Hollywoods schwarzer Ritter

Bekannter als der Weihnachtsmann, militanter als der Präsident: Walt Disney ist Hauptfigur einer Romanbiografie von Paul Michael Luetzeler

Vor acht Jahren erschien Marc Eliots kritische Biografie über Walt Disney. Schon der sinistre Titel Hollywood's Dark Prince deutete an, dass hier jemand vorgeführt wurde, dessen Leben nicht in Kategorien erzählbar war, wie man sie mit der Lichtfigur des wahren-guten-schönen Prinzen aus Schneewittchen verbindet, aus einem Märchen also, dessen Zeichentrickverfilmung den weltweiten Ruhm des Filmmagnaten eigentlich erst befestigt hatte. Offizieller Informant von Edgar Hoovers FBI sei er ein Vierteljahrhundert lang gewesen und habe mit seiner antikommunistischen Subversionsparanoia während der McCarthy-Ära Karrieren von Mitarbeitern und Bekannten in Hollywood ruiniert. Eliots Biografie versuchte, Disneys Ängste und Obsessionen aus der wenig märchenhaften Herkunft des späteren Fantasia-Königs zu erklären.

Peter Stephan Jungks Romanbiografie ist ohne Eliots Studie nicht denkbar, und doch ist in ihr etwas Neues gelungen: Jungk hat das Hollywood-Monster wieder in einen Menschen zurückverwandelt. Nicht dass Eliots hässlicher Frosch bei Jungk zum schönen Prinzen mutierte. Jungk bedient sich eines klugen erzählerischen Tricks, um die charismatisch-inspirierenden Züge Disneys aufleuchten zu lassen, ohne dabei seine abgründigen Charakterseiten ignorieren zu müssen. Er lässt - Privileg des Romanschriftstellers - William Dantine, einen fiktiven ehemaligen Mitarbeiter Disneys, das Leben des Imperators im Reich der Populärkultur erzählen. Das Manuskript dieser Biografie schreibt Dantine als Gefängnisinsasse in St. Louis

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er sitzt in Haft, weil er die Urne mit der Asche seines verstorbenen Idols entwendet hat.

Die Romanhandlung umfasst die letzten drei Monate im Leben Disneys, aber Jungks Erzähler baut so viele Rückblenden ein (Geschichten, die ihm von ehemaligen Bekannten und Freundinnen Disneys berichtet wurden), dass ein reiches Biografiemosaik entsteht. Dantine war, so will es Jungks Roman, von Disney gefeuert worden, nachdem er mit anderen Kollegen gegen den Boss intrigiert hatte. Der Erzähler ist - wie fast jeder der engen Mitarbeiter Disneys - einerseits fasziniert von der Persönlichkeit dieses modernen Magiers und begehrt andererseits auf gegen die dominierende Unternehmerfigur.

Dantine ist seit seiner Entlassung durch Disney wie besessen von der Vorstellung, alle Details aus dessen Leben erfahren zu müssen. Wann immer es öffentliche Auftritte des Erfinders beziehungsweise Promotors von Mickey Mouse und Donald Duck gibt, befindet Dantine sich im Tross der Fans und Journalisten. Der Roman beginnt im September 1966 mit dem Bericht über Disneys Besuch in seinem Heimatort Marceline. Das ist eine der zahllosen unscheinbaren small towns in Missouri, die sich, wie in die Prärie hineingewürfelt, zwischen St. Louis und Kansas City finden und deren Bedeutung sich vor allem darin erschöpfte, Verladestationen an einer Eisenbahnlinie zu sein. Wie Mark Twain und Harry Truman hatte auch Walt Disney seine Kindheit auf dem Land in Missouri verbracht, also im Herzen des Mittleren Westens, im geografischen Zentrum der USA.

Philanthrop und Denunziant

Letztlich dreht sich in Jungks Roman alles um dieses mythische Dörfchen Marceline in Missouri, das für Disney der Nabel der Welt war. In der Erinnerung vergoldete sich ihm die Kindheit, die er dort zwischen dem fünften und zehnten Jahr verbracht hatte, zur eigentlichen Glücksphase seines Lebens.

Der Vater, eine gescheiterte Existenz, hatte von Chicago nach Marceline zu einem Verwandten umziehen müssen. Dort schlug er sich als Farmer durch. Aus religiösen Gründen drosch er die älteren Söhne derart inbrünstig durch, dass sie dem nicht sehr trauten Heim entflohen, noch bevor ihre Teenagerjahre vorüber waren.

Disney hatte als jüngerer Sohn Glück: Die Prügelrationen nahmen in Proportion zum Alter des Vaters ab. Wenn es nur irgend ging, flüchtete sich der kleine Walt unter die Ulme neben dem Farmhaus und malte die Fauna, die ihn umgab.

Hier hat seine Animation der Tiere ihren Ursprung, die Beseelung und fabelhafte Vermenschlichung der Mäuse (von denen es im elterlichen Haus mehr als genug gab), der Eichhörnchen, Enten, Kaninchen, Schweine und Pferde.

In die Mitte des Romans hat Jungk die Begegnung zwischen dem Erzähler und Disney eingebaut. Dantine schleicht sich in den Garten der kalifornischen Milliardärsvilla ein. Dort trifft er den mit der Eisenbahn spielenden Disney und konfrontiert ihn mit den dunklen Seiten aus dessen Vita. Der vom Glück Verwöhnte, der weltweit bekannter ist als der Weihnachtsmann, befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Herbst 1966: Disney gehört zu den Scharfmachern während des Vietnamkriegs und hat Zutritt zum demokratischen Präsidenten Johnson, der ihm nicht militant genug ist. Er protegiert den gerade gewählten republikanischen Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, und sagt dessen spätere Wahl zum Präsidenten voraus. Disneys neues Lebensziel ist es, die Modellstadt Epcot zu bauen, eine City der Zukunft, in der all das vorhanden sein soll, was den amerikanischen Großstädten der sechziger Jahre abgeht: der Ausgleich von Natur und Kultur, Mensch und Tier, ein supertechnologisches öffentliches Verkehrsnetz et cetera. Schließlich ist dort auch ein Tiefkühlfriedhof für die eingefrorenen Verstorbenen geplant, die in irgendeiner Zukunft, wenn die Medizin weiter fortgeschritten ist, wieder aufgetaut und geheilt werden könnten.

Disney versteht sich als Visionär eines futuristischen Amerikas, das die Erde neu gestalten und das Universum besiedeln wird. Und da bricht dieser gefeuerte kleine Angestellte in die projektschwangere Gegenwart ein, um ihn an seine dubiose Vergangenheit zu erinnern. Es kommt noch schlimmer: Wenig später wird Disney, der Kettenraucher und Whiskeytrinker, krebskrank. Das Ende: Tod eines Gutmenschen und Ausbeuters, eines Träumers und Intriganten, eines Philanthropen und Denunzianten, eines Idyllikers und Kriegstreibers.

Dantine fragt einen der engsten Mitarbeiter und intimsten Freundfeinde des Meisters, was denn die positivste Eigenschaft Disneys gewesen sei. Die Antwort: Er war ein unübertrefflicher "Motivierer". Aus seinen Angestellten habe er das Beste, ja das ihnen selbst noch unbekannte Genialische der eigenen Persönlichkeit herauszaubern können. Wer einmal aussteigen will aus einem Alltag der real existierenden Demotivation, dem sei diese gelungene und packende Romanbiografie zur Lektüre empfohlen.

* Peter Stephan Jungk: Der König von Amerika

Roman

Klett-Cotta, Stuttgart 2001

247 S., 37,50 DM

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