P O R T R Ä T Ein Kreuzzügler als Justizminister

John Ashcroft paukt in den USA die Antiterrorgesetze durch von Thomas Kleine-Brockhoff

Washington

Was der Justizminister sagt, überrascht. Wird man ihm abnehmen, was er gerade vorträgt? John Ashcroft hat zu einer weihevollen Laudatio angesetzt, er steht an einem schlichten Rednerpult, vor ihm die politische Elite Washingtons, schräg hinter ihm ein goldumrahmtes Ölgemälde - ein Porträt von Robert F. Kennedy, auf dessen Namen das Gebäude des Justizministeriums in diesem Moment getauft wird. John Ashcroft versucht zu erklären, was ihn mit seinem legendären Amtsvorgänger verbindet, dem jüngeren Bruder von Präsident John F. Kennedy. Dessen bedingungsloser Kampf gegen das Verbrechen, sagt Ashcroft, sei ihm Inspiration für seinen eigenen bedingungslosen Kampf gegen den Terrorismus.

Die Unterschiede zwischen beiden Männern könnten kaum größer sein. Dort, in Öl, ein junger Schlaks, die Haare leicht zerzaust, den Kragen hochgestellt, die Hände lässig in den Taschen. Hier, in Natura, ein vierschrötiger Herr im grauen Business-Tuch, auf dem massigen Körper ein Quadratschädel, an dem wie schockgefroren ein Lächeln klebt. Dort ein Erzliberaler, hier ein Erzkonservativer. Dort ein Bürgerrechtler, hier der Schrecken aller Bürgerrechtler. Und doch scheint es in diesen Tagen der Bedrohung Amerikas etwas zu geben, was zwei Politiker über Raum und Zeit und Weltanschauung hinweg verbinden kann. Ashcroft über Kennedy: "Er scheute sich nicht, von den Feinden als den Mächten der Finsternis zu sprechen und alle seine Kräfte, seine ganze Leidenschaft darauf zu verwenden, das Böse zu besiegen."

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Das Böse ist also wieder da. Jetzt sieht sich John Ashcroft in der Rolle, der Nation jene Teufel auszutreiben, die "Schläfer" heißen. Anleihen bei Kennedy sind willkommen, auf dass dessen Glorienschein den heutigen Amtsträger erleuchte, die Nation über Parteigrenzen hinweg einige und im milden Licht der Geschichte die Notstandsrechte in Ashcrofts Händen gerechtfertigt erscheinen mögen.

Warmer Applaus begleitet Ashcroft, ein dekoratives Fahnenmeer schmückt den Saal. In einem Nebenraum warten eine Kamera und eine Konfrontation. Die Moderatorin hebt an: "Eine der Töchter Kennedys hat heute gesagt, ihr Vater hätte diese neuen Vollmachten keinesfalls gebilligt." - "Mag sein", sagt Ashcroft ungerührt, "aber der Präsident hat mir nach dem 11. September tief in die Augen geblickt und gesagt: ,John, ich will, dass Sie verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht!'"

Seither ist John Ashcroft ein Mann mit einer Aufgabe. Nicht nur als Sicherheitsminister sieht er sich, sondern als Kriegsminister. Nicht nur zum Kampf gegen Kriminelle ist er angetreten, sondern zum Gefecht gegen die Staatsfeinde im Inneren. Denn darin, unter anderem, besteht Amerikas Trauma seit dem 11. September: dass Krieg kein fernes Phänomen mehr ist, sondern die Vereinigten Staaten erreichen kann - was zuletzt 1814 geschah, als die Engländer Washington in Asche legten. Deshalb ist Ashcroft nicht nur George W. Bushs Minister, er gilt als dessen Kommandeur für die zweite Front, die Heimatfront. Gut 100 000 Mann befehligt er, seine Truppe ist ein gewaltiger Apparat aus Fahndungs-, Justiz- und Einwanderungsbehörden. Sie alle werden nun "mobilisiert und unter Kriegsbedingungen reorganisiert".

"Gefährlicher als Anthrax"

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