K I N O Zauberhafte Abziehbilder

"Harry Potter" - der Film - bleibt ganz nah am Buch. Das ist sein einziger, aber auch ein entscheidender Fehler

Darf man das so platt am Anfang bekennen? Sie werden offenen Auges in Ihr Vergnügen rennen. Die Viertel- und Halbjugendlichen neben Ihnen werden lachen, staunen und sich ein wenig gruseln, Sie - verehrter Erwachsener - starren mit Kinderblick auf die Welt von Hogwarts, bis Sie nach zweieinhalb Stunden bedauern, dass es offenbar zu Ende geht. Doch etwas wird Ihnen fehlen und bei aller Begeisterung, Sie werden sich den Film nicht zweimal ansehen.

Es ist vollbracht: Ein Roman hat sich wieder seine Bilder gesucht. Wer die Illusion hatte, dass 116 Millionen weltweit verkaufte Harry-Potter-Bände ihre Unschuld bewahren und der Verfilmung und Vermarktung entgehen könnten, gehört zu jenen Muggeln, die immer dann die konsumkritische Fahne schwenken, wenn sie ihre eigenen Vorlieben nicht gefährdet sehen. Die Klage ist 100 Jahre alt. Seit der Film dem Roman das Erzählen aus den Händen genommen und - Buch um Buch - dessen Fantasien zu lebenden Bildern eingefroren hat, betreibt er das Geschäft der Globalisierung. Ob dies - um im Genre zu bleiben - der Mann im Mond, Dorothy in Oz oder Mogli im Dschungel sind. Einmal gesehen, leider unvergesslich.

"Harrys Haare stimmen nicht. Die müssen ganz strubbelig sein, so wie das Bild auf dem Buch." Deutsche Kinder haben's besonders schwer mit dem neuen Harry. An die frechen Zeichnungen der Illustratorin Sabine Wilharm gewöhnt, müssen sie nun mit dieser braven Topffrisur zurechtkommen, die meist das dekorativ gezackte Brandmal verdeckt. Zugestanden, Daniel Radcliffe als Harry Potter bleibt auch sonst blass, doch was man im ersten Moment leicht enttäuscht registriert, wird im Nachhinein eine Bedingung des Films. Wie unerträglich, würde er "spielen", nur einen Anflug von Frechheit oder Selbstgefälligkeit zeigen. Da verstummt eine Kneipe voll trinkender Rabauken, wenn er nur den Raum betritt, da wispern Hunderte von Schülern in der großen Halle von Hogwarts seinen Namen, als er aufgerufen wird, sich den sprechenden Hut aufzusetzen, da gelingt es dem Erstklässler beim Quidditch-Spiel der Oberstufe, den goldenen Schnatz zu fangen - wäre Harry sich seiner (film-)historischen Bedeutung sicher, man dürfte ihn zum Kotzen finden.

Der Spiegel Nerhegeb "zeigt uns nicht mehr und nicht weniger als unseren tiefsten, verzweifeltsten Herzenswunsch", erklärt Filmschulleiter Dumbledore alias Richard Harris dem Zauberlehrling Potter, als der seine toten Eltern im Spiegel neben sich sieht. Es könnte der Wahlspruch des Films sein. Daniel Radcliffe ist Harry, ist der Zuschauer, der mit erstaunten Harry-Augen verfolgt, wie er aus der Muggel-Kammer unter der Treppe hochfährt, zur Rechten Dumbledores sitzt und sich als Streiter gegen den gefallenen Engel Voldemort beweisen muss. Am Ende des Steins der Weisen aber bekommt jeder sein eigenes Harry-Bild zurück, das zählt zu den sympathischen Seiten des Films - Radcliffe prägt sich eben nur bis zum Abspann ein.

Zum Leidwesen der Guten: Die Bösen sind einfach attraktiver. Der unerträgliche fette Cousin Dudley - The child you love to hate - gewinnt ebenso viel schauspielerische Fülle wie der Yuppie Draco Malfoy mit den blonden, angeklatschten Haaren, der kalt funkelnde Snape bleibt nicht minder einprägsam wie die schimmelnden Zähne des Hausmeisters Filch. Selbst der rothaarige Ron, mit dem sprühenden Schalk in den Augen, und Hermine, deren spöttisches Lächeln so verführerisch mit ihren altklugen Sprechblasen kontrastiert, vom Wildhüter Hagrid alias Robbie Coltrane ganz zu schweigen (allein seine Augen sind eine eigene Bühne) - sie spielen, während die unbedenklich Guten leider nur sind. Dumbledore, McGonagall, Potter bleiben hier - im ersten Teil der sieben Bände - zu eindimensional, um wirklich zu berühren.

