die zeit: Gemeinsam mit drei anderen Experten fordern Sie eine radikale Kehrtwende in der Gesundheitspolitik. Was würde sich dadurch für die Patienten ändern?

Karl Lauterbach: Sie bekämen eine deutlich bessere Versorgung. Im bestehenden System werden leistungsfähige Ärzte oder Krankenhäuser bestraft, Anbieter niedriger Qualität hingegen belohnt. Die Vergütung ist für alle gleich. Es ist unmöglich, durch hohe Qualität einen besseren Preis oder mehr Anteile im Markt zu erringen. Bisher ist jede Krankenkasse verpflichtet, mit jedem niedergelassenen Arzt zu kooperieren. Wir brauchen aber einen echten Qualitätswettbewerb. In vielen Bereichen fehlen dafür die nötigen Informationen. Bei über 50 Prozent der medizinischen Leistungen ist der Nutzen überhaupt nicht nachgewiesen.

zeit: Wie ist das möglich?

Lauterbach: Hierzulande prüft keine Institution den Sinn und die Effizenz von bereits etablierten Verfahren. Für die Patienten hat das unter Umständen dramatische Folgen. Jedes Jahr werden beispielsweise 100 000 Frauen wegen Brustkrebs operiert, obwohl ihnen gar nichts fehlt. Das liegt daran, dass sich das graue Mammografie-Screening etabliert hat. Dabei wird ohne konkreten Brustkrebsverdacht eine qualitativ schlechte Untersuchung durchgeführt, die häufig zu falsch positiven Befunden führt. Anschließend wird dann operiert, obwohl gar kein Brustkrebs vorliegt. Die Arzneimittelversorgung ist genauso ineffizient. Bei der Behandlung von Bluthochdruck werden beispielsweise sehr teure, neue Präparate eingesetzt, obwohl der Nutzen im Vergleich zu alten, deutlich billigeren Präparaten nie geprüft wurde. Deshalb geben wir jährlich mehr aus für die Blutdrucktherapie, ohne dass die Versorgung besser geworden wäre.

zeit: Warum können solche Scheininnovationen im heutigen System nicht vermieden werden?

Lauterbach: Es gibt grundsätzlich zwei Wege, mehr Effizienz in die Arzneimitteltherapie zu bringen. Entweder der Staat prüft, welche neuen Arzneimittel flächendeckend eingesetzt werden sollen. Oder man überlässt diese Kontrolle dem Markt. Dann müssen eben die Anbieter von Versicherungsleistungen - hierzulande wären das die Krankenkassen - prüfen, welche Arzneimittel eine gute Kosten-Nutzen-Relation haben.

Im Moment haben wir weder die Kontrollinstrumente eines staatlichen noch die eines Marktsystems. Wir verbinden sogar die Nachteile beider Modelle: Zugelassen wird - wie in einem Marktsystem - jedes medizinisch unbedenkliche Medikament. Die Kassen haben aber wenig Chancen, fragwürdige Arzneitherapien zu unterbinden.