A R T E N S C H U T Z Konjunktur für Käferzähler

Stündlich sterben drei Arten aus, mahnen Ökopessimisten. Für dieses Schreckensszenario gibt es keine gesicherte Grundlage

Ist Gott ein Käferfreak? "Er scheint eine übertriebene Vorliebe für Käfer zu haben", mutmaßte einst der britische Biologe John Haldane. Ein Ausflug in die Natur legt nahe, dass der Schöpfer auf diese Krabbeltiere besonders viel Zeit und Sorgfalt verwendet hat. In keiner anderen Ordnung der Tiere oder Pflanzen gibt es eine größere Vielfalt: Rund 400 000 Käferarten wurden bisher beschrieben. Jede vierte bekannte Spezies ist demnach ein Käfer. Und jede davon gilt als unersetzbares Original. "Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten", dozierte Arthur Schopenhauer, "aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen."

Pessimisten sind überzeugt, dass es nicht nur mit den vielen Käfern, sondern mit der ganzen bunten Lebensvielfalt bald vorbei sei. Wolfgang Engelhardt, langjähriger Präsident des Deutschen Naturschutzringes, sieht "das Ende der Artenvielfalt" nahen. Der berühmte Biologe und Ameisenforscher Edward O. Wilson schätzt, dass der Untergang der Dinosaurier und alle anderen früheren Massensterben im Vergleich zum heutigen Desaster milde Krisen waren. Der gegenwärtige Artentod schlage mit tausend- bis zehntausendfacher Wucht zu.

Doch die Alarmrufer müssen sich auf Hypothesen und Hochrechnungen stützen - weil niemand nachgezählt hat. Die Erforschung der Artenvielfalt steht erst am Anfang. Ein Großteil der Lebewesen in Regenwäldern, Tiefsee und anderen schwer zugänglichen Orten blieb bis heute den Augen der Wissenschaftler verborgen. Zwar glauben Biologen 1,75 Millionen Tier- und Pflanzenarten zu kennen, doch selbst diese Zahl ist unsicher, weil nicht alle Melderegister der Naturkundemuseen miteinander abgeglichen wurden.

Schätzungen der Zahl noch unbekannter Arten gleichen dagegen einem wissenschaftlichen Offenbarungseid, sie schwanken zwischen drei und 100 Millionen. Weil wir den Inhalt der Schatztruhe des Lebens nicht kennen, können wir auch nicht wissen, was daraus verschwindet. Werden Aussterberaten genannt, dann beziehen sie sich stets auf eine Zahl der noch vermuteten Arten - und nicht, wie man meinen könnte, auf die tatsächlich bekannten. "Mit einiger Überraschung muss man feststellen", sagt der Insektenkundler Hans-Reiner Simon von der TU Darmstadt, "dass über einfache numerische Angaben im Rahmen der Biodiversität keine zuverlässigen Daten oder Datensammlungen existieren."

Fest steht: Wir müssen mehr wissen. Und so geraten die Artenkundler ins Licht der Öffentlichkeit. Weltweit durchforschen etwa 30 000 Taxonomen die Vielfalt der Tiere und Pflanzen, taufen ihre Entdeckungen mit lateinischen Namen und ordnen sie ins biologische System ein. Bislang verglichen sie in stiller Kontemplation Käferbeinchen, jetzt werden diese liebenswerten Zeitgenossen plötzlich aus den Magazinen der Museen hervorgezerrt. Die Uni Göttingen rief kürzlich ein interdisziplinäres Zentrum für Biodiversitätsforschung und Ökologie ins Leben. Das Frankfurter Senckenberg Museum schmückt sich neuerdings mit dem Namen Zentrum für Biodiversitätsforschung und hat ein Zentrum für marine Biodiversität in Wilhelmshaven eingerichtet. Das Bundesforschungsministerium macht 18 Millionen Mark jährlich locker für das Biolog-Programm (Biodiversität und Globaler Wandel). "Gelder für die Biodiversitätsforschung sind inzwischen leichter zugänglich", freut sich der Oldenburger Zoologe und Biodiversitätsexperte Horst Kurt Schminke.

Auch international erfährt die Taxonomie neue Wertschätzung. "Wir haben mehr Informationen über die Sterne in der Milchstraße als über die Lebewesen auf der Erde", moniert EU-Forschungskommissar Philippe Busquin und öffnet seine Etatschatulle, um dem abzuhelfen. Im März trafen sich Wissenschaftler aus 32 Nationen in Montreal, um ein weltweites Informationsnetz zur Biodiversität (GBIF) zu schaffen. Die Taxonomen selbst haben sich weltweit zur Initiative Systematics Agenda 2000 vernetzt, um die Artenvielfalt innerhalb von 25 Jahren zu erfassen. Veranschlagte Kosten: vier Milliarden Dollar. Optimisten meinen sogar, bei der Erforschung der globalen Biodiversität könnte die gleiche Dynamik entstehen wie zuvor bei der Kartierung des menschlichen Genoms.

