Brüssel

Laeken ist ein Vorort von Brüssel. Dort wird Europa, geografisch betrachtet, also Ende nächster Woche einen belgischen Gipfel erleben. Und rein formal darf Gastgeber Guy Verhofstadt, der Premier des kleinen Königreichs, den Staats- und Regierungschefs aus 15 EU-Nationen seine persönliche Tagesordnung vorschreiben. So weit das Protokoll.

Politisch jedoch liegt Laeken anderswo. "Deutsch, deutsch und wieder deutsch" mutet einen belgischen Diplomaten an, was das Treffen vor den Toren der EU-Hauptstadt beherrschen wird: die Frage nach "der Zukunft Europas", die Suche nach einer Wegskizze, die Brüssel - irgendwie, irgendwann einmal - eine veritable Verfassung bescheren soll. Damit nimmt europäische Formen an, was der vermeintliche Privatmann Joschka Fischer im Frühjahr vorigen Jahres mit seiner Rede an der Humboldt-Universität anzettelte. Im Mai dieses Jahres adelte auch der Kanzler, verkleidet als Parteichef, Berlins Begehren nach einer Konstitution für den Kontinent. Sein SPD-Leitantrag zu Europa habe, so sagte Gerhard Schröder kürzlich beim Nürnberger Parteitag, überall "Aufsehen erregt - das sollte er auch". Beifall wogte auf, als umfing die deutschen Genossen ein Hauch von Avantgarde.

Jenseits von Maas, Oder und Belt hingegen klingt das Echo verhaltener. Selbst ein integrationsfreudiger Diplomat aus den Niederlanden argwöhnt, die "teutonische Agenda" sei - trotz ihrer europhilen Vision von einem vollwertigen Parlament in Straßburg und einer Brüsseler Kommission als "starke europäische Exekutive" - vor allem eines: "eine nationale Blaupause, gezeichnet allein nach Berliner Denkmustern". Schröder (mehr als Fischer) male sich ein föderales Europa, dem der deutsche Nettozahler zugleich allerlei Kompetenzen entreißen wolle - "das passt so nicht zusammen".

Das schürt Misstrauen. Und Widerstand bei jenen, die von Brüssels bisheriger Unordnung am meisten profitieren. Prompt warnte Frankreichs Premier Lionel Jospin davor, Europa dürfe "nicht nur ein Gehäuse" sein, sondern müsse "über seine Inhalte, seine Politik" erkennbar bleiben. Ganz ähnlich klingt, was neulich aus einem hochrangigen EU-Berater der portugiesischen Regierung herausbrach: "Die Deutschen wollen Europa als Skelett, als Knochen ohne Fleisch."

Sicher, Paris wie Lissabon verteidigen da ihre baren Interessen - lieb gewonnene Agrarsubventionen, Fördermilliarden aus den Strukturfonds. Aber bei etlichen EU-Partnern grassiert seit Monaten derselbe Verdacht: Berlin meine, wenn es Verfassung sagt, nur die Renationalisierung ganzer Politikfelder - und weniger Tribut an Brüssel. Das SPD-Papier, ein nationaler Wolf im europäischen Schafspelz? "Das stimmt nicht", wehrt Martin Schulz ab, der Vorsitzende der SPD-Gruppe im Straßburger Parlament, "aber vielleicht haben wir zu wenig beachtet, welche Interpretationen das im Ausland auslöst."

Brutale Interessenvertretung