P O R T R Ä T Ein Kreuzzügler als Justizminister
John Ashcroft paukt in den USA die Antiterrorgesetze durch
Washington
Was der Justizminister sagt, überrascht. Wird man ihm abnehmen, was er gerade vorträgt? John Ashcroft hat zu einer weihevollen Laudatio angesetzt, er steht an einem schlichten Rednerpult, vor ihm die politische Elite Washingtons, schräg hinter ihm ein goldumrahmtes Ölgemälde - ein Porträt von Robert F. Kennedy, auf dessen Namen das Gebäude des Justizministeriums in diesem Moment getauft wird. John Ashcroft versucht zu erklären, was ihn mit seinem legendären Amtsvorgänger verbindet, dem jüngeren Bruder von Präsident John F. Kennedy. Dessen bedingungsloser Kampf gegen das Verbrechen, sagt Ashcroft, sei ihm Inspiration für seinen eigenen bedingungslosen Kampf gegen den Terrorismus.
Die Unterschiede zwischen beiden Männern könnten kaum größer sein. Dort, in Öl, ein junger Schlaks, die Haare leicht zerzaust, den Kragen hochgestellt, die Hände lässig in den Taschen. Hier, in Natura, ein vierschrötiger Herr im grauen Business-Tuch, auf dem massigen Körper ein Quadratschädel, an dem wie schockgefroren ein Lächeln klebt. Dort ein Erzliberaler, hier ein Erzkonservativer. Dort ein Bürgerrechtler, hier der Schrecken aller Bürgerrechtler. Und doch scheint es in diesen Tagen der Bedrohung Amerikas etwas zu geben, was zwei Politiker über Raum und Zeit und Weltanschauung hinweg verbinden kann. Ashcroft über Kennedy: "Er scheute sich nicht, von den Feinden als den Mächten der Finsternis zu sprechen und alle seine Kräfte, seine ganze Leidenschaft darauf zu verwenden, das Böse zu besiegen."
Das Böse ist also wieder da. Jetzt sieht sich John Ashcroft in der Rolle, der Nation jene Teufel auszutreiben, die "Schläfer" heißen. Anleihen bei Kennedy sind willkommen, auf dass dessen Glorienschein den heutigen Amtsträger erleuchte, die Nation über Parteigrenzen hinweg einige und im milden Licht der Geschichte die Notstandsrechte in Ashcrofts Händen gerechtfertigt erscheinen mögen.
Warmer Applaus begleitet Ashcroft, ein dekoratives Fahnenmeer schmückt den Saal. In einem Nebenraum warten eine Kamera und eine Konfrontation. Die Moderatorin hebt an: "Eine der Töchter Kennedys hat heute gesagt, ihr Vater hätte diese neuen Vollmachten keinesfalls gebilligt." - "Mag sein", sagt Ashcroft ungerührt, "aber der Präsident hat mir nach dem 11. September tief in die Augen geblickt und gesagt: ,John, ich will, dass Sie verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht!'"
Seither ist John Ashcroft ein Mann mit einer Aufgabe. Nicht nur als Sicherheitsminister sieht er sich, sondern als Kriegsminister. Nicht nur zum Kampf gegen Kriminelle ist er angetreten, sondern zum Gefecht gegen die Staatsfeinde im Inneren. Denn darin, unter anderem, besteht Amerikas Trauma seit dem 11. September: dass Krieg kein fernes Phänomen mehr ist, sondern die Vereinigten Staaten erreichen kann - was zuletzt 1814 geschah, als die Engländer Washington in Asche legten. Deshalb ist Ashcroft nicht nur George W. Bushs Minister, er gilt als dessen Kommandeur für die zweite Front, die Heimatfront. Gut 100 000 Mann befehligt er, seine Truppe ist ein gewaltiger Apparat aus Fahndungs-, Justiz- und Einwanderungsbehörden. Sie alle werden nun "mobilisiert und unter Kriegsbedingungen reorganisiert".
"Gefährlicher als Anthrax"
Binnen Wochen hat John Ashcroft mehr Befugnisse erhalten als jeder andere Justizminister seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Justizwesen sieht plötzlich anders aus: Die Trennung von polizeilicher und geheimdienstlicher Ermittlung ist praktisch aufgehoben, das Abhören kinderleicht geworden; Gespräche zwischen Verteidigern und Anwälten können mitgeschnitten werden; Militärtribunale sind geplant; seit Wochen schmoren knapp 1200 Araber ohne geordnetes Verfahren in den Gefängnissen. Es ist eine Zielstrebigkeit, wie John Ashcroft sie liebt. Aus Missouri hat er eine Weisheit mit nach Washington gebracht: "In der Mitte der Straße findet man nur Moderate oder Stinktiere." Niemals aber John Ashcroft.
Am Morgen des 11. September erfährt Ashcroft in einem Kleinflugzeug von den Anschlägen, kehrt sofort zurück nach Washington. Während das attackierte Land nach Führung dürstet, der Präsident aber noch durch die Lüfte irrt, ist Ashcroft da, hellwach und in den Medien präsent. Sein voller Bariton erreicht jedes Wohnzimmer. Er verkörpert eine Mischung aus grimmiger Entschlossenheit und glaubwürdiger Beruhigung. Das kommt an.
