Der 1963 in Frankfurt am Main geborene, heute in Amsterdam lebende Thor Kunkel verdient sein Geld in der Werbebranche. Als Romanautor wurde er erstmals vor zwei Jahren beim Klagenfurter Wettlesen auffällig, als er mit einem Auszug aus seinem Manuskript Das Schwarzlicht-Terrarium einen werbewirksamen Preis gewann. Kaum lag der Debütroman auf den Ladentischen, liegt auch schon sein zweiter daneben. In der Textsumme konturieren sie ein Erzählprogramm, das die Ansprüche der Hochliteratur spielend unterbietet, gleichwohl mehr zu bieten beansprucht als schiere Unterhaltungskost.

Für seinen Erstling hat Kunkel den von Kino, Musik und Mode schon reichlich strapazierten Trash-Fundus der Siebziger geplündert. Das Schwarzlicht-Terrarium ist der Schmöker zum Revival: eine grell-groteske Rückblende in die späten Tage des Disco-Fiebers, fokussiert auf eine Clique junger Loser aus dem "Kamerun". Kamerun nennt Volkes Mund die finsteren Randzonen des Frankfurter Gallusviertels, jene von Alkis und Asis, Amis und Junkies bevölkerte Kehrseite der Finanzmetropole.

In diesem "Terrarium" lurchen und häuten sich Kunkels trübe Biester. Vor allem aber zappeln sie. Wobei die Bewegungsenge im Biotop in krassem Missverhältnis steht zu den Glücksverheißungen von Sex & Drugs & Disco. Aus dieser Diskrepanz bezieht der Roman seine Pointen und Effekte, die bisweilen Tarantino-Komik erreichen. Rio träumt von einer Karriere bei der Nasa, doch als gelernter Kaputtnik fliegt er immer nur in den Orbit seiner toxischen Räusche. Freund Fußmann preist sich ein pharmakologisches Genie, dem in Kürze die Erfindung eines weltverändernden Wunderhalluzinogens gelingen könnte. Was sich bei 640 Leseseiten naturgemäß noch etwas hinzieht. Ungleich schneller zum Erfolg kommt Sonny, kleinwüchsig zwar, aber in puncto Potenz der Größte unter den Größenwahnsinnigen. Der Trübsal blasende Kuhl wiederum - im kollektiven Malheur der Hauptakteur - hält sein Leben für einen "drittklassigen biologischen Film": erst die Fernsehtechniker-Lehre in den Sand gesetzt, jetzt zum nächtlichen Autohüten in einer Tiefgarage verdonnert.

Alles trist und lustig.

Indes: Im Wirbel der Ereignisse, Exkurse und Episoden verliert der Erzähler die dramaturgische Kontrolle über sein Werk. Und damit auch die Beziehung zu seinen Figuren. Hier hätte Kunkel besser daran getan, sein enormes Fabuliertempo einmal zu drosseln und zu gucken, wo die Handlungsstränge eigentlich hinlaufen. Wer will schon für möglich halten, dass ein tapfer vor sich hin onanierender Parkwächter (19) plötzlich einen Schießprügel an die Hand kriegt und den eiskalten Engel macht. Da kann Kuhls Kumpel Eddie, ein schwarzer GI, noch so viel mit Waffen schieben: Ein nervöses Kerlchen wie Kuhl legt keine vier Gangster um. Zum Finale lässt der ansonsten so launige Autor dann Personal und Publikum gleichermaßen im Stich: Nicht nur dass er unseren kriminellen Parkwächter ungefragt auf die Bahamas beamt, auch Fußmann und Rio werden kurzerhand um die narrative Ecke gebracht. Schnelle Schicksale. Und genauso schnell wieder vergessen. Außer vielleicht im "Kamerun".

Ganz anders und viel besser: Ein Brief an Hanny Porter. Nach dem Erstling mit Überlänge ein konzentrierter Kurzroman. Erneut arbeitet Kunkel mit den Erzähltricks des Kinos

wieder weckt sein Schreiben Assoziationen an schwarze Hollywoodkomödien und bunte TV-Dramen. Diesmal jedoch verfügt er souverän über sein Material. Als wüsste dieser medial gewitzte Autor inzwischen sehr viel genauer, was er in und mit seiner Prosa zeigen, erreichen und bewirken will.