Schweineschwänzchen angehext

Das Staunen gehört zum (Film-)Geschäft, doch wer befürchtete, Hogwarts liege künftig in Disney- oder Spielbergland, wird angenehm enttäuscht. Da schiebt Harry seinen Gepäckwagen durch die Ziegelsteinmauer zu Gleis 9 3/4, da bewegen sich Treppen graziös, wie es ihnen gefällt, da lächeln die Toten aus den Gemälden - kaum wird ein Effekt vorgeführt, schon wirkt das Zauberhafte selbstverständlich. Sogar das virtuell Animierte verströmt einen Hauch von getragener Eleganz. Unter den Argusaugen Joanne K. Rowlings ist ein Abziehbild des Romans entstanden, Stärke und Schwäche des Films zugleich. Den dienstbaren Geistern um Regisseur Chris Columbus (Kevin - allein zu Haus oder Mrs. Doubtfire) blieb da nicht viel Raum.

Was fehlt also? Wenig Wesentliches. Und was ist neu? Leider kaum etwas. Die kindliche, textkritische Potter-Gemeinde protestiert flüsternd auf dem Nebensitz, die erwachsenen Rowling-Schriftgelehrten werden ins Detail gehen und beide glücklicherweise in der Unendlichkeit des Internets verschwinden. Dem Durchschnitts-Potter-Leser bleiben zwei große Momente, in denen der Film das Buch überschreitet, die Gewalt der Bilder das sprachliche Talent der Autorin an die Wand drückt. Da rasen zum einen in schwindelerregender Höhe die Quidditch-Spieler auf ihren Besen durch die Lüfte, versuchen einander in die Tiefe zu stürzen, wird das Unbarmherzige des gerühmten englischen Sportgeistes spürbar. In pfeifendem Tempo, nahe der optischen Schmerzgrenze, kämpft Gryffindor gegen Slytherin um die Ehre von Schule und Vaterland. Krieg und Totschlag wie üblich eingeschlossen. Zum anderen findet ein angeblich königliches Spiel wieder zu seinen martialischen Quellen. Riesige steinerne Schachfiguren warten vor der Kammer, in der der Stein der Weisen liegt, es muss gespielt und gewonnen werden, um die letzte Tür zu erreichen. Bauern explodieren, Läufer sinken als Staubwolken in sich zusammen, Türme werden geköpft und Pferde halbiert - eine Apotheose aus Steinfiguren, schrecklicher als jede Schlacht. (Wurde schon erwähnt, dass man Kinder erst ab neun Jahren diesen und folgenden Horrorszenen aussetzen sollte?)

Im Kinosessel von Reihe zehn versinkt der postpottersche Interpretationsapparat langsam im Dunkeln: die Theorie von der Infantilisierung der Gesellschaft, die Klage über die Flucht einer Gesellschaft in die Welt des Fantastischen, das Theorem vom Gottkind oder die Einsicht in den ewigen Kindertraum vom unerkannten Superman. Es wird kuschelig: Der englische (Sprach-)Humor des Buches reduziert sich aufs Schweineschwänzchen, das dem fetten Dudley angehext wird. Man schwelgt in Bildern aus der Koboldbank der fiesen Gringotts und der Charles-Dickensschen Winkelgasse, genießt die Briefe aus Hogwarts, die wie Hitchcocks Vögel hundertfach ins verrammelte Haus der Dursleys zischen, und erschrickt wohlig über die krachenden und knallenden Fehlversuche beim Kauf des Zauberstabs. "Seltsam, dass sie für diesen Zauberstab bestimmt sind", meint Mr. Ollivander, als Harry Potter schließlich den passenden Stab gefunden hat, "während sein Bruder - nun ja, sein Bruder Ihnen diese Narbe beigebracht hat." Hier liegt des Pudels Kern. Es gibt nur zwei Stäbe, dessen Holz die Schwanzfedern desselben Phönix einschließt: Der eine passt zu Harry Potter, der andere gehört dem, dessen Name nicht genannt werden darf, Lord Voldemort. Gut und böse als dialektisches Zauberpärchen, das sich gegenseitig bedingt - man ist doch leicht enttäuscht, als dieses Motiv wieder verschwindet, mehr Zwielicht täte gut. Was im Herrn der Ringe oder in der Unendlichen Geschichte als metaphysischer Überbau oft zu penetrant erschien, Joanne K. Rowling hat ihn auf sieben Bände verteilt, der erste hat nicht allzu viel davon abbekommen. "Im Grunde ist es natürlich der Zauberstab, der sich den Zauberer aussucht", murmelt Mr. Ollivander und lässt damit jenes deterministische Weltbild aufleuchten, das jedes Fantasyland - trotz aller Schrecken - so unheimlich beruhigend macht.

Die Bilder haben sich nicht den Roman gesucht, der Roman hat zu seinen Bildern gefunden. Deshalb werden sie ihn - dies als frohe Botschaft - auch wieder verlassen und die Leser unbeschadet zurückbleiben. Mehr lässt sich von einem Familienfilm nicht erwarten. Kinderlose Erwachsene mit unverdächtigem Leseverhalten und entsprechendem Muggel-IQ dürfen aufatmen. Sie müssen nicht ins Kino gehen, sie versäumen nichts als ein paar schöne Stunden und den - wieder einmal - erfolgreichsten Film der Filmgeschichte.

 
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