Immerhin gibt es bereits Konkurrenz: Es ginge auch billiger, schon für drei Milliarden Dollar, schätzt die Initiative All Species Inventory, die im Herbst 2000 von den kalifornischen Net-Pionieren Kevin Kelly und Stewart Brand gegründet wurde. Das Spendengeld dafür soll aus der schwer gebeutelten New Economy fließen. Beide Gründer gelten als geniale Trendsetter. Brand erfand den legendären Whole Earth Catalog, eine frühe Bibel der Ökoszene. Kelly gründete das Magazin Wired und schrieb Bestseller über Zukunftstechnik.

Die Biodiversitätsforschung wird nicht allein aus ökologischem Verantwortungsbewusstsein, sondern auch aus ökonomischem Gewinnstreben vorangetrieben. Weltweit durchsuchen Scouts der Pharmaunternehmen Wälder, Bergwiesen und Meeresböden nach unbekannten Lebensformen. Sie hoffen, dass im tiefsten Dschungel pharmazeutische Blockbuster schlummern, die sie für das menschliche Wohlergehen verwerten können. Käfer, Kräuter, Pilze könnten Wirkstoffe gegen Krebs, Diabetes oder Malaria enthalten. Auch die Agrarindustrie ist scharf auf neu entdeckte Lebewesen und ihre möglicherweise für Ackerpflanzen nützlichen Gene.

Der stärkste Impuls für ein globales Arteninventar kommt jedoch von Umweltgruppen in aller Welt. Im Kampf für ihre gute Sache sind ihnen schlechte Nachrichten besonders recht. Und deshalb haben katastrophale Aussterbeziffern seit Jahren Hochkonjunktur. Motto: Wer bietet mehr? Stirbt eine Art pro Jahr aus, wie das Worldwatch Institute 1978 feststellte, oder 130 pro Tag, wie Angela Merkel einst als Umweltministerin zu wissen glaubte? Sind es acht pro Minute, wie die UN-Umweltorganisation Unep 1996 hochrechnete, oder gar fast die gesamte Flora und Fauna des Planeten, nämlich "1,5 Millionen Arten bis 2020", wie Jochen Flasbarth, Chef des Naturschutzbundes Nabu, vermutet? Die tiefe Sorge der Alarmrufer steht in einem denkwürdigen Kontrast zu ihrem sorglosen Umgang mit großen Zahlen.

Die am häufigsten zitierte Schätzung stammt von Edward Wilson. "Mister Biodiversity", wie er in den USA genannt wird, nimmt an: 27 000 Arten im Jahr sterben aus, 73 am Tag, drei pro Stunde. Im Gegensatz zu vielen, die ihn gerne als wissenschaftlichen Kronzeugen in Anspruch nehmen, sagt Wilson selbst: "Wir wissen es nicht, wir kennen nicht einmal die annähernde Größenordnung."

Wie aber kam Wilsons berühmte Schätzung dann zustande? Es begann mit dem Insektenkundler Terry Erwin vom Nationalzoo in Washington. 1982 untersuchte er die Kronendächer einer Tropenbaumart in Panama. Nach dem Versprühen von Insektengift in luftiger Höhe fand er auf einem am Boden ausgebreiteten Tuch 1200 Käferarten. Seine reiche Jagdstrecke ließ darauf schließen, dass eine enorme Zahl tropischer Käfer sich bis heute unentdeckt durchgemogelt hat. Gestützt auf dieses im Regenwald verborgene Millionenheer, wandte Wilson einen ökologischen Erfahrungssatz an, der auf isolierten Inseln gemacht wurde: Werden 90 Prozent eines Lebensraumes zerstört, verschwindet die Hälfte der Arten. Und damit wird die Rechnung bereits sehr spekulativ. Was für isolierte Inseln gilt, muss noch lange nicht für riesige kontinentale Regenwälder gelten, wo Tiere und Pflanzen ausweichen können.

Forscher, die große Rodungsgebiete untersuchten, kamen meist zu weniger dramatischen Ergebnissen. So wurden 90 Prozent des atlantischen Regenwaldes in Brasilien bereits vor langer Zeit gerodet. Überraschenderweise ist keine einzige Art bekannt, die dadurch ausstarb. Dennoch geht Wilson in seiner Schätzung vom worst case-Szenario aus - was als wissenschaftliches Planspiel erlaubt ist. Die unbekannten Arten und ihre angenommene hohe Verlustrate rechnete er dann auf den (ebenfalls nur geschätzten) Rückgang des Regenwaldes hoch. So kamen die vielzitierten drei Arten zustande, die angeblich pro Stunde aussterben. Diese Schätzung hat durch ständige Wiederholung quasi amtlichen Charakter angenommen. Doch "es gibt keine einzige Studie, die von sich behaupten kann, das Verhältnis von Entwaldung und Artenverlust erklären zu können", wendet der Tropenwaldexperte Ariel E. Lugo aus Costa Rica ein.

