Das Any-Projekt: Wer verstehen will, welche Themen und welche Akteure den internationalen Architekturdiskurs der neunziger Jahre bestimmten, der kommt an diesen zehn intellektuellen Kraftpaketen nicht vorbei. Zehn Bände, vollgestopft mit aktueller Architekturtheorie der ambitioniertesten Art und in einem trendsetzenden Buchdesign, das jedem deutschen Grafik-Youngster die Neidtränen in die Augen treiben dürfte.

Palladio kam 1570 noch mit vier Büchern zur Architektur aus. Er konnte sich so kurz fassen, da er sich noch einbilden mochte, kanonische Wahrheiten für eine mittlere Ewigkeit aufzuschreiben. Doch an der Wende zum 21. Jahrhundert ist die Gesamtlage auch in der Architektur bekanntlich unübersichtlicher geworden. Ohne Kanonik keine Lakonik. In einer Epoche der Uneindeutigkeit, wie die Herausgeber von Any sagen, kann es keine Lehrbücher geben, sondern nur Mitschriften komplexer Diskussionsprozesse. Daher also: zehnmal Any, in so gut wie allen Zusammensetzungen, die das amerikanische Englisch hergibt, von Anyone bis Anymore (nur im Dyslexicon von George W. Bush finden sich vielleicht noch weitere Varianten wie "anysome" und "anyme").

Nun ist der abschließende zehnte Band der Reihe erschienen: Anything, eine Dokumentation der letzten Any-Konferenz, die im Sommer 2000 im Guggenheim Museum in New York stattgefunden hat. Nachzulesen sind hier nicht nur die 32 Vorträge, die an drei Konferenztagen gehalten wurden, sondern ebenfalls die sich anschließenden Diskussionen. Die Beiträge widmen sich unter verschiedenen Aspekten dem zentralen Thema der architektonischen Dinglichkeit und Gegenständlichkeit, einer Frage also, die derzeit von hoher Aktualität ist, da sie den Eintritt in eine postsemiotische Ästhetik und die zunehmende Beschäftigung mit Qualitäten des Nichtlesbaren, des Materiellen, der Wahrnehmung und der emotionalen Wirkung anzeigt. Der Band enthält hierzu zahlreiche lesenswerte Texte zum Beispiel von Jacques Herzog und Steven Holl oder auch eine in diesem Kontext unabdingbare Erinnerung an Heideggers Dingbegriff durch den in Chicago lehrenden Philosophen Mark Taylor.

Aus diesen und vielen anderen Anregungen hätte eine produktive Debatte entstehen können. Was aber irritiert, ist nicht so sehr die bei solchen Publikationen wohl unvermeidliche thematische Dispersität, sondern das Fehlen fast jeder wechselseitigen Bezugnahme, eine gewisse Sprachlosigkeit trotz so vieler Sprecher. Der Leser von Anything wird Zeuge einer Selbstauflösung des gesamten Any-Projektes, das auf eine Krise des Selbstverständigungsprozesses in der zeitgenössischen Architektur insgesamt hindeuten könnte.

Die zehn Any-Konferenzen, die zwischen 1991 und 2000 stattgefunden haben, stellen ohne Frage den derzeit ehrgeizigsten Versuch dar, ein internationales Forum für die interdisziplinäre Erarbeitung einer Gegenwartstheorie der Architektur zu schaffen. Architekten, Philosophen, Sozialwissenschaftler, Kunsthistoriker und Künstler trafen sich jeweils einmal im Jahr an wechselnden Orten in Amerika, Asien und Europa. Zu den regelmäßigen Teilnehmern dieser Konferenzen zählten die Architekten Peter Eisenman, Rem Koolhaas, Bernard Tschumi, Arata Isozaki, Steven Holl, Jean Nouvel, Jacques Herzog, Zaha Hadid, Ben van Berkel und Greg Lynn; die Architekturtheoretiker Ignasi di Solà-Morales, Anthony Vidler, Jeff Kipnis und Sanford Kwinter; die Philosophen Fredric Jameson und Akira Asada und die Ökonomin Saskia Sassen, um nur einige zu nennen.

Die Initiative zu diesem Unterfangen, den kulturellen Status der Architektur zur Jahrtausendwende neu zu bestimmen, war ganz offensichtlich von Eisenman ausgegangen, der sich im Laufe der siebziger und achtziger Jahre zu einer der wichtigsten Leitfiguren des internationalen Architekturdiskurses entwickelt hatte.

Selbstreflexion wurde verweigert