Die Musterschüler

Finnen sind die Pisa-Sieger. Warum sie so gut sind

Wahrscheinlich lässt sich alles am besten mit den dunklen Wintertagen erklären. Schon früh am Nachmittag wird es stockduster in Finnland - und dann knipsen die Finnen eben ihre Leselampen an. Und Pisa hat ihnen nun bestätigt, dass darin der Weg zum Erfolg liegt. In Sachen Lesekompetenz sind die finnischen Schülerinnen und Schüler weltweit unschlagbar und liegen mit ihren Ergebnissen weit über dem Durchschnitt. In den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten liegt Finnland ebenfalls auf den vorderen Plätzen. Eines aber ist vor allem bemerkenswert: In Finnland hängt Leistung nicht von sozialer Herkunft ab. Schüler aus ärmeren Milieus gehören nicht zwangsläufig zu den Leistungsschwachen in ihren Klassen, wie sich das in anderen Ländern gezeigt hat. Die Kluft zwischen guten und schlechten Schülern ist grundsätzlich viel geringer, sodass auch die so genannten schlechten Schüler im Durchschnitt noch gute Ergebnisse erreichen. Fragt sich: Wie schaffen die Finnen das bloß?

In der Schulpolitik ging das Land mit dem großen skandinavischen Trend. Ende der sechziger Jahre wurde "Bildung für jeden" politisches Programm. 1968 beschloss das Parlament die Einführung einer neunjährigen Gesamtschule. Der schließt sich eine dem College verwandte Oberstufe an. Seit Mitte der siebziger Jahre gehen 95 Prozent der jungen Finnen zwölf Jahre zur Schule. Die allermeisten von ihnen sprechen auch Schwedisch. Von der dritten Klasse an wird Englisch unterrichtet.

Das traditionell zentralistische Schulsystem wurde mit der Einführung der Gesamtschule zunächst noch stärker vereinheitlicht und noch enger an das Ministerium in Helsinki gebunden. Ähnlich wie in Schweden kam Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre die Gegenbewegung: Dezentralisierung und Autonomie für Schulen. Proklamiert wird nun "lokale Identität". Ermuntert werden Joint Ventures mit der Wirtschaft und Verzahnungen mit der Region. Eine der interessantesten, freiesten und eigenwilligsten Schulen ist die vom Handyhersteller Nokia unterstützte Päivölä-Schule, ein Internat für mathematisch Hochbegabte, das in der Bildungslandschaft irgendwo zwischen Summerhill und Princeton liegt.

Dabei war Finnland das letzte Land in Europa, in dem 1921 die Schulpflicht eingeführt wurde. Aber Finnlands Bildungstradition ist viel älter. Unter schwedischer und russischer Herrschaft half zu Hause gelesene finnische Literatur, nationale Identität zu bewahren. Die Lutherische Staatskirche verweigerte Analphabeten sogar die Heirat. Ohne Bibellektüre kein Zugang zu Gott. Heute ist die Heimat von Computernetzwerker Linus Torvalds, dem Anti-Bill-Gates, Nummer eins in den Weltcharts der Internet-Nutzer. Jedem Schüler steht von der dritten Klasse an eine EMail-Adresse zu.

Das 5,1-Millionen-Einwohner-Land, dessen Bildungsaufwendungen um ein Drittel über dem europäischen Mittel liegen, machte 1995 die Entwicklung des Landes zur Kommunikationsgesellschaft zum Staatsziel. Das Leseland, in dem die Weltgesundheitsorganisation bereits die weltweit höchste Alphabetisierungsrate fand, saugt die neuen Informationstechnologien auf und plant dafür Qualifikationen in Schulen und Hochschulen. In wenigen Jahren gelang es, das politisch gesetzte Ziel von 70 Prozent Studienanfängern pro Jahrgang fast zu erreichen. Viele gehen auf die fünfjährigen polytechnischen Hochschulen.

Traditionell hoch ist das Ansehen von Lehrern. Von den jährlich 6000 Bewerbern für die Ausbildung zum "Klassenlehrer" für die Jahrgänge eins bis sechs wird nur jeder Zehnte genommen. Heute diskutieren finnische Lehrer über ihre neue Rolle als "stimulierende Tutoren", als Initiatoren und Begleiter von Lernprozessen.

In Finnland sind beide Faktoren, die die Wirksamkeit von Bildung ausmachen, sehr ausgeprägt. Eine Tradition, die Wertschätzung fürs Lernen, für die Lernenden und für die Lehrer hochhält, und eine Politik, die in die Zukunft des Landes nicht nur Geld, sondern auch Vertrauen investiert.

 
Service