"Die Werte könnten genauso gut zehnmal höher oder zehnmal niedriger liegen", sagt der Münchner Evolutionsbiologe Josef Reichholf. Den Naturschutzexperten Gerhard Hard und Georg Mentig "fällt auf, dass sich der Naturschutz unter all den kursierenden unsicheren Hypothesen immer genau diejenigen herauspickt, die in sein kulturpessimistisches Weltbild passen; und dann werden diese Fragwürdigkeiten zu abgesicherten Grundlagen und Rechtfertigungen naturschützerischen Handelns gemacht". Wären die Hochrechnungen zutreffend, müssten bereits im vergangenen Jahrzehnt über eine Viertelmillion Arten ausgestorben sein. Doch nur eine Hand voll Verluste konnten nachgewiesen werden. Die Buchhaltung des internationalen Naturschutzes wird in Cambridge geführt, beim World Conservation Monitoring Centre (WCMC). Nach offizieller WCMC-Liste starben 611 Tier- und 396 Pflanzenarten seit dem Jahre 1600 aus. Die meisten davon jedoch nicht in der Gegenwart, sondern im 18. und 19. Jahrhundert. Damals eroberten die Europäer die Welt und fielen rücksichtslos über die Natur her. Besonders auf Inseln richteten die Kolonisatoren gewaltiges Unheil an.

Dieser blinde Raubbau ist in den reichen Industrieländern längst Geschichte und hat auch in den Schwellenländern seinen Höhepunkt überschritten. Stephen Edward von der Welt Naturschutzunion (IUCN) weist darauf hin, dass seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Zahl der Ausrottungen bekannter Arten zurück geht. Paul Müller, Direktor des Instituts für Biogeographie an der Uni Saarbrücken, hält die Schreckensszenarien vom Artensterben daher für "nachweislich falsch".

Während sich die Forscher um die Seriosität der Hochrechnungen streiten, müssen sie sich bereits mit einem völlig neuen Artensterben auseinander setzen. Seit durch Genomanalyse die biologische Verwandtschaft von Lebewesen exakt bestimmt werden kann, stellt sich immer häufiger heraus, dass einige Arten gar keine Arten sind. Sie lassen sich nicht länger taxonomisch abgrenzen. Das Ende des biologischen Artbegriffs scheint nahe. Und damit gerät eine Säule der Zunft ins Wanken. Offenbar bestehen zwischen vielen bisher als Arten eingeordneten Lebewesen fließende Übergänge.

Laut klassischer Definition gehören alle Tiere zu einer Art, die gemeinsam fortpflanzungsfähige Nachkommen hervorbringen. Paaren sich dagegen zwei unterschiedliche Arten, können sie keinen Nachwuchs erzeugen, oder die Hybriden bleiben unfruchtbar, wie etwa Maultiere, die Abkömmlinge von Esel und Pferd. In Feldstudien und genetischen Untersuchungen erweisen sich bisher angenommene Artengrenzen jedoch als überraschend durchlässig. So stellte sich heraus, dass einige Spezies der Darwinfinken auf den Galápagosinseln sich munter paaren und gesunde Mischlinge hervorbringen. Ausgerechnet an diesen Finken entwickelte Charles Darwin einst sein Artenkonzept. Auch manche unterschiedliche Froscharten drehen den Wissenschaftlern eine Nase und bringen fruchtbare Nachkommen hervor. Besonders bunt treibt es die Fauna in den zoologischen Gärten: Robert Zingg, Vizedirektor der Züricher Zoos, weiß zu berichten, dass in Tierparks Paare aus Jaguar und Leopard, Löwe und Tiger fruchtbare Nachkommen in die Welt setzten. "Wir wissen nicht, was eine Art zur Art macht", sagt Evolutionsbiologe Reichholf. "Was wir bei Käfern als Arten definieren, unterscheidet sich genetisch geringer als zwei individuelle Säugetiere oder Vögel der selben Art."

Trotzdem sind nicht alle Sorgen um die Artenvielfalt übertrieben. Denn die Vernichtung von Arten ist die einzige Form von Umweltzerstörung, die der Mensch nicht rückgängig machen kann. Verseuchte Flüsse können saniert, gerodete Wälder wieder angepflanzt werden. Ausgestorbene Pflanzen und Tieren aber lassen sich nicht zurückholen. "Egal, ob die Schreckenszahlen über verschwundene Arten stimmen oder nicht", sagt Reichholf, "es ist eine Kulturschande, dass wir im 21. Jahrhundert immer noch nicht wissen, welche Pflanzen und Tiere mit uns auf der Erde leben."

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Naturwissenschaft | Forschung | Peking
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service