-anarchische Autorin" nennt er sie, und an diesem Fluidum hat der Autor vermutlich partizipieren wollen; warum nicht. Leider wird man von den Schattenseiten seines anarchischen Aufbegehrens, dem Ressentiment, nicht ganz verschont. Eine "krankhaft ins Modern-Weltläufige gewendete Kritik", so Reichert, habe den Erfolg des Dialektstücks Der starke Stamm verhindert.
3.) Missliche Lagen, Fehleinschätzungen, emotionale Verstrickungen: eine von Abstürzen bedrohte Biografie. Aber Marieluise Fleißer hatte auch Glück. Zum Beispiel mit dem Herausgeber der Werkausgabe, Günther Rühle, der über viele Jahre hinweg ihre Arbeiten der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Ihm ist nun auch die Edition des Briefwechsels zu danken. Rühle hat die fast 50 Jahre währende Korrespondenz mit ausführlichen Kommentaren über die Briefpartner lesbar gemacht. Fleißers Briefe springen von einer Ebene, von einer Branche und von einer Tonart in die andere. Man vernimmt die Dichterin, die Unternehmerin, die Familienangehörige, die Kollegin; die genervte Ehefrau, die herausfordernde Geliebte; die "Frau Haindl" und "die Fleißerin".
Die korrespondierende Fleißer überrascht durch eloquente Nachdrücklichkeit. In den Briefen ist sie nicht die störrische, aufgeraute Dichterin, sondern verfügt über ein Stilgefühl, eine diplomatische Geschmeidigkeit, die einen auf den Gedanken bringen, dass sie die bei den anderen so oft bewunderte Lebenskunstfertigkeit hier selbst verwirklicht hat. Damit ist nicht gemeint, dass sie immer erfolgreich waren, ihre Bittbriefe an Hans Henny Jahnn oder die Angebotsschreiben an die Theater, die Redaktionen, die Verlagshäuser. Unbeantwortet aber sind ihre Nachrichten "aus der Provinz" nicht geblieben. Robert Musil, Lotte Lenya, Helene Weigel, Erich Kästner, Hermann Kesten, Wolfgang Koeppen, Dieter Sturm, Joseph Breitbach, Friedrich Luft haben ihr geschrieben.
Unerwartet sparsam, geradezu ausgeblendet bleibt Fleißers Haltung zur faschistischen Gewaltherrschaft in Deutschland. Zwar war ihr Werk mit den Büchern Brechts "symbolisch" mitverbrannt worden - doch umso mehr überrascht die Zurückhaltung selbst in privaten Briefen. Fast, als würde sie festhalten wollen an einem Wort des Vaters, der ihr 1931 brieflich das unauffällige Leben pries: "Die Kleinen werden nicht so geschwind abgemurkst." Und trotzdem hat hier ein niemals zur Ruhe gekommener Widerspruchsgeist seine Zeichen gesetzt: im Binnenraum der Sprache wie in der Biografie. Beide liefern sich der Irritation aus, den bewussten Entgleisungen. Die kunstvolle Nüchternheit der Theaterdialoge, die sprachlichen Verrückungen auf engstem Raum in den großen Essays sind von einer kaum lenkbaren Energie getragen. Wie ein Sprunggelenk. Die Wörter bewegen sich vorwärts in unvorhergesehene Richtungen. "Höllische Welt, die auf eine andere himmlischere verweist", schreibt Günther Rühle im Nachwort zu einem Band, der, wie es zwanglos heißt, "die schönsten und eigenwilligsten Erzählungen" der Fleißer versammelt. Ein Geburtstagsbuch, dessen Kapitel auch die politischen und sozialen Stationen belichten, die Marieluise Fleißer im Deutschland des 20. Jahrhunderts miterlebt hat.
4.) An der Seite Bertolt Brechts war sie zum thematischen Kern ihres Schreibens vorgedrungen: die junge, sozial deklassierte Frau, die in die große Stadt aufbricht und in ihr scheitert. Packend und modern ist da ihr Zugriff. Radikal aus Not und dringlich aus einer Gier heraus, das Leben auszuschöpfen. Auf seine Wurzeln zu stoßen und das unverhältnismäßige Bild, das man selbst dabei abgibt, in Kauf zu nehmen. Den schiefen Rahmen auch. Kerstin Specht lässt in ihrem Stück die Fleißer in die Handtasche kotzen: "Ich bin kein Mädchen aus Papier." Ihr Blick kannte von Anfang an nur Sieg oder Niederlage. Das macht die Vehemenz, den genialischen Duktus dieses Sprechens aus, markiert aber auch die Grenze: das Nicht-anders-Können. Das Sich-selbst-zu-nah-Sein.
Den Engpass: Ihn bewohnen Fleißers Dichtungen mit ihrem eigensinnigen, bis an die Grenze der Verbiesterung gehenden Klang. Ihre eigenartig verkantete, kunstvoll ungelenke Sprache synthetisiert das Komplizierte zeitgenössischer Lebenserfahrung und den Ton einer zähen und gerissenen Komik. Ein krasses Nebeneinander, unbekümmert um Übergänge, uninteressiert an der Harmonisierung. Alfred Polgar schrieb den Satz: "Der Mensch ist ein pathetisches Tier", schlimmer noch, "ein feierlicher Affe". Das hätte der Fleißer gefallen. Ihre Figuren kennen beide Hälften. Auf der einen Seite Passion und Pathos, das "höhere" Leben der Gefühle. Und auf der anderen Seite das Tier: Gefahr, Schmutz und Dunkelheit im Zentrum der Menschennatur. Beides im Clinch miteinander, zu aberwitzigen, verqueren Konstellationen gelangend. So erklärt sich die aufgezwirbelte, in "falschen", pompösen Tönen daherkommende Sprache des Gefühls bei Marieluise Fleißer. Sie hat das Ohr für solche Unverhältnismäßigkeit: die Verselbstständigung des Feierlichen gegenüber der blanken Zumutung, im aufrechten Gang doch mit beiden Beinen in der Wildnis stecken geblieben zu sein.
Diese Mischung aus Tragik und Lächerlichkeit, wie auch schon Herbert Jhering meinte, geht ins Peinliche, führt zu Verlegenheiten. Der Tragik geht Größe ab. Und die Lächerlichkeit schafft es nur zu einem schiefen Lachen. Das beutelt, verbiegt die Syntax der Fleißerschen Prosa. Aber gerade darin will man Erfahrungen machen.
Marieluise Fleißer:Briefwechsel 1925-1974
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Günther Rühle; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001; 742 S., 68,- DM
Taschenbuch: st 3281, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001; 740 S., 32,90 DM
Marieluise Fleißer:Erzählungen
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Günther Rühle; st 3280, Suhrkamp Verlag; Frankfurt a. M., 2001; 336 S., 19,90 DM
Carl-Ludwig Reichert:Marieluise Fleißer
dtv porträt, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001; 183 S., Abb., 19,50 DM
Seit November vergangenen Jahres ist die "Dokumentationsstätte Marieluise Fleißer" im Fleißer-Haus Ingolstadt zugänglich. Am 23. 11. eröffnet außerdem eine Jubiläumsausstellung im Ingolstädter Stadtmuseum (stadtmuseum@ingolstadt.de)
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