Das Massaker von Babij Jar bei Kiew am 29. und 30. September 1941, dem mehr als 30 000 Menschen zum Opfer fielen, war die größte einzelne Mordaktion, die von Deutschen während ihres Eroberungs- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion verübt worden ist. Wie das Wort Auschwitz symbolisch für den fabrikmäßigen Massenmord an den Juden durch Gaseinsatz steht - und im weiteren Sinne für die Ermordung der europäischen Juden überhaupt -, so ist Babij Jar gleichsam ein Synonym für die Massenexekutionen durch mobile SS-Truppen in den ersten beiden Jahren des Ostfeldzugs. In dieser Phase brachten die Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes (SD) ihre Opfer noch mit Feuerwaffen um. Bei ihren "Aktionen" kooperierten sie eng mit der Wehrmacht.

Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion und die Eroberung der ukrainischen Hauptstadt Kiew durch die Truppen der 6. Armee unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau schufen die Voraussetzungen für die Ermordung der Kiewer Juden. Das XXIX. Armeekorps, das der 6. Armee unterstand, nahm die ukrainische Hauptstadt am 19. September 1941 ein und stellte sie unter Besatzungsrecht. Mit den Truppen traf auch ein etwa 50 Mann starkes Vorkommando des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C ein. Das restliche Kommando und der Stab der Einsatzgruppe folgten in den nächsten Tagen nach.

Die 6. Armee errichtete eine militärische Besatzungsverwaltung und ernannte den Leiter der Feldkommandantur 195, Generalmajor Kurt Eberhard, zum Stadtkommandanten.

Dank an die Wehrmacht

Um die reibungslose Planung und Durchführung des Massakers verstehen zu können, muss man wissen, dass der Befehlshaber der 6. Armee, von Reichenau, und der Führer des Sonderkommandos 4a, SS-Standartenführer Paul Blobel, schon im Juli und August 1941 bei der Durchführung der Judenmorde zu einer engen Zusammenarbeit gefunden hatten. Wie Blobels Verbindungsoffizier zum Armeeoberkommando 6, der SS-Führer Knud Callsen, berichtet, unterhielt sein Chef in dieser Zeit persönlich einen engen Kontakt zu Reichenau. Die Anschauungen beider über das rassenideologische Ziel des Krieges, insbesondere über die Notwendigkeit der Judenmorde, waren offenbar weitgehend identisch. Fünf Wochen zuvor, am 22. August 1941, hatte der Generalfeldmarschall entschieden, die bei einer Mordaktion in Bjelaja Zerkow zunächst verschonten 90 jüdischen Kinder seien zu erschießen.

Später, schon nach Babij Jar, sang die Einsatzgruppe C ein regelrechtes Loblied auf die gute Zusammenarbeit mit der Wehrmacht: "Es ist der Einsatzgruppe gelungen, zu sämtlichen Wehrmachtsdienststellen vom ersten Tag an ein ganz ausgezeichnetes Einvernehmen herzustellen. Hierdurch wurde auch ermöglicht, daß die Einsatzgruppe von Beginn ihres Einsatzes an sich niemals im Raum des rückwärtigen Heeresgebietes aufgehalten hat, daß vielmehr von der Wehrmacht immer wieder die Bitte ausgesprochen wurde, die Einsatzkommandos möchten sich möglichst weit vorne bewegen." Mehrfach hob der Befehlshaber der Einsatzgruppe C, SS-Brigadeführer Otto Rasch, ein promovierter Jurist und Volkswirt, die enge Kooperation mit Reichenau hervor, der seinerseits wiederholt die Arbeit der Einsatzkommandos würdigte, gerade auch in Babij Jar.

Kiew war seit 1934 die Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik. Zur Zeit des deutschen Überfalls 1941 lebten hier etwa 930 000 Menschen, darunter 200 000 jüdischen Glaubens. Zwei Drittel der Juden vermochten vor dem Ansturm der Wehrmacht nach Osten zu fliehen, sodass - deutschen Annahmen zufolge - nach der Besetzung noch etwa 50 000 jüdische Einwohner in Kiew geblieben waren. Man muss sich zudem klar machen, dass die jüngeren und gesunden jüdischen Männer zur Roten Armee einberufen worden waren. Zurück blieben also in erster Linie ältere Männer, Frauen und Kinder. Als die Wehrmacht in Kiew einrückte, war die Stimmung der Bevölkerung gespalten. Es gab freudige Begrüßung, aber auch feindselige Ablehnung. Jedenfalls zeigte sich rasch, dass die Durchführung der Besatzungspolitik weit schwieriger war, als die Wehrmachtbefehlshaber ursprünglich erwartet hatten.