Der Notenständer ist das Orakel, aus dem alles spricht. Auf geschnecktem Dreifuß wächst er wie eine Dornröschenranke in hauchzartem Himmelblau empor und verzweigt sich über der Notenstütze in floralen Mustern. Die Belle Époque wirkt von ferne nach. Und die Eisdielen-Grandezza der Fünfziger.

Schmiedeeisen gewordener Schwung. Umschnörkelte Luft. Rund gebogener Charme.

Wahre Schönheit, sagt diese Skulptur, windet sich elegant um sich selbst, läuft aus im grazilen Kringel. Kein Imageberater der Welt würde einem Orchester nahe legen, sich mit so was auf die Bühne zu setzen. Man kann den Ständer geschmacklos nennen - und doch ist er ein Markenzeichen. Der König selbst hat ihn entworfen. Wie er in seinem Reich bisher noch alles höchstpersönlich erfunden hat: sich und sein Orchester, den Tonfall seiner Musik, die bonbonfarbenen Seidenroben im Fantasie-Rokokostil, in die die jungen Damen des Ensembles verpackt sind. Das alles - und noch ein bisschen mehr - macht den holländischen Walzerkönig André Rieu aus.

Den Dornröschen-Notenständer hat er zu Hause von einem Maastrichter Kunstschmied nach eigenen Plänen anfertigen lassen. "Ich finde ihn schön", sagt Rieu. Vielleicht auch, weil das Eisen perfekt mit den Körperbiegungen korrespondiert, die ihn selbst so galant erscheinen lassen, wenn er Abend für Abend im dunkelblauen Frack auf der Bühne steht, mit dem gepflegten schulterlangen Haar und dem goldenen Johann-Strauß-Taschenuhrkettchen an der Weste.

Ein Abtrünniger der Klassik

Ein Virtuose seines Instruments ist der König nicht, er führt keine technischen Kabinettstückchen oder atemberaubende Soli vor, obwohl er eine Stradivari besitzt. Ein Stehgeiger hat andere Qualitäten. André Rieu geigt seinem Johann-Strauß-Orchester immer nur ein kleines bisschen voran. Aber das mit nonchalanter Kavaliersgeste - wie er den Rücken bei den Kantilenen durchbiegt und an besonders schönen Stellen in den Knien nachfedert, wie er den Geigenbogen immer wieder in großen Kreisbewegungen durch die Luft wirbelt und mit geschlossenen Augen die Brauen über der Nasenwurzel steil stellt beim Vibrato auf einem gedehnten Ton. "Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden ..."

Man darf solche Details nicht gering achten, womöglich sind gerade sie entscheidend. Denn irgendwo zwischen Föhnfrisur und gerafftem Bühnenvorhang verbirgt sich das Erfolgsgeheimnis des André Rieu. Er ist seit Jahren einer der populärsten Stars der leichten klassischen Musik (oder der gehobenen Unterhaltungsmusik, je nachdem, welchen Gattungsbegriff man auf ihn anwenden mag). Jede der großen, 5000 und mehr Zuschauer fassenden Mehrzweckhallen füllt er bei seinen Tourneen zumeist zwei Abende hintereinander. "Ich verkaufe jedes Jahr 500 000 CDs, ohne einen Hit zu haben", sagt er. "Das läuft einfach so."