London

Die derzeitige Stimmung in 10 Downing Street? "Herbstlich verhangen", lautete die lakonische Antwort eines Ministers, der zum Kreis der Blair-Getreuen zählt. Nach Wochen des Hochgefühls lassen sich am Hofe von König Tony Anzeichen der Ernüchterung ausmachen. Der Grund sind nicht die düsteren Wolken am innenpolitischen Horizont, Dauerkrisen im Gesundheitswesen und bei der Eisenbahn oder die immer deutlicher zutage tretende Rivalität zwischen Regierungschef und Schatzkanzler Gordon Brown. Dass der Krieg in der Innenpolitik für Entlastung sorgen werde, dieser Illusion hat sich Blair ohnehin nie hingegeben. Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Bald schon dürfte ihm sein außenpolitisches Engagement als Vernachlässigung der Hausaufgaben angelastet werden.

Nein, es ist der Verlauf des Krieges gegen den Terrorismus, der dem Premierminister aufs Gemüt schlägt. Gewiss war ihm der rasche militärische Erfolg in Afghanistan genauso willkommen wie seinen Kollegen auf dem Kontinent. Widerlegt wurden so die Unkenrufe, die eine lange Verstrickung in einen "ungewinnbaren" Konflikt und wütende Aufwallungen in der islamischen Welt voraussagten. Doch der rasche Kollaps der Taliban hat zugleich die internationale Landschaft schlagartig verändert. Tony Blair kann sich nicht länger in der angenehmen Gewissheit wiegen, ein Verbündeter zu sein, dessen Rat Washington zu beherzigen hat. Die Eigendynamik erfolgreicher militärischer Aktionen reduziert automatisch den Einfluss des Briten, der Angriffe auf andere Staaten so lange nicht erörtern möchte, solange "der Job in Afghanistan nicht beendet ist". Drastischer formulierte es ein Berater des Premiers: Viele Leute beten, die Angelegenheit in Afghanistan möge nicht zu rasch abgeschlossen werden

"andernfalls wird der junge Cowboy sich durch nichts bremsen lassen".

Wenig zu spüren ist von jenen euphorischen Aufwallungen, die den Premier der Briten nach dem 11. September rastlos um den Globus trieben. Für jedermann sichtbar war Blair da der Star unter Nebendarstellern und Statisten im Drama um Terror, Geopolitik und Öl. Unter seiner Führung schien Großbritannien erneut zu demonstrieren, dass es auf weltpolitischer Bühne mehr Gewicht besitzt, als es einer Mittelmacht am Rande Europas eigentlich zukommt. Das britische Establishment spricht voll Stolz davon, "Britain is punching above her weight", Großbritannien wächst über sich selbst hinaus. Wie alle Nachkriegspremiers hängt auch Blair an der Vorstellung, England habe zwar ein Empire verloren, vermöge aber in der Welt immer noch eine Sonderrolle zu spielen. Die Präsenz in diversen Allianzen und Institutionen, in Nato, EU, dem Commonwealth und dem Weltsicherheitsrat will er dazu nutzen, den Westen auf einen ethisch unterfütterten Internationalismus zu verpflichten.

Nun wird der Prediger eines neuen Moralismus für die Völkergemeinschaft unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Gewiss erfreute er sich als Sonderbotschafter und Einpeitscher der Allianz gegen den Terrorismus eine Zeit lang besonderer Autorität. Doch sie hing, das wird nun schmerzlich klar, entscheidend ab vom privilegierten Zugang zum Machtzentrum der Welt in Washington. Vor elf Wochen noch hatte George Bush vor dem Kongress in Washington den Briten als "besten Freund" Amerikas gepriesen. Nun ließ er ausgerechnet für Blairs innenpolitischen Gegenspieler den roten Teppich ausrollen. Iain Duncan Smith, Führer der britischen Konservativen, durfte nicht nur ausführlich mit Dick Cheney und Donald Rumsfeld sprechen, die besonders interessiert waren an seiner Analyse der Labour Party. Der Tory-Chef wurde sogar mit einer 45-minütigen Audienz bei Bush selbst beglückt.

Downing Street deutete dies sogleich als gezielten Warnschuss. Den Falken um George Bush hatte Smith zu bieten, was Tony Blair ihnen bislang verweigerte - öffentliche Zustimmung für die Ausweitung des Krieges. In dieser Kernfrage verficht der Premier bislang jedenfalls entschieden den europäischen Standpunkt. Militärische Aktionen gegen Saddam Hussein dürften nur dann erwogen werden, so Blairs Position, wenn "absolut eindeutige Beweise" für die Verwicklung des Iraks in die Terroranschläge von Al-Qaida vorlägen.