Schlechte Nachrichten für mehr als 50 Millionen Krankenversicherte: Fast alle gesetzlichen Kassen beschließen in diesen Tagen Beitragserhöhungen. 14,5 Prozent verlangt die Barmer Ersatzkasse, 14,9 Prozent die AOK Bayern, 13,7 die Techniker-Krankenkasse. Gesetzlich Versicherte mit einem Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze von 6525 Mark erwartet eine Zusatzbelastung von rund 200 Mark im kommenden Jahr. Für Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) steigt der Druck.

Eine Blaupause für eine weitreichende Gesundheitsreform haben jetzt vier renommierte Sozialexperten vorgelegt. Der Kölner Gesundheitsökonom Karl Lauterbach, der Wirtschaftsweise Bert Rürup, der Greifswalder Kassenexperte Jürgen Wasem und der Arzneimittelspezialist Gerd Gläske aus Hamburg empfehlen in einem Thesenpapier eine völlig neue Finanzierung des Systems, härtere Qualitätskontrollen für die Pharmaindustrie und einen verschärften Wettbewerb innerhalb der Ärzteschaft. Künftig sollten die Kassen mit dem einzelnen Arzt, nicht den Ärzteverbänden Verträge schließen. "Das Ziel", heißt es, ist "eine Wettbewerbsordnung, die Verkrustungen, Ständestrukturen und Lobbyinteressen" aufbricht.

Für die Patienten wäre das ein Segen. Das System würde wohl effizienter, die Qualität der Versorgung würde steigen. Der Weg dahin ist allerdings schwierig. Etliche Fachärzte dürften ihre Arztpraxen schließen müssen. Einige Arzneihersteller würden vermutlich vom Markt verschwinden. Apotheken würden durch eine Ausweitung des Arzneiversandhandels herausgefordert. Die großen Pharmakonzerne würden weniger verdienen.

Die Experten haben nicht im stillen Kämmerlein gewerkelt, Ulla Schmidt kennt die Empfehlungen seit längerem genau. Sie weiß aber nicht, was sie sich im Wahlkampf trauen will. Ihr bleibt jedenfalls weniger Zeit, als die Professoren für die Umsetzung vorsehen: Dieser Zeitplan reicht bis zum Jahr 2010.

Auszüge der Empfehlungen:

Versorgungssituation: "Deutschland hat seine Vorbildfunktion im Gesundheitswesen in den letzten Jahren eingebüßt. Die Lebenserwartung liegt unter dem Durchschnitt der Länder der Europäischen Union ...Vergleicht man z.

B. die Sterblichkeit aufgrund eines Schlaganfalls, Diabetes mellitus, Darmkrebs und Brustkrebs mit der Sterblichkeit in Frankreich, Italien, England, Finnland, Schweden, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten, so belegt Deutschland für jede dieser Erkrankungen einen der drei schlechtesten Plätze."