Unter den ideologischen Empfehlungen, die nach den Ereignissen vom 11.

September kursieren, findet sich auch die Aufforderung, einige grundlegende Bestandteile der modernen Vorstellungen von Menschenwürde und Freiheit zu überdenken. Symptomatisch dafür sind Beiträge des amerikanischen Journalisten Jonathan Alter. Es sei an Zeit, über Folter nachzudenken, forderte er in einer Kolumne, die den ominösen Untertitel trug: Dies ist eine neue Welt, und das Überleben könnte durchaus alte Techniken verlangen, die bislang gar nicht in Betracht kamen (Newsweek vom 5. November 2001). Der Artikel liebäugelt mit der Idee, physische und psychologische Folter könnte in äußersten Fällen gerechtfertigt sein - und zwar dann, wenn wir wissen, dass ein Terrorist über Informationen verfügt, die Hunderte Menschenleben retten könnten. Schließlich kokettiert Jonathan Alter mit der "neutralen" Feststellung, die Folter tue "zweifellos" ihre Wirkung: "Wir können die Folter nicht legalisieren

das widerspricht amerikanischen Werten. Aber selbst dann, wenn wir uns weiterhin weltweit gegen Menschenrechtsverletzungen aussprechen, sollten wir unser Denken für bestimmte Maßnahmen der Terrorismusbekämpfung, wie das gerichtlich sanktionierte psychologische Verhör, offen halten. Und wir werden darüber nachdenken müssen, einige Verdächtige unseren weniger zart besaiteten Verbündeten zu überstellen, auch wenn das überaus heikel ist. Doch niemand hat behauptet, es würde angenehm werden."

Die Obszönität derartiger Aussagen ist offenkundig. Erstens, warum benutzen sie gerade den Anschlag auf das World Trade Center zur Rechtfertigung? Hat es nicht schon die ganze Zeit überall auf der Welt noch entsetzlichere Verbrechen gegeben? Und zweitens, was ist neu an dieser Idee? Hat nicht die CIA jahrzehntelang den militärischen Verbündeten in Lateinamerika und der Dritten Welt beigebracht, wie man die Folter praktiziert? Unser zeitgenössischer Kapitalismus verlässt sich immer mehr auf das Verfahren des Outsourcing. Anstatt die Produktionsstätten unmittelbar selbst zu besitzen, schließt eine US-Firma einen Vertrag mit einem Unternehmen in der Dritten Welt, das die Schmutzarbeit der materiellen Herstellung für sie erledigt. So werden Nike-Sportschuhe in Indonesien gefertigt und so weiter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Herstellung ist nicht nur billiger, man kann auch den Fragen zu ökologischen, gesundheitlichen und menschenrechtlichen Standards ausweichen, indem man behauptet, es wäre nicht kontrollierbar, was die Vertragspartner im Einzelnen tun. Und ist das, was Jonathan Alter vorschlägt - und was im Grunde genommen seit Jahrzehnten gang und gäbe ist - nicht eine ebensolche Praxis des Outsourcing der Folter? Die Heuchelei jedenfalls währt schon lange.

Sogar das "liberale" Argument des Staranwalts Alan Dershowitz klingt verdächtig: "Ich trete keineswegs für die Folter ein, aber wenn man sie gebrauchen will, sollte sie allerdings die Zustimmung der Gerichte haben."

Die zugrunde liegende Logik, "Da wir sie ohnehin gebrauchen, wäre es besser, sie zu legalisieren, um auf diese Weise Exzesse zu verhindern!", ist äußerst gefährlich, denn sie verleiht der Folter Legitimität und öffnet noch mehr widerrechtlicher Folter Tür und Tor. Wenn Dershowitz sagt, die Folter würde die Rechte des Gefangenen nicht mindern, weil die erlangten Informationen im Prozess nicht gegen ihn verwendet würden

wenn er weiter die Auffassung vertritt, dass die Folterung nicht als Strafe eingesetzt werde, sondern nur dazu diene, einen bevorstehenden Massenmord abzuwenden, dann ist die zugrunde liegende Prämisse noch beunruhigender: Sollte es demnach erlaubt sein, Menschen nicht etwa deswegen zu foltern, weil es Teil ihrer verdienten Strafe ist, sondern einfach deshalb, weil sie irgendetwas wissen? Warum sollte man dann nicht auch die Folterung von Kriegsgefangenen legalisieren? Denn sie könnten immerhin über Informationen verfügen, die Hunderten von Soldaten das Leben retten könnten.