Der letzte Streich trägt den schlichten Titel 1, ist nichts weiter als eine Greatest-Hits-CD, hält sich aber hartnäckig auf den Spitzenplätzen aller notierten Hitparaden. Kein schlechtes Ergebnis für eine Band, die sich vor 30 Jahren aufgelöst hat. Bloß George Harrison wird mäßig erfreut darüber gewesen sein.

Harrison, "der stille Beatle", war auch der Beatle, der sich am entschiedensten für ein Leben nach der Legende einsetzte. Der die Sechziger als fortwährenden Albtraum beschrieb und eine Wiedervereinigung kategorisch ausschloss, "solange einer von uns tot ist". Dass die Technik es eines Tages möglich machen würde, Johns Geisterstimme ein zeitgenössisches Arrangement zu verpassen - wer konnte dies ahnen? Auch die wiederkehrenden, von Paul McCartney forcierten Fab-Four-Emissionen scheint er eher stoisch hingenommen als aktiv mitbetrieben zu haben, schließlich zementierten sie altes Unrecht: Eine einzige der 27 auf 1 versammelten Kompositionen vermerkt in der Autorenzeile den Namen Harrison: Something, immerhin neben Yesterday der meistgecoverte Beatles-Song. Es fehlen While my giutar gently weeps und sein schönster Song, Here comes the sun.

Der Mann im Schatten, "weniger brillant als die anderen", wie Beatles-Produzent George Martin gern anmerkte - man muss die Krebserkrankung, der George Harrison am vorvergangenen Donnerstag erlag, nicht als Metapher lesen, um die Dauerkränkung durch das Zentralgespann zu sehen. Die frühen Wochenschauen zeigen einen Leadgitarristen, der inmitten der Beatles-Mania wie abwesend auf sein Griffbrett starrte, während Lennon/McCartney artig twisteten und shouteten. Man sagt aber auch nichts Nachteiliges mit dem Hinweis auf die faktische Überlegenheit der beiden Haupt-Songwriter. Das Feedback am Anfang von I feel fine, Jahre bevor Jimi Hendrix mit der Gitarre lautzumalen begann: Historische Nachforschungen haben ergeben, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach auf McCartneys Konto ging. Und das wegweisende Solo auf Taxman: Auch hier hatte der ehrgeizige Richelieu-Charakter Paul seine Finger im Spiel.

"Du musstest 95 von Pauls Songs spielen, bevor er einem von deinen zuhörte", bemerkte Harrison, trotz seines Hangs zur indischen Philosophie nie ein Kind von Illusionen, trocken in einem Interview. Within you, without you, den Singsang, der den Weg aller Sixties-Sinnsucher nach innen bereitete, nahm er deswegen im Alleingang mit fernöstlichen Musikern auf, bei Norwegian Wood, Lennons Abgesang auf die romantische Liebe, blieb er mit seiner Sitar bloße Klangfarbe. Am Dokumentarfilm Let it be, der die späten Beatles bei der Arbeit zeigt, lässt sich studieren, wie wenig sich daran über all die Jahre geändert hat: John und Paul, wiewohl bereits aufs Blut zerstritten, haben das Heft in der Hand, Yoko Ono, die böse Hexe im Beatles-Märchen, sitzt mit am Mischpult. George und Ringo dagegen wirken nur noch wie Komparsen, die gelegentlich zur Produktion gerufen werden.

Dabei war es Harrison, der nach Jahren der Demütigung den vielversprechendsten Start in die Nach-Beatles-Ära hinlegte. All things must pass versammelte auf ganzen drei LPs nicht nur alle Kompositionen, die Lennon/McCartney verschmäht hatten, es schnitt darüber hinaus im Popkontext unübliche Thematiken wie Tod, Trauer, Vergängnis an. Vor allem aber war es ein letztes Aufgebot jener Tugenden, die die unaufhaltsame Progression des Rock gebracht hatte: Klangwände, Echoeffekte, Jam Sessions mit bis zu vier Schlagzeugern, zwei Bassisten und drei Gitarristen, von Produzent Phil Spector, dem "Wagner des Rock 'n' Roll", zur ganz großen Bescherung emporgarniert. Nicht zu Unrecht ist dieses in jeder Hinsicht hybride Gebilde als Versuch der Emanzipation qua Fortführung verstanden worden: Während McCartney sich zunächst in Heimstudiomurkeleien verlor und Lennon starke Formschwankungen aufwies, nahm George es auf sich, das fortschrittliche Erbe der Beatles zu schultern - und wuchtete es in einem grandiosen Akt der Überbietung zu Boden.

Noch mit einer anderen Produktion zeigte Harrison sich zukunftsgewandt. Das 1971 ebenfalls als Dreifach-LP erschienene Concert for Bangladesh nahm mit seiner All-Star-Besetzung für gute Zwecke den Benefiz-Pop der Achtziger vorweg, ebenjenen Sound der Menschen aufrechter Gesinnung, den der Punk am Ende des Jahrzehnts prospektiv anranzte: Plötzlich wurde offenbar, dass bürgerliches Pop-Engagement immer auch Selbsterlösung im Schilde führt. Mehr im Stillen, aber glücklicher agierte George als Geldbeschaffer und Coproduzent des Monty-Python-Comedy-Klassikers Life of Brian. Es war seine Art, zum anarchischen Humor der frühen Jahre zurückzukehren. Unter der Maske des Hippie-Mystikers blieb Harrison nämlich stets der bodenständige Typ aus dem Norden, der sich für Autorennen interessiert und Niki Lauda, den Gebrandmarkten, zum Helden erhebt. Lennon mochte davon singen, wie es sich anfühlt, als Christenmensch von den Medien verfolgt zu werden, die Story des Brian, eines Underdogs in Jesu Schatten, war das eigentliche Pendant zur Leidensgeschichte des armen dritten Beatle: Zur Kreuzigung nach rechts treten, bitte!

Dem Schicksal ewigen Beatletums freilich entkam am Ende keiner. Je stärker die ermattende Popkultur zurückzublicken begann, desto überzeitlicher erstrahlten die vier Charaktere aus Liverpool. Und je sprachloser der DJ sich hinter seinem Pult erhob, desto entschlossener klammerte das Publikum sich in John, Paul, George und Ringo an ewige Familienwerte: Aufmüpfigkeit (aber nicht zu viel), Humor von unten, Harmoniegesang, Teamwork - allen Entzauberungen, die die ebenfalls inflationäre Beatles-Forschung brachte, zum Trotz. Der Rockromancier Nik Cohn hat zuerst bemerkt, dass Lennon der Brutale war, McCartney der Hübsche, Ringo Starr der Liebenswerte und Harrison der Ausgeglichene, aber erst im Quartett alle Eigenschaften sich wie auf einer höheren Ebene ergänzten. "Wo Lennon taktlos war", schreibt Cohn, "war McCartney ein geborener Diplomat. Und wenn Harrison begriffsstutzig wirkte, war Lennon sehr clever. Und wo Starr ein Clown war, war Harrison beinahe melancholisch. Und wenn McCartney ein Ästhet war, war Starr ein einfacher Junge. Immer rundherum und rundherum."