Schneller als andere stellt er sich um. Schon drei Tage nach dem Anschlag berät er im Kapitol mit Parlamentariern über neue Sicherheitsgesetze, wieder drei Tage später präsentiert er dem Kongress den fertigen Gesetzentwurf. Die Abgeordneten herrscht er vor Kameras an, sie sollten die Gesetze gefälligst sofort verabschieden, "noch in dieser Woche".
Das Gesetz passiert den Kongress in Rekordzeit. Doch seither ist keine Woche ohne neue Verordnung vergangen, den Kongress jedes Mal umgehend. Nun soll sich Ashcroft kommende Woche vor dem Senat rechtfertigen. Sogar republikanischen Kollegen schelten jetzt öffentlich den Drakon Ashcroft. Für die liberalen Medien gibt er inzwischen ein makelloses Feindbild ab. Er sei "das gefährlichste Regierungsmitlied" (Washington Post) und habe eine "Schattenjustiz" (New York Times) geschaffen. Der Boston Globe fragt: "Was ist gefährlicher als Anthrax?" und gibt zur Antwort: "Eine neue Verordnung von John Ashcroft." Oliphant, der beliebteste Karikaturist des Landes, zeigt den Justizminister als Richter, setzt ihm einen Turban auf und nennt ihn "Mullah Ashcroft".
Das alles erreicht den Kritisierten nicht. Denn er liest keine Zeitung. Im Ministerium lässt er sich von seinen Mitarbeitern vortragen. In seiner Familie gebe es eben eine "Tradition mündlicher Überlieferung", sagen seine Vertrauten. Es könnte aber auch für die Weltferne seines Glaubens sprechen. Wenn andere frühmorgens Zeitung lesen, hält Ashcroft in seinem Büro Bibelstunde für Mitarbeiter ab. Er zählt sich zu den Pfingstlern, weshalb er nicht raucht, nicht trinkt, nicht flucht, nicht tanzt. Sogar den Brauttanz bei seiner Hochzeit hat er abgelehnt, weil das sexuelles Verlangen erzeugen könnte. An seiner Frau hat ihn zunächst ihre "Zurückhaltung" angezogen.
Die Anhänger seiner Gemeinde glauben, sie seien vom Heiligen Geist erfasst, und wähnen sich dem Jüngsten Gericht so nahe, dass sie sich zuerst um ihr eigenes Seelenheil kümmern müssen; danach um das Seelenheil aller anderen. So ist John Ashcroft, Sohn eines Pfingstler-Pfarrers und Enkel eines weiteren Pfingstler-Pfarrers, erzogen worden, Seelen zu retten. Davon zeugt seine politische Biografie als Gouverneur von Missouri und später als Senator. Nichts anders tut er heute. Er hat, 59-jährig, seine Mission gefunden: als Exorzist einer säkularen Gesellschaft. Keine schlechte Idee, meint der Economist: "Wer kann das Land schon besser gegen religiösen Fundamentalismus aus dem Ausland verteidigen als eine heimische Variante?"
Aber um welchen Preis? Schon bei der Senatsanhörung vor seinem Amtsantritt war die Frage, ob einem Land der Vielfalt ein Kreuzzügler als Justizminister gut tun würde. War noch für Präsident Clinton das Gesetz ein Garant individueller Rechte und eine Hilfe beim sozialen Aufstieg, so hat Ashcroft von der Universität in Chicago die Einsicht heimgebracht, Aufgabe der Rechtsfindung sei es, ungeborenes Leben zu schützen, Kriminelle so hart wie möglich zu bestrafen und sich ansonsten nicht in Weltverbesserung zu verzetteln. Quoten für Minderheiten sind ihm so suspekt wie die Vereinten Nationen; Waffenbesitz gilt ihm als Freiheitsrecht. Dank dieser Agenda hagelte es im 100-köpfigen Senat 42 Stimmen gegen seine Ernennung. Die Kritiker fanden, ein Missionar solle kein Minister werden.
Nun fragen dieselben Kritiker, ob Ashcroft Maß von Übermaß scheiden kann. Seit Ende vergangener Woche zeigen sich immerhin Risse innerhalb des Apparates: Polizeichefs im ganzen Land weigern sich, Araber zu verhören, nur weil sie Araber sind. Ashcroft setzt derweil schon mit neuen Ideen nach. So sollen mutmaßliche Terroristen, sofern nicht von Militärgerichten abzuurteilen, in Washingtons Vorstadt Alexandria vor Gericht stehen. Anders als in New York wären dort die Geschworenen überwiegend weiß und wohlhabend. Sie dürften im Zweifel zur Todesstrafe neigen. Und genau das will Ashcroft.
Schon diskutieren in seinem Ministerium hochrangige Berater den Einsatz "anderer Verhörmethoden", vulgo: Folter. Nach diesem Modell wären Verdächtige an befreundete, aber autoritäre Staaten zu überstellen. Zwar dürften Amerikaner bei der Folter nicht im Raum sein, aber die Ergebnisse der Verhöre wären vor Gericht nach Ashcrofts neuen Regeln verwendbar. Bisher hat der Minister zu diesem Vorschlag geschwiegen. Ashcrofts großer Amtsvorgänger, Bobby Kennedy, hätte in ähnlicher Situation gewiss nicht so lange gebraucht, die Idee zum Albtraum zu erklären.
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